Für einen Moment hält Dirk Bufé inne, bevor er die Tür zum Zimmer seiner Mutter öffnet. Die krebskranke Frau liegt im Sterben. Ihr Gesicht ist gelb, ihre Augen sind aufgerissen. Chihuahua-Hündin Mausi sitzt neben dem Bett. Bufé schließt die Tür wieder. „Die Ärzte in der Klinik haben Mutter entlassen – zum Sterben“, sagt er. Bis es soweit sei solle eine Palliativschwester kommen und Morphium gegen die Schmerzen spritzen. So sagten es die Ärzte. Doch in ganz Berlin ist derzeit keine solche Spezialkraft zu bekommen. Es herrscht Pflegenotstand. Und es sind Ferien.

„Ich konnte nicht glauben, dass das wahr sein soll“, sagt Dirk Bufé. Er hätte es noch vor zwei Wochen für völlig ausgeschlossen gehalten, dass man einen Menschen in Deutschland einfach so dahinsiechen lässt. Doch im Büro der Berliner Patientenbeauftragten Karin Stötzner hat man bereits mit Erschrecken festgestellt, dass es solche Fälle gibt. „Wir haben von Patienten mit hohen Pflegestufen erfahren, Stufe drei oder vier, für die keine Pflegekraft verfügbar war“, heißt es dort. Der Mangel an zertifizierten Palliativpflegern, die Betäubungsmittel wie Morphium spritzen dürfen, sei eine Tatsache.

Für Dirk Bufé bedeutet diese Tatsache, dass er die letzten Lebenstage seiner Mutter Brigitte Karzuki nun selbst gestalten muss, so gut er kann. Er wäscht sie, gibt ihr Wasser, spricht ihr beruhigend zu. Aber er sagt auch: „Ich fühle mich hilflos, wenn sie vor Schmerzen schreit.“ Ein niedergelassener Internist und Onkologe, der auf Todkranke spezialisiert ist, hat der 75-Jährigen nun Schmerzpflaster verschrieben. Deren Anwendung ist einfach, auch ein medizinischer Laie darf sie einem Angehörigen aufkleben. Aber sie sind in ihrer Wirkung nicht mit Spritzen zu vergleichen. „Der Arzt hat sich nach Kräften bemüht, eine zertifizierte Schwester zu organisieren, die auch kurzfristig nach Mutter sehen kann“, sagt Dirk Bufé. Doch selbst der gut vernetzte Mediziner hatte keinen Erfolg.

Überall nur Absagen

In ihrer Not haben sich Dirk Bufé und sein Ehemann Hartmut Benter an die Organisation Home Care Berlin gewandt. Der Verein sieht nach eigener Darstellung „seit 1993 seine Hauptaufgabe darin, durch eine intensive Versorgung für schwerstkranke Menschen die Möglichkeit zu schaffen, auch die letzte Lebenszeit im privaten Umfeld zu verbringen“. Die Mitarbeiter haben eine Liste aller 43 SAPV-Pflegedienste in Berlin erstellt. Die Abkürzung SAPV steht für spezialisierte ambulante Palliativversorgung. Hartmut Benter hat einen halben Tag gebraucht, um alle 43 Dienste anzurufen. „Keiner hatte eine Pflegekraft für uns“, sagt er.

In ihren Antworten hätten die Pflegedienste zumeist drei Gründe für ihre Absage genannt, so Benter. Es gebe wenig spezialisiertes Personal, in den Sommerferien sei ein zusätzlicher Engpass entstanden und grundsätzlich könne man keine weiten Anfahrten in Kauf nehmen.

Keine Hilfe für die eigene Mutter

Das Ehepaar Benter und Bufé leben im Pankower Ortsteil Blankenburg, wo sie das Berliner Altenheim für Tiere und den Vogelgnadenhof betreiben. „Wir bemühen uns, jedem Tier einen Lebensabend in Würde zu ermöglichen“, sagt Dirk Bufé. Für ihn ist es eine grausame Vorstellung, dass er nun ausgerechnet für die eigene Mutter keine Hilfe besorgen kann. Beim Verein Home Care heißt es auf Anfrage; „Wenn alle zertifizierten Dienste absagen und auch der Arzt keinen mehr Rat weiß, bedeutet dies, dass in Berlin tatsächlich alle verfügbaren Kräfte gebunden sind.“

Dirk Bufé hat einige medizinische Unterlagen seiner Mutter auf den Gartentisch gelegt. Er deutet auf den Entlassungsbrief der Klinik, in der sie zuletzt vom 10. bis 14. Juli stationär behandelt wurde. In dem Schreiben steht, Brigitte Karzuki leide unter Bauchspeicheldrüsenkrebs. Es gebe Metastasen in der Leber. „Dass meine Mutter Krebs hat, wissen wir erst seit diesem Klinikaufenthalt“, sagt Bufé. Bei einer großen Untersuchung im Sommer 2017 sei es ihr zwar schon schlecht gegangen, aber Tumore habe man nicht entdeckt.

Man kann keinen Pflegedienst zwingen

Das Augenmerk der Ärzte und der Familie lag immer auf den Vorerkrankungen. „Mutter hatte ein hartes Leben, sie hat viele Jahre getrunken und eine Demenz entwickelt“, sagt Dirk Bufé. Seit 27 Jahren wohnt sie nun bei ihm und Hartmut Benter. In dieser Zeit wurde Brigitte Karzuki dreimal auf ihre Pflegebedürftigkeit untersucht – in den Jahren 1995, 2009 und 2014. Doch jedes Mal kamen die Gutachter zu dem Schluss, dass für sie keine Pflegestufe infrage komme. Sie erhält lediglich etwas Geld nach dem Landespflegegesetz.

Für den 3. August hat der Medizinische Dienst der Krankenversicherung nun eine neue Begutachtung angesetzt. „Wenn dabei festgestellt wird, dass sie dringend Hilfe benötigt, bringt uns das vielleicht weiter“, sagt Dirk Bufé. Doch zugleich hat er wachsende Zweifel, dass seine Mutter den 3. August noch erlebt.

Die Berliner Patientenbeauftragte Karin Stötzner rät der Familie auf Anfrage, als nächstes an Sozialträger wie Caritas, Humanistischen Verband und Unionhilfswerk heranzutreten. „Dort muss man klar machen, dass ein Notfall vorliegt“, sagt sie. Ob das zum Ziel führe, sei jedoch offen. Die Familie könne auch, so Stötzner, noch einmal an die gesetzliche Krankenkasse herantreten und ihr Druck machen. Dirk Bufé ist skeptisch. Er sagt: „Bisher hieß es von der Krankenkasse, sie könne keinen Pflegedienst zwingen, zu uns zu kommen.“