Berlin - Für viele Menschen ist Frank Schumann ein Fels in der Brandung. Einer, der ihnen Halt gibt, wenn ihnen alles entgleitet. Frank Schumann ist 49 Jahre alt und berät Angehörige, die sich mit der Pflege eines Familienmitglieds überfordert fühlen. Er hilft, wenn Fürsorge umzuschlagen droht in Konflikt und Aggression, manchmal auch in Gewalt. Schumann kennt die Last der Pflege. Er kümmerte sich lange Zeit um seinen schwerkranken Schwiegervater.

Frank Schumann sitzt am Schreibtisch in seinem Büro der Beratungsstelle „Pflege in Not“ in einem roten Backsteinbau in der Kreuzberger Bergmannstraße, die Hände vor sich auf dem Tisch verschränkt, sein Blick wirkt offen, verständnisvoll. Er sagt: „Wenn ein Angehöriger stirbt, ist da Trauer, aber auch ein Gefühl der Befreiung. Eine meiner Botschaften ist: Man muss kein schlechtes Gewissen haben.“

Eine subtile Form der Aggression

Das Telefon vor ihm auf dem Tisch klingelt ständig. Bis zu 3000 Menschen wählen im Jahr die Nummer der fünf hauptamtlichen und drei ehrenamtlichen Krisenberater. Bis zu 800 von ihnen werden zu Klienten, die länger betreut werden. Schumann erzählt von einem älteren Herrn, der seine bettlägerige Frau betreute, die oft das Essen verweigerte. Er habe sie gefüttert und zum Essen gezwungen, weil er immer Angst hatte, dass sie verhungern würde, sagt Schumann. „Der Mann fütterte sie und fütterte sie, und ahnte sehr wohl, dass er ihr so Gewalt antut.

Das war eine subtile Form der Aggression, entstanden aus Hilflosigkeit, aber für die Frau so schlimm wie Schläge.“ Immerhin habe sich der Mann dann bei ihm gemeldet und Hilfe gesucht. In solchen Fällen, sagt Schumann, setze er auf die Macht des Wortes. Er redet, erklärt, macht unbewusstes Verhalten bewusst: „Es dauerte Monate, dem Mann begreiflich zu machen, dass seine Frau trotz ihrer Hilfsbedürftigkeit einen eigenen Willen hat. Und dass er sie nicht zum Essen zwingen darf, selbst wenn das ihre Lebenszeit womöglich verkürzt.“

Familienstreit um die Pflege

Die Last, einen Angehörigen zu pflegen, kann dazu führen, dass sich ganze Familien zerstreiten. Eine Frau habe Hilfe gesucht, weil sie sich in einen Kleinkrieg mit ihrem Bruder verwickelt hatte. Der Bruder hatte die demenzkranke Mutter zu sich nach Hause geholt, er pflegte sie, kümmerte sich um alles. „Aber die Tochter, die nicht in Berlin lebte, hatte bei Telefonaten den Eindruck, dass er sie unnötig und zu sehr von der Außenwelt isolierte.“ Als die Tochter sich bei Schumann meldete, waren die Fronten bereits verhärtet. Eine juristische Auseinandersetzung stand unmittelbar bevor. In vielen Gesprächen habe er beide wieder einander näher gebracht, sagt Schumann. „Vor der großen Aussprache machte der Sohn zwar einen Rückzieher, aber die Tochter konnte ihre Mutter wieder besuchen und sich jederzeit von deren Wohlergehen überzeugen.“

Wenn Frank Schumann solche Konflikte schlichtet, steht er manchmal vor der Frage, ob die Ursache der Probleme wirklich nur in der Pflegesituation liegt. „Es kommt vor, dass die schwierige Lage alte Streitigkeiten wieder ans Tageslicht bringt“, sagt er. Wer war zum Beispiel das Lieblingskind? Und ist der andere dadurch gekränkt gewesen? Tatsächlich sei es unter Geschwistern oft so, dass sich gerade nicht die Lieblingskinder um die Pflege kümmern, sagt er. Grundsätzlich aber sei die Erfahrung, „dass allein schon die Pflegesituation ausreicht, um Menschen zu Handlungen zu treiben, vor denen sie sich selbst erschrecken“. Allzu schnell kann die Hand ausrutschen, oder die Bürste beim Haarekämmen. Das passiere nicht nur im Privaten, sondern auch in personell unterbesetzten Pflegeeinrichtungen. Frank Schumann hat es selbst erlebt. Die Pflege seines Schwiegervaters hat ihn an die eigenen Grenzen gebracht – und darüber hinaus.

Ganz plötzlich Pflegefall

Der Tag, an dem sich Frank Schumanns Leben radikal änderte, kam schneller als erwartet. Gerade hatten er und seine Frau auf dem Familiengrundstück in Südosten Berlins einen Bungalow für seinen Schwiegervater fertiggebaut. Sie wollten der verwitweten Rentner vorsorglich aus dem Vogtland zu sich holen. Doch kurz nach dem Einzug im vergangenen Jahr erlitt der damals 79-Jährige einen schweren Schlaganfall. Nach der Reha folgten epileptische Anfälle. Der gesundheitliche Zustand des Schwiegervaters verschlechterte sich dramatisch. Die spezielle Form von Epilepsie war mit Medikamenten nicht in den Griff zu bekommen. Auch physisch gerieten die Schumanns an ihre Grenzen. Als der Schwiegervater einmal zu Boden fiel, konnten sie ihn nicht wieder hochheben. „Er war mir zu schwer, ich musste die Sanitäter holen.“ In ein Heim sollte der Schwiegervater nicht kommen. Schumann, der selbst 20 Jahre lang bei Pflegediensten tätig war, entschied: „Ich reduziere meine Arbeitszeit und kümmere mich um ihn.“

Die Pflege dominierte bald seinen gesamten Alltag – sieben Tage in der Woche, von 7 bis 23 Uhr. Er konnte nicht mehr ausschlafen, hatte kaum noch Freizeit. „Ich habe mit meinem Schwiegervater alles geübt, was man nach einem Schlaganfall nur üben kann“, sagt Schumann. „Sprechübungen, körperliche Übungen, wieder mit dem Besteck umgehen, Schlucken lernen – die ganze Palette.“ Die Anfälle hörten nicht auf, wiederholten sich etwa alle sechs Wochen. Und jedes Mal begann danach das Üben von alltäglichen Fertigkeiten von vorn. „Es war eine Spirale“, sagt Schumann.

Die ständigen Rückschläge waren für ihn nicht einmal der bedrückendste Teil der Pflegesituation. „Noch schlimmer war der Papier- und Behördenkrieg.“ Leistungen für den Schwiegervater beantragen, warten auf die Antwort, Widerspruch einlegen, wenn die Kasse nicht zahlen will.

Neue Sicht auf das „System Pflege“

Die Erfahrung, selbst pflegender Angehöriger zu sein, hat die Sicht des Pflege-Profis auf das „System Pflege“ verändert. Er weiß, wie es ist, von all den bürokratischen Anforderungen verschlungen zu werden. Er erlebte, dass Freunde und Bekannte nicht verstehen können, dass man einfach keine Zeit mehr für sie hat. „Das Ganze ist auch ein gesellschaftliches Problem“, sagt Schumann. „Wir tun so, als fände Pflege am Rande der Gesellschaft statt. Dabei ist es für jeden sehr wahrscheinlich, dass er eines Tages selbst ein pflegender Angehöriger wird.“

Schumann hat den Punkt des Gesprächs erreicht, auf den er die ganze Zeit hinsteuerte. Jetzt kommt er zu dem, was er seine Kernbotschaft nennt: „Die Menschen, die sich von mir in Not- und Konfliktsituationen beraten lassen, bekommen kaum Anerkennung. Der Mann, der seine Frau aus Hilflosigkeit überfüttert, bekommt sie nicht. Und der Sohn, der seine demenzkranke Mutter nach Hause holt, bekommt sie auch nicht“, sagt er. „Wir müssen uns bewusst machen, dass es sehr wertvoll ist, was pflegende Angehörige leisten, und die Angehörigen haben allen Grund, mit mehr Selbstbewusstsein über ihre schwere Arbeit zu sprechen.“

Für Schumann war es deshalb ein großes Anliegen, die „Woche der pflegenden Angehörigen“ mit ins Leben zu rufen. Sie will die Problematik der Pflege mehr in die Öffentlichkeit bringen, organisiert werden zahlreiche Veranstaltungen. Vom 12. bis 18. Mai findet sie zum vierten Mal an verschiedenen Orten in Berlin statt. Bei der Eröffnungsgala in der Heinrich-Böll-Stiftung werden Menschen ausgezeichnet, die zu Hause für pflegebedürftige Familienmitglieder sorgen. Ob er selbst die Zeit haben wird, um hinzugehen, wusste Schumann zunächst nicht. Die Pflege des Schwiegervaters ging immer vor. Vor drei Wochen ist der Schwiegervater aber verstorben. „Ich hatte den Eindruck, dass es seine bewusste Entscheidung war, nicht länger zu kämpfen“, sagt Schumann.

Die letzte Lebensphase meistern

Auch diese letzte Phase der Pflege wird auf jeden betreuenden Angehörigen zukommen. Frank Schumann war nur etwas besser darauf vorbereitet, weil er den Gang der Dinge aus seiner Beratertätigkeit kennt. Er sagt, es liege ihm am Herzen, betroffenen Angehörigen die Angst zu nehmen und ein verbreitetes Missverständnis auszuräumen. „Viele Menschen glauben, dass ihr Angehöriger verdurstet, wenn er am Schluss nichts mehr trinken und essen will“, sagt Schumann, „aber man hat dann einfach keinen Durst mehr.“ Es ist, als würde im Körper ein letztes Programm anspringen, das den friedlichen Übergang möglich macht. „Das muss man nur wissen.“

Pflege in Not, Bergmannstraße 44, Tel.: 030/69 59 89 89, www.pflege-in-not.de oder  www.woche-der-pflegenden-angehoerigen.de