Berlin - Schritt für Schritt wird es nebenan schicker. Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche auf dem Breitscheidplatz kann das Facelifting der City West nicht einfach ignorieren. Über die neue Zeit sprechen wir mit Pfarrer Martin Germer. Wir treffen ihn auf dem Baugerüst der historischen Turmruine.

Herr Germer, Ihre Kirche wirkt durch das Gerüst von weitem jetzt wie ein Hochhaus. Ist das eine verkappte Botschaft? Passt sich die Gedächtniskirche ihrer Umgebung an?

Das war keine gewollte ästhetische Entscheidung. Ein Gerüst an so einem Platz muss verkleidet sein, damit keiner raufklettern, drinnen witterungsgeschützt gearbeitet werden und den Passanten nichts auf den Kopf fallen kann. Ich hätte gern komplett Plexiglas gehabt, damit man dahinter den Turm sieht, aber das wäre zu teuer geworden. Und da hat der Gerüstbauer ordnungsliebend immer abwechselnd eine Lage mit Aluplatten, eine mit Plexiglas verkleidet.

Der Hochhaus-Effekt ist deutlich.

Ja, und er hat schon unendlich viele Irritationen ausgelöst. Dauernd stehen hier Touristen mit ihrem Reiseführer und fragen sich, wie die Kirche mitten drin ein Hochhaus bauen kann.

Ihre Kirche zieht Touristen und Architekturfans an. Haben Sie überhaupt noch ein Gemeindeleben?

Natürlich. Mit zwei Gottesdiensten pro Sonntag, täglichen Kurzandachten und sehr viel Musik. Wir haben etwa 3 200 Gemeindemitglieder. Wir haben auch ein Gemeindehaus an der Lietzenburger Straße. Da gibt es Konfirmanden, einen Seniorenkreis und einen Kindergarten. Wir sind in den letzten Jahren aber dazu übergegangen, möglichst viel auf dem Breitscheidplatz zu machen. Die Kirche ist der Schwerpunkt unserer Aktivitäten.

Wer ist denn aktiv?

Wir sind zwei Pfarrer. Wir haben einen Kirchenmusiker, eine halbe Stelle im Büro und drei Kirchwarte; das ist alles nicht besonders viel. Und dann haben wir 130 Ehrenamtliche, zum Beispiel all diejenigen, die sieben Tage in der Woche den Verkaufsdienst im alten Turm machen, jeweils in drei Stunden-Schichten. Sie tragen dazu bei, dass wir das hier offen halten können, denn von jeder Postkarte, die verkauft wird, geht Geld in den Betrieb. Für alle Gottesdienste brauchen wir mindestens zwei Ehrenamtliche, die die Leute begrüßen und die Kollekten sammeln. Andere gestalten die Kinderkirche und so weiter.

Beschreiben Sie doch mal Ihr Gemeindegebiet?

Wir haben hier in Kudamm-Nähe eine Reihe großbürgerlicher Wohnungen, riesengroß und mit unbezahlbaren Mieten. Dort lebt entsprechend wohlhabendes Bürgertum. Aber es gibt im Gemeindegebiet auch viele Nachkriegsneubauten aus dem sozialen Wohnungsbau. Darin wohnen eher Angestelltenfamilien und heute viele alte Menschen, die mal als Familie hier hergezogen sind und jetzt als Alleinstehende immer noch hier wohnen. Im Bereich des Kudamms haben wir eine enorm hohe Fluktuation. Jüngere Führungskräfte ziehen aus beruflichen Gründen her, nach drei Jahren sind sie wieder weg; da ist es für uns als Kirche schwer, in Kontakt zu kommen.

Wer kommt in den Gottesdienst?

Da haben wir oft zwei Drittel bis drei Viertel Touristen. Die meisten sind Menschen, die zu Hause auch in die Kirche gehen. Außerdem kommen Christen, die woanders in Berlin wohnen. Die Gedächtniskirche war zu West-Berliner Zeiten die Hauptkirche in Berlin, und das wollen wir auch sein.

Die Gemeindemitglieder müssen also damit leben, dass sie immer in der Minderheit sind?

Sie sind aber auch darauf stolz, keiner x-beliebigen, sondern der Gedächtniskirche anzugehören. Es ist natürlich anstrengend, immer Gastgeber zu sein, immer in der Minderheit im eigenen Haus. Da kann einem auch mal was fehlen. Wir machen deshalb alle zwei Jahre eine Gemeindereise – ein paar Tage lang nur für uns.

Früher gab es regelmäßig Trauerfeiern für Prominente in der Gedächtniskirche. Ist das zurückgegangen?

Das gab es ein paar Jahre lang. Vielleicht lag das an dieser Generation Berliner Schauspielertypen wie Günter Pfitzmann, Hildegard Knef, Horst Buchholz. Da gehörte die Gedächtniskirche dazu.

Vielleicht löst sich dieses West-Berliner Bürgertum in der Stadt auf.

Das glaube ich auch. Das ist bei uns ja auch so. Ich bin in West-Berlin groß geworden, meine Kollegin kommt aus Leipzig. Wir wollen nicht nur ein spezifisches West-Berliner Image pflegen. Die Kampagne „Rettet den Turm“ für die Sanierung der Turmruine hatte das Ziel, uns in der ganzen Stadt wahrnehmbar zu machen. Es ging nicht nur ums Geld beschaffen.

Aber die Gedächtniskirche steht doch für den West-Teil der Stadt?

Natürlich. Schon die alte Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche war die zentrale Kirche für den Berliner Westen. Gegenüber dem alten Berlin-Mitte war das der aufstrebende neue Teil der Stadt.

Ihre Umgebung wird mächtig aufpoliert. Das Bikini-Haus ist renoviert, der Tunnel am Breitscheidplatz zugeschüttet. Sehen Sie sich als Kontrapunkt zu dieser Hochglanzwelt oder sind Sie Teil davon?

Unsere wunderbare blaue Kirche mit dem segnenden Christus ist eine Oase der Ruhe mitten im Trubel der City. Jede und jeder ist bei uns willkommen. Ob man das als Kontrapunkt empfindet oder als wichtigen Bestandteil des urbanen Lebens, bleibt dem Einzelnen überlassen. Mit unseren Nachbarn am Platz teilen wir das Anliegen, die Stadt einladend und attraktiv zu gestalten.

Die Bretterbuden der Markthändler rings um die Kirche müssen weg. Sie passen wohl nicht mehr zu der Hochglanzoptik?

Die Stände müssen im Mai da weg. Das verlangt der Bezirk von uns. Wir haben nur das Recht, hier eine Kirche zu betreiben und keinen Markt. Wir können nicht machen, was wir wollen. Die Holzbuden waren nur als Provisorium während der Bauarbeiten gedacht. Wir hatten vorher leichte Marktstände. Jetzt will das Bezirksamt aber auch so etwas nicht mehr genehmigen. Wir fürchten nun, dass das einschneidende Auswirkungen hat. Die Markthändler auf der Fläche haben stets auch ihre Umgebung im Blick behalten. So konnten zum Beispiel die früher sehr gravierenden Probleme mit Drogenhandel in den unübersichtlichen Ecken unseres Gebäudeensembles überwunden werden.

Aber die Zeiten, in denen rund um den Bahnhof Zoo und auf dem Breitscheidplatz heftig mit Drogen gehandelt wurde, sind doch vorbei?

Da hat sich einiges geändert. Aber am Hardenbergplatz gibt es durchaus noch ein Klientel mit Verhaltensweisen, die für andere eine große Belästigung darstellen. Wir wollen nicht, dass die Kirchenwand wieder als großes Pissoir genutzt wird. Ich kann mich noch gut erinnern, wie es war, als ich vor achteinhalb Jahren hierher kam, wie es nahe der Kirche nach Urin gerochen hat. Das ist heute weg.

Fühlen Sie sich nicht als Kirche für Obdachlose und Menschen am Rande der Gesellschaft zuständig?

Selbstverständlich! Unsere Kirche steht allen Menschen offen und wird immer wieder gern auch als Zufluchtsort genutzt. Zusammen mit den Mitarbeitern vom Foyer sind wir zu Gesprächen bereit, wir hören zu und helfen, so gut wir können, oder vermitteln an andere Stellen weiter. Problematisch wird es ja nur, wo einzelne durch ihr Verhalten andere belästigen oder sogar vom Besuch der Kirche abhalten – oder wenn es in den Bereich von Kriminalität geht.

Wollen Sie denn eine Sperrzone rund um die Kirche?

Ganz im Gegenteil: Das Podium, das unsere Gebäude miteinander verbindet, war mit seinen umlaufenden Stufen von Egon Eiermann als Heiliger Bezirk gedacht, den man durchquert, um sich mit einem gewissen Respekt der Kirche zu nähern. Faktisch wirkt es allerdings oft viel mehr als innerstädtische Bühne, auf der Menschen alles Mögliche veranstalten. Das ist schön, wenn junge oder ältere Menschen auf den Stufen sitzen und die Frühlingssonne genießen. Es hat aber auch schlimme Auswüchse gegeben, durch die andere Besucher belästigt wurden und die den Gebäuden zugesetzt haben. Dadurch haben wir gelernt: Wir müssen diese Bühne selbst bespielen und mit Leben erfüllen. Bisher gab es dafür den Markt. Unser Zukunfts-Stichwort heißt jetzt: Außengastronomie.

Dann müssen Sie wohl investieren.

Zunächst wollen wir das sehr uneben gewordene Podium von Grund auf sanieren. Dabei soll der ursprüngliche, kontrastreiche Belag mit roten und dunkelgrauen Keramikscheiben wieder hergestellt werden. Gerade im Blick aus den oberen Etagen der Nachbargebäude wird das Podium dadurch noch attraktiver werden. Die erforderlichen öffentlichen Fördermittelzusagen haben wir schon zusammen. Uns fehlen aber noch rund 200 000 Euro, die wir von privatwirtschaftlicher Seite erhoffen und für die wir Podium-Patenschaften vergeben.

Das Bikinihaus will sich beteiligen?

Das ist noch im Stadium von Vorgesprächen. Alle unsere Nachbarn haben natürlich ein Interesse daran, dass es bei uns ansehnlicher wird. Unsere West-Seite, wo unser Parkplatz ist, wirkt manchmal noch fast wie eine Schmuddelecke. Früher war dort das unansehnliche Ende des Platzes hin zur Kantstraße mit der Schimmelpfeng-Überbauung. Jetzt wird mit einem Mal daraus mit Zoo-Fenster, Waldorf Astoria, Bikini eine Schauseite. Wir müssen als Kirche nicht unbedingt denselben Hochglanz verbreiten, aber es soll schon einladend und gepflegt aussehen und nicht lieblos und verkommen wirken.

Inwieweit werden Sie als Kirche denn von den Geschäftsleuten ringsum ernst genommen?

Nach meinem Eindruck gibt es eine wachsende Bereitschaft, uns in unseren Belangen zu unterstützen. Das betrifft insbesondere die Erhaltung unserer Gebäude. Wir sind notorisch unterfinanziert, um sie zu erhalten oder auch nur um sie zu heizen und zu beleuchten.

Eine schicke Gedächtniskirche nützt den Anrainern auch?

Na klar. Fast alle ringsum beziehen sich in ihren Prospekten und Plakaten auf die Gedächtniskirche. Und es gibt auch die erklärte Bereitschaft, uns mehr als bisher zu helfen. Nur die Wege dafür müssen wir miteinander noch finden.

Das Gespräch führte Julia Haak.

Hier finden Sie alle Interviews der Serie Über Berlin Reden.