Kurz vor den Sommerferien sorgte ein Schreiben des Bezirksamts Reinickendorf für Wut und Empörung bei Eltern, Lehrern und Schülern der Peter-Witte-Grundschule in Reinickendorf. Das Amt kündigte an, die Schule zu schließen, man sei gezwungen, ab 2013 keine neuen Schüler mehr aufzunehmen. Der Brandschutz sei nicht mehr gewährleistet, teilten Baustadtrat Martin Lambert und Schulstadträtin Katrin Schultze-Berndt (beide CDU) in dem Brief mit.

Die notwendigen 6,5 Millionen Euro für die Sanierung des 40 Jahre alten Schulgebäudes könne der Bezirk nicht aufbringen.

Doch jetzt ist plötzlich alles anders: Der Bezirk hatte ein zweites Baugutachten in Auftrag gegeben, und dieser zweite Gutachter stellte fest, dass die Sanierungskosten samt Brandschutz lediglich bei 2,5 Millionen Euro liegen würden, also vier Millionen Euro weniger. „Diese Kosten kann der Bezirk stemmen“, sagt Baustadtrat Lambert nun.

Vage Schätzung

Damit werde die Schule erhalten bleiben, wenn es die Schülerzahlen zulassen. Am Mittwochnachmittag wollten Eltern, Schüler und Lehrer zur Bezirksverordnetenversammlung ziehen und dort kritische Fragen stellen.

Aber wie kam es zu den widersprüchlichen Angaben? Der erste Baugutachter hatte offenbar nur eine vage Schätzung vorgenommen, entgegen den Erwartungen des Bezirksamts war er auch nie vor Ort in der Schule, sondern hat sich in seinem Gutachten nur auf Fotos und Baupläne gestützt.

Stadtrat Lambert hat der Firma mittlerweile schriftlich mit juristischen Schritten und Schadenersatzforderungen gedroht. Damit die gut 300 Schüler nach den Sommerferien zunächst weiter die Schulen besuchen durften, hat der Bezirk in der Ferienzeit provisorische Brandschutztreppen für etwa 150 000 Euro einbauen lassen.

Akteneinsicht beantragt

Der Bezirk hatte eine externe Firma mit der Begutachtung der Schule beauftragt, weil es die Bezirksamtsmitarbeiter wegen Arbeitsüberlastung und Krankheit seit Langem nicht mehr schaffen. Jener Erstgutachter war davon ausgegangen, dass die Stahlkonstruktionen des Gebäudes komplett ungeschützt seien. Nach den geltenden Brandschutzbestimmungen wäre so etwas nicht zulässig gewesen. Man hätte die Decken aufbrechen müssen, um die gesamte Konstruktion zu erneuern. Doch der zweite Baugutachter stellte fest, dass das gar nicht so war.

Betreuung bis nach 16 Uhr

Elternvertreter wollen nun wissen, wie es zu den Fehlinformationen kommen konnte. Michael Freske, Vater eines Kindes an der Schule, hat bereits Akteneinsicht beantragt. Eltern schließen nicht aus, dass es politische Ränkespiele gab, die Schule zu schließen.

Denn wegen sinkender Schülerzahlen gilt in Reinickendorf zumindest die Schließung einer Grundschule als geboten. Doch offenbar haben Bezirksbürgermeister Frank Balzer (CDU) und die Stadträte im Bezirksamt den Protest der Eltern an der Peter-Witte-Grundschule in Wittenau wohl unterschätzt.

Tatsächlich ist die Schule eine von drei gebundenen Ganztagsschulen im Bezirk, also laut Bildungsverwaltung ein Zukunftsmodell. Eltern wählen diese Schule aus, weil sie den Schülern nach dem Unterricht eine Betreuung bis nach 16 Uhr anbietet. Bisher gab es jedes Jahr mehr Anmeldungen als Plätze.