Seit mehr als 25 Jahren prägt Petra Pau die Linke, ehemals PDS. Seit fast 20 Jahren ist sie Bundestagsabgeordnete. Da ist es fast eine Überraschung, dass sie dieses Jahr zum ersten Mal auf Platz 1 der Landesliste stehen soll. Am Sonnabend soll ein Parteitag den Vorschlag der Parteiführung bestätigen. Wir sprachen mit Petra Pau über Wahlkampf in Zeiten von Fakenews, über die Konkurrenz durch die AfD – und natürlich über Schulz und die Möglichkeit einer rot-rot-grünen Koalition.

Frau Pau, am Sonnabend wählt Sie Ihr Landesverband zur Berliner Spitzenkandidatin für den Bundestagswahlkampf ...

… ich kandidiere für den ersten Platz …

Voraussichtlich ohne Gegenkandidaten. Es wird Ihr sechster Bundestagswahlkampf, sind Sie nervös?

Ja.

Warum?

Jeder Wahlkampf ist neu und anders. Man kann nichts als gegeben nehmen, was man einmal errungen hat. Ich musste das 2002 erfahren, als Gesine Lötzsch und ich unsere Wahlkreise zwar gewonnen hatten, unsere Partei aber den Einzug nicht schaffte. Und die Zeiten sind rauer geworden. Wir müssen uns sehr gut überlegen, wie wir unter diesen Bedingungen möglichst viele Bürgerinnen und Bürger erreichen.

In den Umfragen liegen die Linken stabil, auch SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz konnte der Linken bisher wenig anhaben. Fürchten Sie, dass sich das ändern könnte?

In einen Wahlkampf geht man nicht mit Furcht, sondern mit Optimismus und vor allem: auf eigene Rechnung. Ich werbe für machbare Alternativen, für mehr soziale Gerechtigkeit, für mehr Demokratie und für Friedenspolitik. Wenn die SPD es mit ihrem Kandidaten schafft, dass sich mehr Menschen für die Wahl interessieren, ist das gut. Wenn sie dann auch noch inhaltliche Korrekturen vornimmt, ist das noch besser. Aber ich gehe mit eigenen Positionen in den Wahlkampf – als Politikerin links von der SPD.

Rückt die Linke nach links, wenn die SPD nach links rückt?

Na, vielleicht treffen wir uns ja.

Auf der anderen Seite hat Ihre Partei in mehreren Landtagswahlen auch Stimmen an die AfD verloren. Lassen sich diese Wähler zurückholen?

Alle Parteien haben Wähler an die AfD verloren …

… aber bei der Linken überrascht es besonders.

Die AfD gewinnt sowohl Nichtwähler, als auch Wähler, die von ihren bisherigen Parteien enttäuscht sind. Wir sollten auf unsere Positionen setzen, aber auch darum werben, dass man sich für machbare Alternativen entscheidet, nicht für das pure Dagegensein – denn damit profiliert sich die AfD in den Landtagen. Ich weiß sehr wohl, dass ich in der Vergangenheit auch von Menschen gewählt wurde, die meine Haltung nicht hundertprozentig teilen – etwa, wenn es um die Unveräußerlichkeit von Menschenrechten für Flüchtlinge geht. Doch dazu stehe ich. Bei der Abgeordnetenhauswahl haben wir im Übrigen gesehen, dass die Linke am wenigsten Wähler an die AfD verloren hat. Haltung wird belohnt.

Dafür gingen in Marzahn-Hellersdorf und Lichtenberg mehrere Wahlkreise von der Linken an die AfD. Was hat Ihre Partei falsch gemacht, was wollen Sie besser machen?

Die Linke hat nichts falsch gemacht. Aber wir sind gut beraten, noch entschiedener mit unseren Positionen in den Wahlkampf zu ziehen und uns die Themen nicht von anderen vorgeben zu lassen. Wir müssen deutlich machen, dass im Land etwas gründlich schief läuft. Wir müssen die wachsende Armut bekämpfen müssen. Wir brauchen ein geeintes, demokratisches Europa und eine friedliche Außenpolitik. Wir müssen uns gegen den Terrorismus wehren – gegen islamistischen wie den rechtsextremen.

Gregor Gysi schrieb kürzlich auf Facebook, die Linke habe nur eine Chance, wenn sie gemeinsame Positionen zur EU, zum Euro und zur Flüchtlingspolitik findet …

… da hat er Recht!

Wie überzeugen Sie Sahra Wagenknecht davon?

Ich erlebe eine Fraktionsvorsitzende, die davon ebenfalls überzeugt ist. Und ich sehe, dass wir bei unserer Arbeit am Wahlprogramm gut vorankommen. Aber wir haben noch viel zu tun. Wir müssen Nichtwähler besser ansprechen und Menschen, die sich von demokratischen Prinzipien abgewandt haben. Das betrifft beispielsweise den Online-Wahlkampf.

Wie wollen Sie ihn betreiben?

Die Diskussionen werden rauer, es werden mehr Fakenews, also Lügen in die Welt gesetzt. Auf so etwas müssen wir immer schneller reagieren.

Sie sind sowohl im Netz, als auch in Ihrem Kiez attackiert worden. Verändern Sie solche Übergriffe?

Nicht allzu sehr, hoffe ich. Aber diese offene Aggressivität hat mich anfangs erschreckt. Mich erreichen Hass- und Drohbriefe, die mit vollem Klarnamen unterschrieben sind.

Vor anderthalb Jahren versammelte sich auch ein Mob vor der Tür Ihres Wohnhauses in Marzahn.

Um es klar zu sagen: Jeder Bürger hat das Recht, sich zu versammeln und zu demonstrieren– von mir aus auch gegen meine Politik. Aber es gibt Grenzen, und die gelten für alle Politiker jeder Partei. Die Wohnung muss unverletzlich bleiben. Und die Angehörigen dürfen nicht in Konflikte hereingezogen werden.

Anders gefragt: Wie wünschen Sie sich die politische Auseinandersetzung?

Wir sollten hart in der Sache streiten. Die Bürger sollten schon merken, dass wir in unterschiedlichen Parteien sind und unterschiedliche Lösungen für real existierende Probleme anbieten. Aber es darf keine persönlichen Beleidigungen geben. 2013 haben meine CDU-Konkurrentin Monika Grütters und ich einen solchen Wahlkampf in Marzahn ausgetragen. Es gab damals einen Konflikt um eine geplante Flüchtlingsunterkunft, und die Attacken gegen uns beide aus rechtsextremen Kreisen waren heftig. Wir sind darum gemeinsam mit den anderen Kandidaten der demokratischen Parteien aufgetreten, haben deutlich gemacht, was uns trennt, aber wir haben auch gemeinsam deutliche Grenzen gezogen.

Ist die Marzahner Wahlkreiskandidatin Jeannette Auricht von der AfD für Sie eine demokratische Mitbewerberin?

Ich hatte noch keine Gelegenheit, Sie kennenzulernen. Aber wenn es um ihre Partei geht: ganz deutlich nicht. Mit der AfD haben wir erstmals seit 1945 eine Partei, die einer Religionsgemeinschaft das Existenzrecht in der Bundesrepublik abspricht, nämlich dem Islam.

Sie bekleiden als Bundestagsvizepräsidentin eines der höchsten Ämter im Staat. Schadet Ihnen das im Wahlkampf? Viele wünschen sich die Linke ja immer noch als Anti-Establishment-Partei.

Ach, wissen Sie – als Lothar Bisky mir 2006 vorgeschlagen hat zu kandidieren, habe ich mich gefragt: Kann ich meine Positionen immer noch so akzentuiert vertreten, also für Bürgerrechte und Demokratie, gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus? Dann habe ich einen Rat bekommen von einem guten Freund, übrigens aus der FDP. Er hat gesagt: Wenn du als Vizepräsidentin agierst, dann überparteilich und ohne Ansehen der Person. Und wenn du für die Fraktion ans Pult trittst, dann hart in der Sache, aber niemals menschlich verletzend.

Da lässt sich raushören, dass es Sie nicht in ein Ministerinnenamt zieht, falls es eine rot-rot-grüne Koalition gibt.

Ich bin Parlamentarierin mit Leib und Seele. Ich trete an, um meinen Wahlkreis zu vertreten und mit einer möglichst starken Fraktion und starken Berliner Landesgruppe in den Bundestag einzuziehen.

Sollte sich die Linke an der Regierung beteiligen, oder ist sie auf Bundesebene in der Opposition besser aufgehoben?

Ich rate uns, dass wir für soziale Gerechtigkeit, Demokratie und ein friedliches Europa kämpfen. Wenn die Linke die Möglichkeit hat, das in Regierungsverantwortung zu tun, dann sollten sie wir nicht ängstlich werden, sondern das Mandat der Wählerinnen und Wähler nutzen. Deutschland braucht – so oder so – eine starke Linke. Zu der Zeit, als wir schwach waren, wurde die Agenda 2010 beschlossen. Mit den Folgen müssen wir bis heute leben.

Rot-Rot-Grün in Berlin hätte ein Vorbild sein können für den Bund. Davon redet nach dem verpatzten Start niemand mehr. Haben Sie noch Lust, etwas dazu zu sagen?

Dass der Start, freundlich ausgedrückt, verstolpert war, fand ich nicht gut. Aber ich habe gerade die Bilanzen der ersten 100 Tage gelesen. Beispielsweise macht unsere Sozialsenatorin Elke Breitenbach eine hervorragende Arbeit, ebenso Katrin Lompscher und Klaus Lederer. Ich denke, wir sollten mit den vielen guten Resultaten selbstbewusst in den Wahlkampf gehen.

Das Gespräch führte Frederik Bombosch.