Görlsdorf - Gemütlich ist anders: Der kleine alte Bauernhof sieht nicht gerade idyllisch aus. Die Scheune von 1905 ist kein Schmuckstück, die roten Ziegel des Wohnhauses sind vom Wetter gezeichnet, der Boden ist matschig. Doch der Hof in Görlsdorf (Märkisch-Oderland) soll für Menschen gar nicht einladend sein, sondern eine Wohlfühloase für Tiere. Es ist der Pferdehof der Familie Wirth − und der ist auch unter den Hunderten Pferdhöfen in Brandenburg etwas ganz Besonderes. Er ist eine Pension für alte Pferde. Und die ist so gut, dass sie als bundesweit allererste vom Dachverband der Reiter und Züchter für die Haltung solcher Pferde ausgezeichnet wurde.

Extra Massagegerät gebaut

Seit fünf Jahren betreiben Claudia (49) und Peter Karl Wirth (54) ihren Pferdehof. „Ab 18 Jahre gilt ein Pferd als Senior“, sagt Peter Karl Wirth. „Unsere Pferde sind meist deutlich älter.“ Vier stehen derzeit auf den großen Weiden hinterm Hof. Sie sind 17 bis 40 Jahre alt. In solch stattlichem Alter ist es mit ein bisschen Auslauf und Heu nicht getan. Das Rundum-sorglos-Paket der Wirths bietet vollen Luxus: Das Wasser für die Pferde wird angewärmt und handgereicht, Kraftfutter und Heu werden eingeweicht. Und es gibt diese großzügigen Schlaflager für die Tiere: Unten liegen gelenkschonende Gummimatten und darüber türmt sich das Stroh.

Dazu kommen Angebote wie in einem Kurhotel – zum Beispiel die Magnetfeld- und Schallwellen-Therapie. Sie hilft bei Lungenproblemen – denn die haben viele der Tiere. „Wenn mein Pferd mir jahrelang Freude gemacht hat, muss ich ihm doch an seinem Lebensende etwas zurückgeben“, sagt Peter Karl Wirth. „Das würde man mit seinen Eltern auch so machen.“ Das Ehepaar arbeitet im medizinischen Bereich: Er kümmert sich als Arzt in Eberswalde um kranke alte Menschen, sie ist Verkaufsberaterin für Apotheken in Berlin. Ihren beruflichen Hintergrund merkt man auch, wenn sie über ihre Tiere reden. Wenn eines an mehreren Krankheiten leidet, dann sagen die Wirths: „Es ist multimorbide.“

Für ihre alten Pferde haben sie extra ein Schallwellenmassagegerät herstellen lassen. Alte Pferde könnten den vielen Schleim in ihren Lungen nicht mehr gut abhusten. Einige seien anfangs schon nach fünf Metern schnaufend stehen geblieben, erzählt Peter Karl Wirth. Die Schallwellen verflüssigen den Schleim in den Lungen und der läuft den Tieren aus der Nase, wenn sie beim Fressen den Kopf senken. „So haben wir schon viele Pferde wieder hinbekommen“, erzählt er stolz. „Nun tollen sie wieder über die Weide.“ Das ist der einzige Lohn, den die Wirths von ihren Mühen haben wollen. Geld verdienen sie damit nicht.

Keine typischen Reiter

Seit sie vor fünf Jahren nach Görlsdorf zogen, hat sich ihr Leben grundlegend verändert. „Wir haben jetzt eine Sieben-Tage-Woche“, sagt Claudia Wirth. Von Montag bis Freitag gehen die beiden zur Arbeit. Am Wochenende sorgen sie für die Pferde. Besuche bei Freunden sind selten, denn tagsüber machen sie stündlich Kontrollgänge bei den Tieren. Für die Werktage haben sie dafür jemanden angestellt. Ungewöhnlich ist, dass die Wirths keine typische Reiterkarriere vorweisen können. Nach Reitversuchen in der Jugend war wegen der Arbeit keine Zeit mehr für Tiere. „Im Jahr 2000 hatten wir aber wieder ein bisschen Lust und dachten: Gehen wir mal reiten“, erzählt Claudia Wirth.

Doch sie waren entsetzt, wie in den Reitvereinen, in denen sie sich umschauten, mit den Pferden umgegangen wurde, auf denen die Anfänger lernen. „Wir kannten es von früher, dass solche Schulpferde eine kleine Kostbarkeit sind“, erzählen sie. Doch die Tiere seien abgemagert und krank gewesen. Schnell kauften sie das erste Pferd frei und es folgten weitere. Die stellten sie in einer Pferdepension unter. Doch zufrieden waren sie auch dort nicht: Sie wechselten mehrfach die Ställe. „Wir haben es nicht mehr ausgehalten, dass es den anderen Tieren dort so schlecht ging.“ Irgendwann war der Streit mit den Hofbetreibern so heftig, dass sie neue Boxen suchen mussten. Ihnen blieben nur vier Wochen Zeit. Sie verkauften ihr Haus im Schlaubetal und fanden den Hof in Görlsdorf. Dort zogen sie erst einmal in das 50 Quadratmeter große Dachgeschoss über den Pferdeboxen.

Platz ist auf dem Hof für sieben Pferde, derzeit sind es vier. Nur eines ist von fremden Besitzern. Denn für das Pferde-Rentner-Paradies hat kaum jemand Geld übrig. „Für ein Fohlen, mit dem man bei Turnieren oder bei der Zucht noch verdienen kann, geben die Leute viel Geld aus. Aber wenn das Pferd nicht mehr funktioniert, dann ist eine Boxenmiete von 350 Euro zu hoch.“

Auch die Hühner dürfen alt werden

Dabei sei es besonders wichtig, die alten Pferde in gute Hände zu geben, meint Peter Karl Wirth. Er zieht wieder Parallelen zum Menschen. Zu Hause betreuen sei nicht immer das Beste. „Gerade gestern hatte ich wieder ein Gespräch mit Angehörigen. Da musste ich sagen: Manchmal ist ein Hospiz doch die bessere Lösung.“ Mit den Pferden sei es nicht anders. „Was nützt es, wenn der Besitzer jeden Tag eine Stunde bei seinem alten Pferd vorbeikommt und dann ist es wieder 23 Stunden allein?“

Auf ihrem Hof dürfen auch die Hühner richtig alt werden. Die Wirths sind Vegetarier und geben auch schwer kranke Pferde nicht zum Schlachter. Als ein Wallach einen Tumor hatte, wurde er operiert, obwohl die Tierärzte davon abrieten. Er bekommt auch Herzmedikamente. „Wenn ich sehe, wie er die kleine Herde auf der Weide aufmischt und Spaß hat, dann war es das alles wert“, sagt Peter Karl Wirth.

Weitere Infos im Internet unter:

www.pferdehof-wirth.de