Stahnsdorf - Am Ende war es wohl der Schmetterling, der den Ausschlag gegeben hat. „Er ist ein Symbol für die Auferstehung“, sagt Olaf Ihlefeldt. Er steht an dem Ort, an dem er einmal zur letzten Ruhe gebettet werden möchte. „Das ist mein Grab“, hat er gerufen, als er darauf zugegangen ist. Olaf Ihlefeldt ist der Verwalter des Südwestkirchhofs in Stahnsdorf südlich von Berlin.

Das Grab, in dem er einmal liegen will, war einst die Ruhestätte einer Familie Krause. Es wurde in den 1920er Jahren eingerichtet, das geht aus dem in den Grabstein eingemeißelten Sterbedaten hervor. „Consul Paul Krause“ steht auf der Platte unter dem Kreuz. Seit Jahrzehnten aber kümmert sich niemand mehr um das Grab. Es verfällt. Olaf Ihlefeldt hat eine Patenschaft dafür übernommen. Die christliche Symbolik war ihm wichtig. „Das stellt meine Hoffnung dar auf das, was nach dem Tod kommt.“

Tausende aufgegebener Gräber

Seit dem Jahr 2000 gibt es die Möglichkeit der Grabpatenschaft in Stahnsdorf, Olaf Ihlefeldt hat sie eingeführt. Es ist eine aus der Not geborene Idee. Auf dem Südwestkirchhof gibt es tausende aufgegebener Gräber. Einen Überblick hat selbst die Friedhofsverwaltung nicht. Sie sind von Efeu überwuchert, von Moos überzogen. Das macht den Charme des Friedhofs aus, doch die Natur richtet auch Zerstörung an.

Der Südwestkirchhof ist einer der größten Friedhöfe Europas, der zweitgrößte in Deutschland. Entstanden ist er, als um 1900 der Platz auf den Berliner Friedhöfen knapp wurde. Der Lenné-Schüler Louis Meyer gestaltete das 206 Hektar große Gelände. Wie hineingestreut in einen weitläufigen Park wirken die Grabmale. Bald wurde Stahnsdorf zum Berliner Prominentenfriedhof. Es finden sich hier Gräber der Komponisten Engelbert Humperdinck und Hugo Distler, des Malers Lovis Corinth und des Stummfilmregisseurs F. W. Murnau ebenso wie das von Heinrich Zille.

Jetzt im Dezember riecht es nach feuchter Erde, nach verrottendem Laub. Olaf Ihlefeldt schließt die Tür eines Mausoleums auf, das einst der Familie Harteneck gehörte. Ein Pharao, dessen steinerner Kopf an der Stirnseite des Raums hängt, blickt einen an. In der Familie habe es einen Liebhaber ägyptischer Kunst gegeben, sagt Ihlefeldt.

Die Fenster an den Seiten sind blau verglast. Die Gruft mit dem imposanten Sarkophag hat eine Decke aus Glasbausteinen. Noch hier unten sieht man das Licht, das durch die farbigen Scheiben kommt. „Es soll den blauen Himmel Ägyptens repräsentieren“, sagt Olaf Ihlefeldt. Doch in der Gruft steht Wasser, und die Statik ist trotz des riesigen Stahlträgers in der Decke nicht mehr in Ordnung. Es gebe jemanden aus Berlin, der überlege hier Grabpate zu werden, sagt Ihlefeldt. Gerade dieses Grabmal macht aber deutlich, das eine Patenschaft auch große finanzielle Verantwortung mit sich bringen kann. Auf rund 250 000 Euro schätzt Ihlefeldt die Summe, die für die Reparatur des Mausoleums nötig wäre. Es gebe aber auch Gräber, deren Pflege kaum etwas kostet.

Manche haben Berührungsängste mit fremden Gräbern, erzählt Ihlefeldt. „Sie scheuen sich, den Stein einer anderen Familie zu übernehmen.“ Dabei gibt es die Möglichkeit, die Namen auf dem Grabstein entfernen zu lassen, wenn es sich nicht um einen ganz besonderen Schriftzug handelt. Trotzdem sind für den Südwestkirchhof bis heute nur 34 Patenschaftsverträge abgeschlossen worden. Unter denen, die es gewagt haben sind der Altbischof Wolfgang Huber und seine Frau Kara. Sie haben sich für ein Grab entschieden, das von einem großen Kreuz geziert wird. „Dieses Symbol war uns wichtig“, sagt Kara Huber. Und der sonnige Platz. Sie hat das Grab mit Pflanzen aus ihrem Garten bepflanzt. Hortensien, Azaleen, Rhododendren.

Die Familie Pieper waren die ersten Grabpaten auf dem Südwestkirchhof. Und sie haben sich das wohl außergewöhnlichste Grab auf dem Friedhof ausgesucht. Max Taut hat es für die Familie Wissinger gestaltet, eine jüdische Familie mit einem Samengroßhandel in Berlin. Es besteht aus einer auffälligen Konstruktion aus gotisch wirkenden Spitzbögen. Das Material: Stahlbeton. Noch der heutige Betrachter erkennt seine Eigenart. Die Kirche war gegen das expressionistische Grab. Sie bestand auf großem Abstand zu den anderen Gräbern. Eine von Otto Freundlich gestaltete Grabplatte, aus der eine Hand ragte, musste nach einem halben Jahr entfernt werden. Angeblich wegen öffentlicher Proteste.

Heike Pieper sagt, dass ihr Mann und sie sich seit langem für die 1920er Jahre interessierten. Selbst ihre Wohnung sei mit Möbeln aus dieser Zeit eingerichtet. „Max Taut und die Architektur dieser Zeit waren uns immer ein Anliegen.“ Sie hat Architektur studiert und als Leiterin einer berufsbildenden Schule zahlreiche Projekte im Denkmalschutz verwirklicht. Von dem Grab lasen sie in der Zeitung. Heike Pieper fühlte sich angesprochen, weniger wegen der Aussicht auf eine letzte Ruhestätte, sondern eher in Hinblick auf das Bauprojekt. Vor zwei Jahren haben sie das Grab restauriert, nun sieht man schon wieder feine Risse im Beton. „Patenschaft heißt, man kann etwas tun“, sagt Heike Pieper.

Interessenten für eine Grabpatenschaft wenden sich an die Friedhofsverwaltung. Die Bürozeiten sind Montag, Mittwoch und Freitag von 8 – 13 Uhr, Dienstag und Donnerstag von 8 – 16 Uhr.

Telefon: 03329-623 15.

Weitere Informationen unter www.suedwestkirchhof.de