Hamindokht Klein ist Leiterin der 2010 gegründeten Berufsfachschule für Altenpflege mit interkulturellem Schwerpunkt, der einzigen in Berlin mit dieser Spezialisierung. Die Auszubildenden lernen Fächer wie Anatomie und Behandlungspflege. Aber es geht vor allem um die besonderen Anforderungen an die Pflege hilfsbedürftiger Migranten. Dazu gehören nicht nur Sprachkenntnisse, sagt Hamindokht Klein. Die Pflegekräfte müssten sich auch mit der Religion und der Kultur der Migranten auseinandersetzen, um deren Leben würdevoll zu gestalten.

Frau Klein, was ist für Sie Heimat?

Berlin. Ich lebe seit 33 Jahren in Berlin. Die Stadt ist in dieser Zeit immer bunter geworden. Ich verstehe mich als integrierte Migrantin.

Wie definieren Sie integriert?

Integriert ist, wenn ich mich hilfreich fühle. Ich übernehme Verantwortung für meine Umwelt, meine Stadt. Gesellschaftliche und politische Belange interessieren mich. Ich werde anerkannt und gehöre dazu. Zwar heißt es immer wieder, ich sei anders. Aber ich fühle mich nicht anders. Diese Ausgrenzung ist der Grund, warum viele ältere Migranten hier nie richtig angekommen sind. Sie haben gearbeitet und Geld nach Hause geschickt, hatten aber meist nicht die Möglichkeit, eine Sprachschule zu besuchen. Integrationskurse gab es damals noch nicht. Es hat lange gedauert, bis Deutschland erkannt hat, dass es ein Einwanderungsland ist.

Und jetzt gibt es sogar kulturspezifische Altenpflege.

Ich beschäftige mich seit 20 Jahren mit dem Thema. Auch das hat lange gedauert, bis interkulturelle Pflege in den Berufsschulen Bestandteil der Ausbildung wurde. Bis heute gibt es keine einheitlichen Informationsmaterialien für den Unterricht.

Was genau ist interkulturelle Altenpflege?

Unsere Schülerinnen und Schüler sollen qualifiziert werden, auch Menschen mit Migrationshintergrund zu pflegen. Es gibt rund 40 000 Migranten in Berlin, die über 65 Jahre alt sind, im Jahr 2020 werden es über 57 000 sein. Das ist eine der am stärksten wachsenden Gruppen, die ganz spezielle Bedürfnisse an die Pflege haben.

Was sind das für Bedürfnisse?

Zunächst möchte ich auf Sprachkenntnisse eingehen. Das zeigt sich am Beispiel Demenz, an der jede dritte ältere Person erkrankt. Demente Migranten vergessen im Verlauf der Krankheit Deutsch, unabhängig davon, wie gut sie die Sprache gekonnt haben. Deswegen brauchen wir viele Migranten mit unterschiedlicher Herkunft, weil ihre Muttersprache sehr wichtig in der interkulturellen Pflege ist.

Können junge türkischstämmige Berliner, die hier geboren sind, überhaupt noch die Sprache ihrer Eltern?

Viele können Türkisch, aber es muss ihnen bewusst werden, wie wertvoll ihre eigene Sprache und ihr kulturelles Wissen ist.

Was bedeutet das für die Pflege?

Für eine ältere Frau etwa, die aus der Türkei stammt und religiös ist, bedeutet Reinheit, dass sie sich nach jedem Toilettengang mit fließendem Wasser wäscht. Wenn Migranten im Krankenhaus liegen, gehen sie oft mit einer leeren Colaflasche auf die Toilette, weil es dort kein Bidet oder keine Gießkanne gibt. Inzwischen gibt es Einrichtungen, die den Patienten Gießkannen zur Verfügung stellen. Eine strenge Muslimin würde sich außerdem nie von einem Mann pflegen lassen.

Aus Scham?

Ja. Als meine Mutter an Demenz erkrankte, bin ich zwischen Berlin und Teheran gependelt, wo sie lebte, um meinen Vater bei der Pflege zu entlasten und sie auch betreuen zu können. Einmal musste ich den Fernseher ausschalten, weil der Mann auf dem Bildschirm beim Waschen zugesehen hätte. Aber natürlich haben auch christliche oder atheistische Menschen ein Schamgefühl. Kultursensible Pflege konzentriert sich generell auf die individuellen Bedürfnisse. Doch bei muslimischen Migranten geht das mitunter so weit, dass sie die Annahme von ambulanter Pflege vermeiden. Auch aus Mangel an Informationen.

Von wem werden Migranten hauptsächlich gepflegt?

Meistens von den Angehörigen. Aus ihrem Familienverständnis heraus fühlen sich die Kinder dazu verpflichtet. Aber auch ihre Lebensform hat sich geändert. Sie gehen arbeiten und können sich nicht so sehr um ihre Eltern kümmern. Wenn sie sich dann Hilfe holen, machen sie das mit einem schlechten Gewissen. Die Beratung der Angehörigen ist daher eine der großen Aufgaben in der Altenpflege.

Religiöse Menschen können sich besser verabschieden

Wie ist die Akzeptanz von Pflegeheimen?

Das schaffen die Familien emotional meist nicht, weil sie das Gefühl haben, ihre Eltern abzuschieben. Es gibt aber einen zunehmenden Bedarf an Wohngemeinschaften, die kulturspezifische Pflege anbieten.

Haben Muslime ein anderes Krankheitsverständnis als Deutsche?

Muslime betrachten Krankheiten als Entscheidung Allahs, die vorbestimmt ist. Alles, was von Gott kommt, hat einen Grund. Wenn Allah es will, werden sie wieder gesund. Hinzu kommt, dass orientalische Sprachen wie Türkisch, Arabisch oder Iranisch sehr symbolhaft sind. Es gibt die Redewendung „Der Nabel fällt“. Das weist meist auf psychosomatische Schmerzen im Magen-, Darmbereich hin.

Sind Patienten, die Krankheiten als Wink Gottes verstehen, überhaupt bereit, an ihrer Heilung mitzuarbeiten?

Man könnte ihnen sagen, dass es nach islamischem Glauben sehr wichtig ist, wieder gesund zu werden, denn ihr Körper gehört nicht ihnen, er gehört Allah.

Leiden Migranten unter anderen Krankheiten als Deutsche?

Viele Migranten der ersten Generation haben körperlich schwer gearbeitet, ohne auf sich zu achten und zum Beispiel regelmäßig Sport zu treiben. Diese Menschen leiden heute verstärkt unter Rückenproblemen, Osteoporose, Herz-, Lungen-, Nierenerkrankungen.

Was ist mit psychischen Leiden?

Nach meiner Erfahrung erkranken gerade unter den Älteren sehr viele an Demenz und an Depressionen oder leiden unter psychosomatischen Erkrankungen mit nicht lokalisierbaren Schmerzen. Sie bilanzieren, ob sie das, was sie in ihrem Leben wollten, erreicht haben und stellen fest, dass es ihnen oft nicht gelungen ist. Sie wollten immer zurück in ihre Heimat, aber viele sind geblieben, weil ihre Kinder und Enkel hier leben.

Wie gehen Muslime mit dem Tod um?

Grundsätzlich können sich religiöse Menschen besser verabschieden, weil sie an ein ewiges Leben nach dem Tod glauben. Es gibt gewisse Rituale, die eingehalten werden müssen. Wenn ein Muslim im Sterbebett liegt, müssen bestimmte Gebete vorgelesen werden. Bei Schiiten müssen die Namen von zwölf Imamen gesagt werden.

Das alles soll die Pflegekraft wissen?

Das müssen meine Schülerinnen nicht alles wissen, aber sie müssen wissen, woher sie die Informationen erhalten.

Woher stammen Ihre Auszubildenden?

Die Frauen und einige wenige Männer haben einen türkischen Hintergrund, andere kommen aus Bosnien, Angola, Russland, Griechenland, Bulgarien, dem Iran und natürlich aus Deutschland. Es ist sehr wichtig, dass auch Deutsche für die interkulturelle Pflege sensibilisiert werden. Die Gruppe der Migranten ist zu groß, als dass wir uns nur auf Nichtdeutsche verlassen können.

Wie viel verdient man in der Altenpflege?

Netto etwa 1 500 Euro. Der Beruf ist schlecht bezahlt und erfährt wenig Wertschätzung. Da muss sich etwas ändern, denn in der Pflege generell gibt es schon jetzt einen riesigen Fachkräftemangel. Dennoch ist es ein schöner Beruf. Als Altenpflegekraft hat man die Macht, das Leben der älteren Menschen würdig und qualitätsvoll zu gestalten, das Leiden zu lindern und den Alltag zu erleichtern. Zudem birgt dieses Berufsfeld ein großes Potenzial. Es wird niemals Arbeitslosigkeit geben und inzwischen gibt es auch gute Aufstiegsmöglichkeiten.

Das zeigt auch Ihr Beispiel. Sie haben es von der Krankenschwester zur Schulleiterin gebracht.

Um sich als Migrantin zu integrieren, braucht man Stärke, Bildung spielt eine große Rolle.

Haben Sie Kontakte zur iranischen Community in Berlin?

Ja, jedes Jahr treffen wir uns fast alle Anfang April im Tiergarten, um 13 Tage nach dem persischen Neujahrsfest den ersten 13. des Jahres zu feiern. Wir sind bestimmt 200, 300 Leute und machen dann immer ein Picknick.

Pflegen Sie zu Hause persische Traditionen?

Ich koche persisch, ich rede mit meinen Söhnen persisch.

Haben Sie noch Verwandte im Iran?

Ja, meinen Vater. Ich bin froh, dass ich ihn, so oft es geht, in Teheran besuchen kann. Meine Geschwister leben in den USA, Kanada und Pforzheim.

Das Gespräch führte Thorkit Treichel.