Berlin - „Weil wir Euch lieben“: So lautet der Werbespruch der landeseigenen Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Weil wir uns fürchten: So antworten Menschen, die dagegen protestieren, dass Fahrscheinkontrolleure Fahrgäste belästigen, diskriminieren oder schlagen. Nun sammeln sie Unterschriften für eine Petition, die sie beim Abgeordnetenhaus eingereicht haben. Und sie kündigen an, die Aufsichtsratsvorsitzende Ramona Pop und Vorstandschefin Eva Kreienkamp zu besuchen, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. „Es kann nicht sein, dass gegen Menschen körperliche Gewalt angewendet wird, nur weil sie ohne gültiges Ticket BVG fahren“, sagte Annabelle Mandeng der Berliner Zeitung. Die Schauspielerin und Moderatorin hat die Petition organisiert – zusammen mit der Sängerin Malonda, der ZDF-Journalistin Anna-Rebekka Helmy sowie anderen Mitstreiterinnen und Mitstreitern.

„Mir ist bei Fahrscheinkontrollen bislang nichts passiert“, sagte Mandeng. Doch das Team rund um „Black Womxn Matter Deutschland“ habe viele Fälle dokumentiert, in denen der Frage nach der Fahrkarte Gewalt gefolgt sei. „Das waren Herangehensweisen, mit denen die Kontrolleure Grenzen überschritten haben“, sagte sie.

Schulterbein und Schulterblatt gebrochen

Ein Fall habe sich am 16. Dezember, um 12.25 Uhr in der U-Bahn-Linie U5 ereignet. „Abbéy, Dr. phil., Gastdozent, Vater und Ehemann, verlässt im Beisein von drei BVG-Kontrolleuren die U-Bahn. Er besitzt einen gültigen Fahrschein, ihm fehlt ein zusätzliches Fahrrad-Ticket, er wiederholt seine Bereitschaft zur Kooperation mehrfach“, so der Bericht. „Die drei Kontrolleure drängen ihn Richtung Treppe, wo der tätliche Angriff erfolgt. Ein gebrochenes Schulterblatt, ein gebrochenes Schlüsselbein, zwei angebrochene Rippen, Quetschungen an der Lunge und sechs Stunden Operation. Anzeige wurde erstattet, das Verfahren läuft.“ Abbey habe 60 Euro zahlen müssen.

Ein weiterer Vorfall dieser Art soll sich am 19. Januar, um kurz vor zwölf Uhr mittags im Bus M85 zugetragen haben, heißt es weiter. „Khadija, Flugbegleiterin und Mutter, muss den Bus verlassen. Tagesticket in den Händen, ungestempelt. Proteste der Fahrgemeinschaft, sie sei doch gerade erst zugestiegen, werden ignoriert. Die Frau trägt keinen Ausweis bei sich, die Kontrolleure wollen ihren Handtascheninhalt sehen, sie rufen die Polizei. Begründung, man wolle sicher gehen‚sie sei keine Illegale‘. Ihr wird ein Toilettengang verweigert, ein grundlegendes Menschenrecht“, so der Bericht. „Gefolgt von der tiefen Demütigung, ihre Notdurft gezwungenermaßen zwischen zwei parkenden Pkw zu verrichten. Im Beisein der Kontrolleure, von denen einer sie hierfür verhöhnt.“ Auch Khadija sei mit 60 Euro zur Kasse gebeten worden.

„Wir nehmen solche Beschwerden sehr ernst“

Nicht nur PoC, People of Color, seien betroffen, sagte Annabelle Mandeng. „Das ist ein Problem, das alle angeht“, sagte sie. Klar sei auch, dass Kontrolleure natürlich nicht nur in Berlin ausfallend oder handgreiflich werden. Doch die deutsche Hauptstadt und das größte deutsche Nahverkehrsunternehmen seien nun einmal im Fokus.

Die BVG habe auf ihre Petition bereits reagiert, berichtete Mandeng. Aus ihrer Sicht aber „nur mit einem platten Lippenbekenntnis“. Aktionen seien dem bisher nicht gefolgt. Der Berliner Zeitung sagte Unternehmenssprecherin Petra Nelken am Freitag: „Gerade weil wir selbst so ein vielfältiges Unternehmen sind, nehmen wir solche Beschwerden sehr ernst. Diskriminierung, gleich welcher Art, wird bei uns nicht geduldet! Die Überprüfung der beiden konkret genannten Vorfälle läuft.“

Auch beim BVG-Personal sei „das gesamte interkulturelle Spektrum vertreten, und auch unser Personal ist immer mal wieder Angriffen ausgesetzt. Allein schon deshalb treten wir als BVG gegen Diskriminierung ein und leben dies vor“, so Nelken weiter. „Und, selbstverständlich ist bei der Ausbildung unserer Sicherheitskräfte und des Kontrollpersonals, auch bei allen unseren Dienstleistern, das Thema ‚interkulturelle Kompetenz‘ Bestandteil der Qualifikation in Form eines Seminartages.“ Angesichts der Vielzahl der täglichen Kontrollen seien derartige Vorfälle aber Ausnahmen, betonte die Sprecherin der Verkehrsbetriebe. „Diese werden jeweils im Einzelfall sehr genau geprüft und konsequent im arbeitsrechtlichen Rahmen geahndet.“

Unterschiedliche Versionen zum Fall im Bus M85

Aus dem Verkehrsunternehmen war zu erfahren, dass es intern zum Fall Abbéy bisher keine Informationen gebe. Deshalb habe die BVG mit der Polizei Kontakt aufgenommen, um die Sache aufzuklären. Im zweiten Fall würden Videoaufnahmen aus dem Bus zeigen, dass die Frau schon im Fahrzeug war, als die Kontrolleure einstiegen, hieß es. Erst dann habe sie sich mit ihrem noch ungestempelten Fahrschein auf den Weg zum Entwerter gemacht. Der Bus sei ziemlich voll gewesen, entgegnete Annabelle Mandeng. Khadija arbeitete sich durch das Gedränge in Richtung Entwerter, als sie von den Kontrolleuren aufgehalten wurde. Zeugen könnten dies bestätigen. In jedem Fall gelte, dass das Verhalten des Kontrollpersonals absolut inakzeptabel gewesen sei.

Die Gruppe bleibt bei ihrer Kritik. „Fahrscheinkontrolleure und Sicherheitspersonal verbreiten Angst und Schrecken in öffentlichen Verkehrsmitteln unserer Stadt“, heißt es zu der Petition. „Rassistische Diskriminierung, Diskriminierung auf Basis des Alters, des sozialen Standes und des Geschlechts, Anzüglichkeiten, Erniedrigungen bis hin zur körperlichen Gewalt – all das im Namen eines fehlenden Fahrscheins? Grundrechte gelten auch für Personen ohne gültiges Ticket. Es reicht!“

„Es ist Zeit für strukturelle Lösungen“, heißt es. Eine der Forderungen: „Die parlamentarische Aufarbeitung und Gründung einer Enquete-Kommission zur Aufklärung systematischer Diskriminierung und Gewalt durch Sicherheitspersonal im öffentlichen Nahverkehr von Berlin noch in dieser Legislaturperiode.“ Verlangt wird auch die „eingehende Prüfung des Kontrollpersonals von Fremdfirmen auf systematisches Versagen hin“.

Die Berliner Grünen-Abgeordnete June Tomiak hat zu dem Thema eine parlamentarische Anfrage gestellt, berichtete Mandeng. Einstweilen bestünde die Möglichkeit, die Petition bei Chance.org namentlich zu unterstützen. Bis zum frühen Freitagnachmittag kamen mehr als 27.000 Unterschriften zusammen.