Berlin - Saadet Roylaz sitzt in ihrem Zimmer mit weiß lackierten Möbeln und hellem Laminat. Mit geradem Rücken und hoch erhobenen Kopf posiert sie für den Fotografen. Ihre Fingernägel sind sorgfältig lackiert, sie trägt Ohrringe und eine bunte Kette, in ihrem graudurchwirktem Zopf glitzert eine silberne Spange. Wenn sie lächelt, sieht man, dass ihr im Unterkiefer die Zähne fehlen. Die 74-Jährige wirkt etwas fremd in diesem Zimmer mit seiner modernen Einrichtung, das zu einer viel jüngeren Frau passen würde.

Die Möbel hat sie selbst ausgesucht, als sie im September aus ihrer Wohnung in Kreuzberg in die betreute Wohngemeinschaft nach Rixdorf übersiedelte. Sie konnte nicht mehr allein leben, ihre Ärztin hatte kurz zuvor Demenz diagnostiziert. Die Wände in ihrem WG-Zimmer sind bis auf eine gerahmte Inschrift aus dem Koran noch kahl. Die Bilder, die die alte Frau selbst gemalt und früher in Ausstellungen gezeigt hat, stehen zusammengerollt in einer Ecke. Vielleicht ist sie noch nicht ganz in ihrem neuen Zuhause angekommen, aber sie sagt: „Für mich ist es gut, dass ich hier meine eigene Kultur weiterleben kann. Wir hören türkisches Radio, trinken Tee zusammen.“

Die Männer sind Paschas

Sieben Bewohner leben derzeit in der über 200 Quadratmeter großen Wohnung in einem Mietshaus in der Böhmischen Straße. Es ist eine WG für Menschen, die an Demenz erkrankt sind. Davon gibt es einige in Berlin, doch in dieser WG leben nur Demenzkranke mit türkischen Wurzeln. Zwei Ehepaare sind darunter, ein früherer Siemens-Arbeiter, Witwen, die geschiedene Saadet Roylaz. Sie werden rund um die Uhr von Pflegekräften, Haushaltshilfen sowie einem Sozialarbeiter betreut.

Rund 175.000 Berliner haben türkische Wurzeln. Viele der einstigen Gastarbeiter wollten ihren Lebensabend ursprünglich in der Türkei verbringen, doch die meisten sind geblieben. Weil die Kinder in Berlin leben. Weil Berlin ihre Heimat geworden ist. Die Alten werden meist von ihren Familien betreut. „Aber gerade bei Demenzkranken sind sie irgendwann überfordert“, sagt Selviye Spriewald, Inhaberin des ambulanten Pflegedienstes Alia Care.

Im Gemeinschaftsraum der WG hängt ein Riesenflachbildschirm, auf dem ein türkischer Sender eingestellt ist. Darunter sitzt ein alter Mann mit grauem Vollbart und Strickmütze auf dem Sofa und unterhält sich mit einer Pflegerin auf Türkisch. Er will nicht bei bei der Zubereitung des Mittagessens helfen. Das hat er zu Hause nie gemacht. „Die Männer sind Paschas“, sagt die Pflegerin. Saadet Roylaz dagegen erklärt ihr, was in gefüllte Weinblätter hineinkommt. Früher, sagt sie, war sie eine gute Köchin.

Die WG-Bewohner sind als Gastarbeiter der ersten Generation nach Berlin gekommen, haben gearbeitet, Familien gegründet und Deutsch gelernt. Doch mit der Demenz verloren sie ihre Sprachkenntnisse. Deutsch ist nicht in ihrem Langzeitgedächtnis gespeichert. „Mit 20, 30 Jahren kamen sie nach Berlin und lernten die Sprache. Aber die Krankheit hat die Erinnerungen aus dieser Zeit zerstört“, sagt Spriewald, „Unsere Klienten verstehen die Deutschen nicht mehr.“ Daher würden nur Türken in der WG leben. Auch ihre Kinder verstünden sie immer weniger, viele könnten kaum Türkisch.

Saadet Roylaz ist die einzige Bewohnerin, die noch Deutsch spricht. Ihre Demenz befindet sich in einem frühen Stadium, doch wichtige Stationen aus ihrem Leben fehlen ihr bereits, etwa die Adresse der Wohnung in Kreuzberg, in der sie die letzten Jahre lebte, nachdem die drei Söhne und zwei Töchter der Alleinerziehenden aus dem Haus waren. An früher erinnert sie sich hingegen gut. 1970 wanderte sie von Istanbul nach Berlin aus. Sie wollte nicht aus wirtschaftlichen Gründen weg. Es war eine Flucht aus einer schwierigen Ehe. „Ich wollte mich von meinem Mann scheiden lassen“, erzählt sie. Ein Jahr später holte sie die Kinder nach.

Die Bewohner kommen zum Essen. Es gibt Huhn, Reis und Salat, eine Frau im Rollstuhl wird von einem jungen Pfleger gefüttert. Es klingelt an der Tür. Eine Bewohnerin ist zurück vom Arzt, sie wird begleitet von ihrer Tochter und einer Freundin, die aus der Türkei zu Besuch ist. „Alles in Ordnung“, sagt die Tochter auf Deutsch. Die Mutter lächelt.

Familiärer als im Heim

Da Heime in der türkischen Gemeinde nicht gut angesehen seien, gebe es einen wachsenden Bedarf, die Senioren in Einrichtungen wie Demenz-WGs zu betreuen, sagt Spriewald. „Bei uns geht es familiärer zu als im Heim.“ Neben der Wohnung in der Böhmischen Straße betreibt der Pflegedienst am Kaiserdamm eine vergleichbare Einrichtung. Im September will Spriewald zwei neue Demenz-WGs in Wedding eröffnen.

„Viele türkische Rentner kommen jetzt in das Alter, wo sie an Demenz erkranken“, sagt Olivia Dibelius. Sie ist Professorin für Pflegemanagement an der Evangelischen Hochschule in Berlin. Türken würden die Krankheit zudem in jüngeren Jahren entwickeln als Deutsche. „Sie sind höheren Belastungen wie schlechten Arbeitsbedingungen und finanziellen Einschränkungen ausgesetzt“, erläutert Dibelius. Zwar sei Demenz eine Erkrankung des Stammhirns, aber psychische Faktoren würden zum Entstehen dieses Altersleidens beitragen.

Auch Saadet Roylaz hatte kein einfaches Leben in Berlin. Die Tochter eines Lebensmittelhändlers, die in Istanbul nicht arbeiten musste, war 20 Jahre lang in einer Schokoladenfabrik in Lichterfelde tätig. „Das war schwere körperliche Arbeit“, sagt sie. „Ich musste Paletten ziehen, die Hüfte ging kaputt.“ Aber sie arbeitete sich hoch zur Vorarbeiterin und ermöglichte ihren Kindern ein Studium. Eine Rückkehr nach Istanbul kam für Saadet Roylaz nicht in Betracht. „Ich bin ein Berliner“, sagt sie und lacht.