Berlin - Auf Bäume zu klettern, hat Jakob von Recklinghausen, 35, vor zehn Jahren bei den Baumaktivisten von Robin Wood gelernt. Heute ist es sein Beruf: Als Baumpfleger kümmert er sich um die Stadtbäume. Oft heißt das: stutzen und fällen. Viel lieber aber pflanzt er Bäume und lädt deshalb am Sonnabend zu einer Guerilla-Pflanzaktion: Bäume einfach selbst pflanzen, überall in der Stadt. Für jeden, der mitmachen will, stehen Wildlinge bereit.

Was bitte sind Wildlinge?

Das sind aus natürlichen Samen, Ahörnern oder Eicheln zum Beispiel, gewachsene Bäume.

Und wo bekommen Sie die her?

Von der Kuhlmühle, das ist ein Landprojekt in der Prignitz. Dort gibt es 15 Hektar Wald und sehr viele Wildlinge. In der Stadt werden sonst nur Baumschulbäume gepflanzt, die werden extra aufgezogen und mehrfach verpflanzt, damit sich die Wurzeln daran gewöhnen und man sie später auspflanzen kann. Das ist irre teuer, das können wir uns natürlich nicht leisten, wenn wir mit fünfzig Leuten losgehen und über hundert Bäume pflanzen wollen.

Aber dann pflanzen Sie ja nur Bäume um, mehr werden es nicht …

Im Wald sterben die Wildlinge oft, weil sie um Licht und Nährstoffe konkurrieren. Es stört den Wald also nicht, wenn wir ein paar mitnehmen. In der Stadt hingegen ist ein Stück Rasen meist nur ein Stück Rasen, eine Monokultur, für Mikroorganismen, Insekten und Vögel ist das kein wertvoller Platz. Da könnte man doch eine schöne Buche in die Mitte stellen.

Auch wenn es in dieser Jahreszeit nicht so aussieht – Berlin ist doch ziemlich grün, und wir haben den Tiergarten, den Grunewald. Warum ist Ihnen das zu wenig?

Ich sehe überall Flächen, wo Bäume stehen könnten, auf Mittelstreifen oder Verkehrsinseln. Immer wieder werden Bäume gefällt, wenn sie alt sind etwa und nicht mehr standsicher. Um einen neuen zu pflanzen, betreibt die Stadt viel Aufwand, das ist teuer und muss nicht sein, auch das wollen wir beweisen.

Es geht Ihnen also nicht nur darum, dass die Stadt hübscher wird?

Auch. Ich sehe lieber Bäume als Häuser. Grün ist eine beruhigende Farbe, hebt die Stimmung. Und die Luft machen Bäume auch besser.

Die Stadtgärtner werden immer mehr, pflanzen ihr Gemüse auf dem Tempelhofer Feld, in Nachbarschaftsgärten. Was suchen die zwischen Karotten und Salatköpfen?

Wir leben heute in einem Technotop, den ganzen Tag sitzt man im im Büro vor dem Computer, wenn man Glück hat, gibt es eine Zimmerpalme. Vielen Großstädtern fehlt einfach etwas.

Was macht diese neue Naturbewegung aus?

Urban Gardening bedeutet, in der Stadt einen Garten zu betreiben, die Hände mal in die Erde zu stecken. Guerillagärtner wollen sich Raum in der Stadt zurückerobern. Das ist durchaus auch als Aufforderung an die Politik gedacht: Wir brauchen mehr Freiraum in der Stadt.

Und bis etwas passiert, wollen Sie selbst anpacken?

Wir werden keinen Beton mit dem Presslufthammer aufbrechen. Wir wollen zeigen: Wo jetzt eine Brache ist, könnten Bäume wachsen.

Ist das überhaupt erlaubt?

Ich habe mich nicht danach erkundigt. Angst vor möglichen Folgen sollte mich nicht hindern, zu tun, was ich für richtig halte. Wenn ich einen Baum pflanze, soll den erst mal einer wieder herausreißen. Das wird ihm schon weh genug tun.

Da ist ein Augenzwinkern dabei ...

Klar geht es auch um Spaß. Zusammen buddeln und arbeiten kann sehr befriedigend sein.

Interview: Anne Lena Mösken