Nicht zu überhören: Es ist Liszt. Klingt nach dessen Klavierkonzert-Paraphrasen. Die Tasten des schwarz lackierten Yamaha-Flügels, auf dem großen von innen LED-beleuchteten Milchglas-Podest auf dem Galerieparkett spielen sich selbst, wie von Geisterhand, aber die scheinbar vertrauten Melodien sind zerlegt und damit stark verfremdet von einem automatischen Algorithmus.

Klaviermusik und Mathematik als Konzeptkunst-Symbiose also. Aber das ist nicht etwa staubtrockene, theorie-verschwurbelte Konzept-Kunst, sondern eine durchaus sinnliche und fundamentale.

Philippe Parreno, geboren 1964 in Oradour, Algerien, Wahlpariser und schon zum siebten Male Ausstellungsgast der Berliner Galerie von Esther Schipper, betreibt dieses fast immaterielle Genre der späten Moderne und Postmoderne nicht als Dialog mit einer „externen“ Welt, sondern im Zusammenhang von Alltäglich-Menschlichem, der Welt der Dinge – und einer sprühenden Fantasie und Poesie. Allerdings baut er seine raumfüllenden, wie er es nennt „Quasi-Objekt“-Installationen mit einer ausgeklügelten Sparsamkeit der Mittel, feingeistigem Kalkül und einer Menge spielerischer Lust.

Seltsames Aquarium

„Sehen, was nicht da ist“, sagt Parreno über seine Arbeit, diese mentalen und zugleich physischen Räume. Und jener Raum, in dem der schwarze, selbstspielende Flügel auf dem gläsernen Leuchtpodest steht, bietet uns Betrachtern ein Spektakel, das beinahe einer spiritistischen Sitzung gleicht. Auf dem Podest sind seltsame Aggregate – wie ineinander verschraubte Armaturen oder einer konkreten Funktion nicht zuzuordnende Bauteile – verteilt. Rechts hinten steht ein das Licht reflektierender Doppelspiegel, den Parreno sich wohl bei dem isländisch-dänischen Künstler-Ingenieur Olafur Eliasson ausgeliehen haben könnte. Und durch den ganzen Raum fliegen – durch die Beine des Instruments, unter den aufgeklappten Deckel und bis hoch zur Stuckdecke – große, bunte, heliumgefüllte Plastikfische. Kinderspaß vom Jahrmarkt oder Weihnachtsmarkt. Ein Aquarium aus Luft, Liszt-Klängen – und Sanftmut.

Ein blauer Hai will anscheinend zielstrebig hinein ins Gehäuse des Instruments – oder aber auf den Lichtspiegel zu. Hoch zur Decke schwebt ein neugieriger Delfin, dort oben nuckeln schon zwei grünblau schillernde Exoten mit den Mäulern an der weißen Farbe und ein buntes Fischlein klebt wie im Halbschlaf an der Lichtleiste. Ein ausgesprochen bauchiges Exemplar in Pink-Grün-Lila glotzt Richtung Kamera, während seine Artgenossen uns gleichgültig die Schwanzflossen zurecken. Alles in dieser seltsamen Rauminstallation scheint synchronisiert, eingebunden vom Willen des Künstlers in ein Netzwerk. Alles und Jedes beeinflusst einander – in akribischem Rhythmus: Die Helium-Fische, leichter als die Luft im Saal – und diese Musik mit einem wie ständig unterbrochenem, zerhacktem Puls.

Man möchte meinen, es gehe um die Philosophie von Ganzheitlichkeit und Vereinzelung, von Geburt und Tod, Wachsen und Verfall, Realität und Fiktion. Um alles und nichts. Denn das kuriose, zugleich poetische Arrangement hat etwas von einem eigenständigen Ökosystem mit einem vom Künstler nicht komplett zu kontrollierenden Lebensrhythmus. Etwas zwischen Grenzen und schier unendlichen Möglichkeiten.

Reales und Unwirkliches

Es ist also das große Ganze, das Zusammenspiel jedes Elements, das der algerische Künstler, den die Kunstbiennalen von Venedig, Istanbul und Lyon immer wieder einluden, uns vorführen möchte. Und wofür er natürlich dem Publikum nicht bloß kontemplative, sondern auch orientierungsstarke Fähigkeiten abverlangt – zwischen Sehen, Hören – und den tieferen Zusammenhang erspüren.

Parrenos „Quasi-Objekts“, die er nicht nur in diesem, auf unserem Foto abgebildeten Raum miteinander „vernetzt“, sondern auch in weiteren Haupt- und Nebengelassen der Galerie, setzt bei alledem auf ein eher spekulatives Konzept, das „quasi“ eben. Es definiere, erklärt er, die Relation zwischen Subjekt und Objekt grundsätzlich neu.

Dabei sind ihm die Objekte – banal, wie die fliegenden bunten Kunststofffische, kurios wie die per Automat selbst-spielenden Tasten des feierlich aussehenden Konzertflügels oder streng technisch, wie die undefinierbaren Aggregate auf dem Leuchtpodest – gar nicht die Hauptsache.

Philippe Parreno sagt nämlich, dass es ihm viel mehr um das Erlebnis Raum gehe. Um das, was darin, durch das merkwürdige Miteinander der Dinge, so alles passiere. Die Dinge erscheinen und verschwinden, sie wirken aufeinander ein und auf sie wiederum wird, wie durch unsichtbare Kräfte, eingewirkt.

So gesehen, möchte man den Konzeptualisten Parreno beinahe einen heutigen Surrealisten nennen, der, wie die großen Pariser Altvorderen um 1920, der Fantasie freien Lauf ließen, aber ihre metaphysischen Bildwerke en Detail mit eindringlichster Genauigkeit herstellten: Reales in einer unwirklichen – und Unwirkliches in einer sehr realen Welt.