BerlinIm Frühjahr wurden sie beklatscht, gefeiert und mit dem Attribut der Systemrelevanz bedacht, fast so, als hätte man ihnen eine Medaille um den Hals gehängt. Es gab politische Bekenntnisse, ihre Bedingungen würden sich bald bessern. Doch wie geht es den Krankenpflegern heute, gut ein halbes Jahr nach dem Beginn der Pandemie und kurz vor dem Lockdown light? „Ich habe das Gefühl, dass es schlimmer geworden ist“, sagt Dana Lützkendorf, Intensivpflegerin auf einer Covid-19-Station in der Charité. Die Reduzierung der Krankenversorgung im Frühjahr und vom Gesundheitsministerium verordnete Freihaltung der Betten habe zu einem finanziellen Engpass geführt, der nun wieder wettgemacht werden müsse.

Die Krankenschwester hatte einen Zuschuss von 450 Euro für die Mehrarbeit erhalten, auf die versprochene Corona-Prämie wartet sie bis heute. Doch was ihr vor allem fehlt, ist die gesellschaftliche Wertschätzung, die Anfang des Jahres noch deutlich vernehmbar war: „Es gab keine positiven Konsequenzen nach dem ganzen Jubel.“ Dabei klingt ihr Wunsch eher bescheiden. Lützkendorf will lediglich mehr Kolleginnen und Kollegen: „Es fehlt an Intensivpflegepersonal, und das prangern wir schon seit Jahren und nicht erst seit gestern an. In der Pandemie fällt uns dieser Mangel jetzt vor die Füße – bundesweit.“

Auch Natalie Sharifzadeh, Geschäftsführerin des Regionalverbands Nordost des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK), stellt fest, dass die „Situation wieder stark anzieht“. Die Pfleger an Berliner Krankenhäusern kommen immer stärker unter Druck. Sharifzadeh sagt: „An verschiedenen Häusern hat es vermehrt Überlastungsanzeigen gegeben.“ Die Krankenstände häufen sich sich – auch saisonal bedingt –, und das bei steigendem Pflegebedarf.

Corona-positive Pfleger, die arbeiten müssen

Immer wieder hört Sharifzadeh auch von Fällen, in denen positiv getestete Pfleger unterschwellig aufgefordert würden, trotzdem zu arbeiten, sofern sie symptomfrei sind – auf Covid-19-Stationen. „Da wird den Erkrankten ein schlechtes Gewissen gemacht und psychologischer Druck aufgebaut, ganz klar in dem Wissen, dass Pflegefachkräfte oft nicht Nein sagen können.“ Die strenge Quarantänepflicht, die selbst für Kontaktpersonen ohne Positivtest gilt – für Pfleger scheint sie immer wieder ausgesetzt zu werden. 

So zeigt sich, wie die vielfach bemühte Systemrelevanz der Pflegekräfte im Alltag aussieht. Wurde also gar nichts aus dem ersten Lockdown gelernt? Marco Pavlik, Gewerkschafssekretär von Verdi für das Berliner Gesundheitswesen, meint: Nein. „Seit Ende März hat sich nicht viel verbessert“, sagt Pavlik, „allenfalls die Ausstattung mit Schutzausrüstung ist längst nicht mehr so katastrophal wie im Frühjahr.“ Das Hauptproblem sei geblieben: Es mangele weiterhin an Pflegepersonal, zusätzlich habe der Erschöpfungsgrad der Pflegekräfte eklatant zugenommen.

In das gleiche Horn stößt Sharifzadeh, die täglich Rückmeldungen von Pflegern aus deren Arbeitsumfeld erhält: „Die Stimmung ist schlecht, viele sind nicht nur müde, sondern auch extrem frustriert.“ Schuld daran sei neben der hohen Arbeitsbelastung auch das „Geschachere um die Bonuszahlungen“. Die sogenannte Corona-Prämie, die ursprünglich allen Pflegern hätte zustehen sollen, wurde an verschiedene Bedingungen geknüpft, wie etwa die Krankenhausgröße und die behandelte Anzahl an Covid-19-Patienten. „So kam der Bonus bei vielen gar nicht erst an. Und manchen Krankenhäusern, die ihn für ihre Angestellten hätten anfordern können, war der bürokratische Aufwand dafür zu groß.“ Drei Pfleger hätten sie danach gefragt, wo sie die Prämie einfordern könnten. Das sagt auch etwas über das Verhältnis einiger Häuser zu ihren Mitarbeitern aus. Schließlich sind die Krankenhäuser dafür zuständig, die Prämie zu übermitteln – oder wenigstens mitzuteilen, dass es keinen Bonus gibt.

Überstunden häufen sich immer mehr

Immerhin: Mit einem neuen Tarifabschluss werden Pfleger finanziell bessergestellt – gesonderte Vereinbarungen führen zu größeren Gehaltssteigerungen als bei anderen Bediensteten im Öffentlichen Dienst. So kommt es ab 1. April 2021 für Pfleger zu einem Gehaltsplus von 1,4 Prozent, im darauffolgenden Jahr gibt es weitere 1,8 Prozent. Neu geschaffen wurde die Pflegezulage, die zunächst 70 Euro und ab 2022 120 Euro monatlich beträgt. Marco Pavlik von Verdi gibt sich zufrieden: „Dieser Tarifabschluss ist unter Pandemiebedingung ein ganz guter Kompromiss.“ Intensivkrankenpflegerin Dana Lützkendorf schließt sich an: „Das ist eine akzeptable Vereinbarung.“

Trotzdem: Ohne Pandemie wäre vielleicht noch mehr möglich gewesen – schließlich hätte Verdi dann ernsthaft mit Streiks drohen können. Es bleibt ein Paradox: Gerade weil die Situation so dramatisch ist, können Pfleger nicht viel Druck erzeugen und sind so auf den guten Willen von Arbeitgebern, Politik und Öffentlichkeit angewiesen.

Nicht zuletzt der massive Aufbau von Mehrarbeit sei ein gewaltiges Problem der Branche, betont Pavlik. In den Nachtdiensten sei es fast unmöglich, die gesetzlich vorgeschriebenen Pausen zu nehmen, außerdem werde eine „immense Anzahl an Überstunden vor sich hergeschoben“. Sharifzadeh bringt auf den Punkt: „Wenn die Pfleger das alles abfeiern würden, was sich angestaut hat, müssten die Krankenhäuser sofort schließen – und niemand dürfte den Winter über mehr krank werden.“