Von Torsten Harmsen

Ein gebürtiger Berliner bekommt den diesjährigen Nobelpreis für Physik. Er heißt Rainer Weiss und kam am 29. September 1932 in Berlin als Sohn eines jüdischen Arztes und einer christlichen Schauspielerin zur Welt. Seine Familie emigrierte nach dem Machtantritt der Nazis und lebt seit 1939 in New York. In den USA sollte Weiss – fast acht Jahrzehnte später – gemeinsam mit anderen Physikern eine Jahrhundert-Entdeckung gelingen.

Es handelt sich um den Nachweis der ersten Gravitationswelle im September 2015. Albert Einstein hatte solche Wellen einst in seiner allgemeinen Relativitätstheorie vorhergesagt. Er nahm an, dass sie durch schnelle Bewegungen großer Massen im Universum verursacht werden, etwa, wenn Sterne explodieren oder zwei schwarze Löcher miteinander verschmelzen. Die ausgelösten Wellen rasen durchs All und erreichen irgendwann die Erde.

Rai Weiss, wie er auch genannt wird, dachte bereits früh darüber nach, wie man solche Wellen messen könne, obwohl Einstein gesagt hatte, dass sie dafür zu winzig seien. Weiss hatte am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge Physik studiert und dort seine Tätigkeit als Professor begonnen. Als Studenten 1967 eine Theorie diskutierten, der zufolge man Gravitationswellen in den Schwingungen riesiger Aluminiumstäbe entdecken könnte, bezweifelte Weiss das. Er grübelte über andere Wege nach und kam auf die Idee, ein Messsystem auf der Basis von Laserstrahlen zu entwickeln.

Bis 1972 entwarf Weiss, den ein Kollege „eine sehr interessierte und detailverliebte Person“ nannte, am MIT das Konzept für den Bau eines Gravitationswellen-Observatoriums. „Im Grunde genommen haben wir eine neue Art von Teleskop gebaut“, sagt der heute 85-Jährige, der den Nobelpreis gemeinsam mit zwei anderen US-Forschern erhält, die entscheidend am Aufbau des Ligo-Observatoriums in den USA beteiligt waren.

Dieses wurde 1992 gegründet und besteht aus zwei Anlagen nach dem Konzept von Weiss: vier Kilometer lange Röhren mit Laserstrahlen, die rechtwinklig aufeinandertreffen und auch noch die geringste Raumverzerrung messen sollen. Als sie 2015 tatsächlich zum ersten Mal eine Gravitationswelle erfassten, wollte Weiss es zunächst selbst nicht glauben. „Wir brauchten zwei Monate, bis wir wirklich überzeugt waren“, sagt Weiss, der am Dienstag vom Nobelkomitee aus dem Bett geklingelt wurde. Die Entdeckung habe ein ganz neues Fachgebiet eröffnet: die Gravitationswellen-Astronomie. Mit ihr könnten Forscher viel tiefer ins Universum schauen als bisher.