Berlin - Die Stadt scheint weit entfernt. Man hört nur Vögel. Und Schüsse. Buchen, Eichen und Kiefern verdecken die Sicht auf den Schießstand Wannsee. Hier üben das SEK, Sportschützen, der Zoll, Botschaften und die Jungjäger. Heute ist nur eine einzige Frau hier, sie hat lange Locken und eine gute Figur. Sie wirkt auf eine unauffällige Art durchtrainiert. Das ist wichtig, denn Anne Kamratowski ist Personenschützerin.

Mehrmals im Monat mietet sie eine der riesigen Hallen, um körperliches Training mit Schießübungen zu kombinieren. Die Pistole bringt sie mit. Sie markiert am Boden acht Meter Abstand zur Schießscheibe, die Waffe legt sie ungeladen auf einen Tisch. Dann sprintet sie 50 Meter Richtung Eingang, macht zehn Liegestütze auf ihren Fäusten, sprintet 50 Meter zurück, wirft sich im Rennen in eine Vorwärtsrolle, nimmt die Waffe, lädt sie ohne hinzusehen und schießt auf eine winzige Scheibe. Alle vier Schüsse gehen ins Schwarze. Sie ist fit. Über ihr Alter spricht sie nicht.

Begleitung in Boutiquen

Ihren Beruf hat sie gelernt. 1200 Unterrichtsstunden umfasst die Ausbildung an der Potsdamer Akademie für Personenschutz und Sicherheit. Die Chefs sind Horst und Ewa Pomplun. Der ehemalige Polizist holte vor 27 Jahren seine Freundin als erste Frau in den Beruf. Eigentlich war sie Goldschmiedin, aber er brauchte Unterstützung. Denn er beschützte nicht nur Scheichs und königliche Hoheiten, er musste auch die Gattinnen und Töchter beim Einkaufen begleiten. Was dauern konnte. Als er wieder einmal viele Tassen Kaffee lang in einer Boutique wartete, während sich eine verwöhnte Tochter vor dem Spiegel drehte, begriff er: Dieser Beruf braucht auch Frauen.

Das Weibliche zeigt sich aber nicht in der Ausbildung, die ist für beide Geschlechter gleich. Zusammen mit der Industrie- und Handelskammer entwickelte er das Berufsbild „Personenschützer“. Zu den Prüfungsfächern gehören Wasserrettung, Observation, Funkeinweisung, Gesetzeskunde, Sicherheitsfahrtraining, Schusswaffenausbildung, Gefährdungsanalysen, Psychologie und mehr.

Die Ausbildung ist so individuell, dass jeder an seine Grenze gebracht wird, damit er die eigene Grenze kennt. Der Ernstfall wird so realistisch simuliert, dass der Adrenalinspiegel auch ohne wirkliche Lebensgefahr ansteigt.

Anne Kamratowski hat die Ausbildung mit Bravour absolviert. Das ist nicht bei jedem so, die Jüngeren brechen eher ab. Rennen, Schreien, Robben, Rollen, Schießen, Fallen, Springen, die Herzfrequenz schnellt in die Höhe. Anti-Terror-Kampf, plötzliche Angriffe – gefährliche Situationen werden Hunderte Male trainiert. Die Fachakademie besitzt vier Ausbildungszentren, verschiedene Übungsgelände und einen eigenen Fuhrpark mit Motorrädern und Fahrzeugen der gehobenen Klasse. Und Autos zum Üben. Beim Extrem-Fahrtraining werden die Flucht und die rettende 180-Grad-Wende trainiert. Die Verfolgung der Angreifer gehört nicht zur Aufgabe der Personenschützer.

Anne Kamratowski kann außerdem Lkw fahren, ein Motor-Boot steuern, sie besitzt einen Panzerlimousinen-Führerschein und trägt den grünen Shotokan-Karate-Gürtel. Ihr Berufsleben dreht sich um Sicherheit, Beratung und Fitness.

In ihrem Garten, vor der Garage, an der Hauswand hat sie Makiwaras aufgebaut, ein Sportgerät der japanischen Kampfkultur. Die Geräte sehen aus wie abgebrochene Zaunlatten, oben mit einem Schutzpolster umwickelt. Traditionell besteht ein Makiwara aus einem biegsamen, nicht brechenden Holzbrett, das im Boden fest verankert ist. Geübt werden Schlagtechniken mit der Faust. Da ein Makiwara beim Zuschlagen zurückfedert, stellt das Training besondere technische und mentale Ansprüche.

Ihr Trainer Sergej, Europameister im Shotokan Karate, sagt: „Man muss die Übung in den Alltag einbauen. Am besten, man stellt das Gerät da auf, wo man sowieso vorbeiläuft.“ Er selber hat eine Selbstverteidigungsschule und sorgt dafür, dass Anne Kamratowski täglich an ihrer Fitness arbeitet.

Für ihren Job als Chefin einer Wirtschafts- und Sicherheitsberatung ist das Voraussetzung. Mitunter dreht eine Schutzperson völlig durch und gerät in Panik. Dann gilt es, die zu beschützende Person „in Schach zu halten“. Vor einiger Zeit hatte sie so einen Einsatz. Als Freundin getarnt besuchte sie mit ihrer Schutzperson ein Lokal. Sie saß mit dem Mann am Tisch und wollte ein Bier trinken, da fiel ein Schuss. „Ich habe meine Zielperson in Deckung gebracht, den Tisch und eine Bank umgelegt und sie dahinter flach auf den Boden gedrückt, bis die Polizei kam. Man hätte in dieser Situation nicht fliehen können, weil die Täter wahrscheinlich auch die Tür benutzt hätten, und dann wären wir denen über den Weg gelaufen. Der Schuss war gar nicht gegen meine Zielperson gerichtet, aber es hätte auch anders sein können.“

Die Sicherheitsermittlung im Vorfeld gewinnt immer mehr an Bedeutung. In welchem Umfeld bewegt sich der Mandant? Was sind die Schwachstellen? Welche Wege legt man für den Einsatz fest? Welche kritischen Personen könnten im Umfeld sein? Orten, beobachten und dingfest machen, bevor überhaupt irgendwas passiert.

Der Gefahrenstufe entsprechend wird das Team zusammengestellt: Sind fünf Mann dafür vorgesehen, dann prüft ein Voraufklärer den Zielsektor, schaut, wie die Beschaffenheit vor Ort ist. Es folgt der Pointman, der vorne läuft. Dann kommen zwei Mann links und rechts neben der Schutzperson und ein Mann, der von hinten gegebenenfalls abwehren muss. Horst Pomplun erzählt, dass diese Kombination „häufiger im Alltag ist, als man denkt. Sie fällt nur nicht auf, denn die Personenschützer arbeiten diskret. Keine Muskelprotze, kein sichtbares Ohrbesteck, keine auffälligen Autos“.

Aber es gibt auch ganz andere Kombinationen.

Es kann sein, dass Anne Kamratowski als Begleiterin eines Wissenschaftlers, der Geheimnisträger ist, zum festlichen Empfang geht. Sie wird mit ihren Haaren den Knopf im Ohr verdecken und mit einer Stola über dem Abendkleid die kleine Tasche am Gürtel. Die Begleiterin soll glaubwürdig wirken, sie darf nicht die Blicke auf sich ziehen.

Klavierunterricht und Reiten

Oder sie agiert als Nanny in der Familie eines bedrohten Industriellen. Sie bleibt an der Seite der Kinder, setzt ihnen Mützen auf, wenn sie aus dem Haus kommen und beobachtet dabei aus dem Augenwinkel die Straße. Sie geht mit zur Schule, zum Klavierunterricht, zum Reiten.

Oder sie begleitet einen Geschäftsführer zu einer internationalen Tagung. Da geht es weniger um körperliche Bedrohung, sondern vorrangig um die Sicherung vertraulicher Unterlagen. Anne Kam-ratowski tritt als seine Sekretärin auf, achtet aber während der gesamten Tagung darauf, ob es im Konferenzraum versteckte Kameras gibt, ob jemand mit einem Aufnahmegerät die Verhandlungsgespräche mitschneidet.

Sie hat auch ein eigenes Büro. Und dann hat sie noch dezente Orte ohne Postadresse für Gespräche mit Mandanten. Die Mandanten sind Menschen, die sie buchen oder sich von ihr sicherheitsstrategisch beraten lassen wollen. Denn immer mehr Personengruppen sind heute mittel- oder unmittelbar gefährdet. Sie vermutet die Ursache für diesen Anstieg auch darin, dass die heutige Erbengeneration enorme Werte aus der Vorgeneration übernimmt und moderne Kommunikationstechniken zunehmend von kriminellen Netzwerken genutzt werden.

Manchmal hilft sie auch, wenn Dinge verschwinden. Das ist ein häufiges Problem bei Erbschaften. Ältere Leute haben oft ihren Schmuck versteckt. Die Erbenden wissen von seiner Existenz, finden ihn aber nicht. Man sucht und sucht, klopft an Böden und Wände und findet – ein eingemauertes Zimmer. Mehrmals schon, sagt sie. Bisher ohne Leiche.

Anne Kamratowski hat dafür eine spezielle Sicherheitsberatung aufgebaut. „Wir können in Immobilien verschwundene Sachen suchen, die man als Normalbürger nicht unbedingt finden würde. Wir wissen, wie man mit Spuren umgeht, wie man sie bewahrt. Wir haben eine spezielle Methodik gelernt, mit der man durchsucht und nichts übersieht. Wenn es kriminelle Ausmaße annimmt, dann übergeben wir den Fall der Polizei. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass wir etwas finden, ist schon hoch.“

In dem Arbeitsbereich von Anne Kamratowski wird viel geschwiegen. Die Leute regeln die Probleme auf ihre Weise. Viele Bedrohungen sind nicht dokumentiert, was einem ins Ohr geflüstert wird ohne Zeugen, kann man anzeigen, doch es gibt keinen Beweis. Bedrohung kann sehr subtil sein. Wenn ein Erpresserschreiben unter der Tür hindurchgeschoben wird: Zahle oder ich erschieße dich! Dann kann man was unternehmen. „Aber wir haben auch Mandanten, denen Leute geschickt wurden, um Angst zu verbreiten. Dann übernehmen wir den Personenschutz.“ Solche Bedrohungsszenarien sind häufig in ihrem Berufsalltag.

Sie hat schon viel erlebt: „Wenn plötzlich das Familienoberhaupt stirbt, das gleichzeitig Geschäftsführer war, und die Familie Immobilien und Geld erben soll, kann im selben Moment eine Gefahrensituation eintreten: Die Witwe ist in Trauer und von der Situation überrumpelt. Plötzlich tauchen Leute auf und behaupten, dass sie noch Geld vom Chef zu kriegen haben. Dann gibt es da noch eine Eigentumswohnung, in der aber die Geliebte wohnt. Ein fremder Mann lädt inzwischen das Meissner Porzellan in seinen Kofferraum.“

Als Anne Kamratowski den angesprochen hat, ging er auf sie los. Er rechnete nicht damit, dass diese Frau eine Kampfausbildung hat und ihn zu Boden drückte, bevor er mit dem Porzellan flüchten kann. Ihr Einsatz ist eine Kombination aus Verteidigung, Dokumentation, Bewachung, Beratung und Beruhigung. Auch das gehört zu ihrem Job – mal jemanden in den Arm nehmen, der es gerade braucht. Mitunter führt schon die Anwesenheit einer Personenschützerin dazu, dass der Täter sein Risiko neu kalkuliert.

Stress mit Fans

Eine knifflige Aufgabe sind Bodyguard-Einsätze für Künstler und andere bekannte Persönlichkeiten, die sich im öffentlichen Bereich aufhalten. Oft kommen Fans und wollen sich mit der Schutzperson fotografieren lassen. Das ist gefährlich, denn die sind ganz dicht dran. Kontrolle ist da fast unmöglich. Arm in Arm stehen der Prominente und sein Fan, sie lächeln ins Handy, und der Personenschützerin läuft der Schweiß den Rücken runter.

Noch kommt in der Ausbildung eine weibliche Personenschützerin auf zehn männliche Bodyguards. Mehr sind erwünscht, denn Frauen sind unauffälliger einsetzbar.

Es ist auch ein gefährlicher Beruf. Aber Anna Kamratowski hat gelernt: „Man übt, keine Angst zu haben. Man kann nicht effektiv arbeiten, ohne den Adrenalinspiegel zu kontrollieren. Wenn ich in so eine Situation eintrete, dann bin ich sozusagen im Aktionsmodus.“

Aber Miss Bodyguard kann auch in den Stille-Modus schalten: Zwischen den Einsätzen geht sie in ihre Werkstatt und restauriert Puppenstuben. Seit Jahren sammelt sie Originale aus der Zeit um 1900. Inzwischen sitzen etwa 250 Puppen in historischen Küchen, Wohnstuben, Läden und Apotheken. Eingerichtet bis in kleinste Details.

Als Kind hat sie nie mit Puppen gespielt, eher mit Soldaten- und Polizeifiguren. Mit zwölf Jahren ging sie zu einer führenden Detektei. Sie kam bis zum Chef und fragte, ob er sie nicht für bestimmte Fälle einsetzen könne. Sie würde auch diskret ermitteln. Er war sehr nett und schenkte ihr ein Buch über Ermittlerarbeit. Anna Kamratowski geht an ihr riesiges Bücherregal im Büro und zieht es heraus. „Ich guck da heut noch manchmal rein.“