Im Drei Königs Saal ist kein Durchkommen mehr. So viele Gehwagen und Rollstühle sind im größten Raum des St. Josefsheims an der Pappelallee in Prenzlauer Berg versammelt, dass für jeden Nachzügler erstmal ein Gang geschaffen werden muss. An diesem Tag haben sich die Bewohner versammelt. Heimleiterin Gabriele Schilling spricht ein paar Worte über Glück. Eine Mitarbeiterin erklärt in zwei Minuten, was sich durch das neue Pflegegesetz für die Bewohner geändert hat.

Und schon geht es um Feste und die zwei großen Ärgernisse dieser Tage: Das Fernsehen funktioniert nicht richtig, bis in allen Zimmern Kabel verlegt sind. Und vor dem Eingang ist schon monatelang der Gehweg aufgerissen. Beides stört die Heimbewohner nachhaltig. Am Ende der Zusammenkunft ergreift Heinz Kerwin das Mikrofon. „Ich will noch was sagen. Ich lebe jetzt seit sechs Jahren in diesem Heim. Ich fühle mich hier sehr wohl“, sagt er. Die anderen klatschen.

Heinz Kerwin ist 94 Jahre alt, aber er hat immer noch volles Haar. Er sitzt in einem Rollstuhl, denn seit er einen Schlaganfall hatte, ist sein linkes Bein steif. Heinz Kerwin hat fast sein ganzes Leben in Berlin verbracht. Im Virchow-Klinikum wurde er 1923 geboren. In Hakenfelde und bei der AEG an der Brunnenstraße hat er gearbeitet und gleich um die Ecke gewohnt. Nur im Krieg war Heinz Kerwin woanders – in Frankreich zum Beispiel, später eingeschlossen kurz vor Stalingrad und schließlich in Kriegsgefangenschaft in Ägypten. „Das war wie Urlaub nach dem Krieg“, sagt er.

Ein Leben im Schuhkarton

In seinem Zimmer im Obergeschoss hat Heinz Kerwin Fotos: Zelte in der Wüste, Palmen, Männer in sandfarbenen Hemden – das Camp hatte riesige Ausmaße. Kerwin bewahrt die Bilder in einem Schuhkarton auf. Fast sein ganzes Leben hat darin Platz gefunden. Der Karton steht in einer Vitrine aus dunklem Holz. Die hat er aus seiner Wohnung mitgebracht ins Pflegeheim, so wie auch eine Kommode, ein Tischchen, den Fernseher, die Bilder an der Wand.

Auf einem ist seine Frau zu sehen. „Wir waren 60 Jahre verheiratet“, sagt Heinz Kerwin. Vor zehn Jahren ist sie gestorben. „Dann war ich zwei Jahre lang allein zu Hause“, sagt Kerwin. Irgendwann kam der Moment, an dem er dachte, er schafft es nicht mehr allein. „Mein Hausarzt hat mir dieses Heim sehr empfohlen“, sagt Kerwin. Er hat sich angemeldet und bekam kurze Zeit später ein Zimmer angeboten.

72 Menschen leben zurzeit in dem historischen Backsteingebäude an der Pappelallee, 74 Plätze hat das Heim. Die zwei Zimmer sind aber nur frei, weil zwei Bewohner gerade gestorben sind. Es gibt eine Warteliste. Das Heim hat mit der Caritas einen katholischen Träger. Es gibt ein Klostergebäude im Garten – dort leben Ordensschwestern – und eine Kirche. „Ich bin nicht in der Kirche. Das spielt aber keine Rolle hier“, sagt Kerwin. Er durfte einziehen, auch ohne Glauben. Die Ordensschwestern bieten Seelsorgegespräche an und Rosenkranzgebet. Aber niemand ist verpflichtet teilzunehmen.

Gebraucht werden tut gut

Heinz Kerwins Tag ist auch ohne Spiritualität sehr ausgefüllt. Um sieben Uhr morgens sei er bereit zum Aufstehen, sagt er. Dann kommt eine Pflegekraft zum Waschen. Anschließend fährt er mit seinem Rollstuhl zum Frühstück. Anschließend beginnt das Programm. An jedem Tag bietet das Heim drei verschiedene Aktivitäten an, an denen die Bewohner teilnehmen können. Die „Schnippelrunde“ in der Wohnküche findet montagnachmittags statt, Sitztanz am Abend, Kegeln am Dienstag, Singen mittwochvormittags. Im Angebot sind auch Handarbeiten, Gymnastik und Kunsttherapie. „Ich mache überall mit“, sagt Heinz Kerwin. Sehr beliebt ist bei den Bewohnern die Kosmetik- und Wellnessgruppe im Wintergarten am Donnerstag – alles mit Musik. Freitags wird Bingo gespielt. Da gehen alle hin, die es in den Drei Königs Saal schaffen.

Es gibt auch Bewohner, die ihre Zimmer nicht mehr verlassen können. Für sie gibt es Einzelbetreuung. Sozialarbeiter kommen zum Vorlesen oder Rätsellösen. Sie spielen auch Mensch-Ärgere-Dich-Nicht.

Heinz Kerwin macht manchmal selbst Musik. „Ich spiele Mundharmonika und auch Ziehharmonika“, sagt er und zeigt auf das große Instrument in der Zimmerecke. Da steht es jetzt allerdings meist nur noch herum. Es ist ihm zu schwer. Mit seiner kleinen Mundharmonika kann er hingegen durchs Haus ziehen. Manchmal spielt für jene Bewohner, die ihr Bett nicht mehr verlassen können. „Ich werde auch zu Familienfeiern eingeladen. Dann spiele ich und bekomme Kaffee und Kuchen“, sagt Heinz Kerwin. Dann lacht er, und man sieht, dass es ihm gefällt, auch mal gebraucht zu werden.

Auf Knopfdruck Hilfe

Heinz Kerwin ist erstaunlich mobil für seine 94 Jahre. Wenn das Wetter schön ist, geht er in den Garten. Manchmal holt er sich etwas aus dem Supermarkt. Über die Pflegekräfte sagt Kerwin nur Gutes. „Ich fühle mich hier sehr wohl. Es ist eine gute Sache, wie die Leute hier versorgt werden“, sagt er. Wenn er etwas braucht, kann er per Knopfdruck eine Pflegekraft herbeirufen. Es komme dann sofort jemand, sagt er. Der einzige Punkt, der ihm nicht gefällt, hat nichts mit der Einrichtung, sondern nur etwas mit seinem Alter zu tun. Er hat keine richtigen Freunde. „Die sterben alle weg“, sagt er.

Heinz Kerwin hat eine große Familie. An der Wand hängen Fotos von seinen Ur-Ur-Enkeln, zwei Jungs. Sehr oft sieht er sie aber nicht. Sie leben mit ihren Eltern und Großeltern in Verden an der Aller in Niedersachsen. Einmal waren sie in Berlin und haben ihn besucht. „Das war ganz schön aufregend“, sagt Heinz Kerwin. Dorthin umziehen wollte er aber nie. „Ich bin lieber hier“, sagt er. Dafür gibt es viele Gründe. Einer davon ist seine Frau. Er wollte in der Nähe ihres Grabes bleiben.

Heinz Kerwin erzählt viel. Man merkt, dass es ihm Freude macht. Dann aber wird er plötzlich unruhig. Das Gespräch dauert ihm zu lang. Gleich wird das Mittagessen serviert. Das möchte er in keinem Fall verpassen.

Heimleiterin Gabriele Schilling hat dafür Verständnis. Essen sei sehr wichtig für die Bewohner, sagt sie. Sie scheint überhaupt viel Verständnis für die Sorgen ihrer Bewohner zu haben. Die Wohnsituation an der Pappelallee macht einen familiären Eindruck. Gabriele Schilling lächelt. „Wir gehen respektvoll mit unseren Bewohnern um. Sie sollen sich wohlfühlen“, sagt sie. Wenn das Haus familiär wirkt, hat sie alles richtig gemacht.