Berlin - Zwei Dinge sind im Techno ein rares Gut: Humor und Frauen. So gibt es mit Ausnahme von „Electrolore-King“ Alexander Marcus und der Gaga-Truppe Hgich.T nur wenige Künstler, die einen neben dem Tanzen auch zum Lachen bringen. Noch mehr verwundert allerdings der geringe Anteil weiblicher Protagonisten hinterm Mischpult. Denn davon, dass eine Horde Macho-DJs beharrlich das Terrain gegen das andere Geschlecht abschottet, kann nicht wirklich die Rede sein.

„Vielleicht liegt es an dieser anerzogenen Sperre, die man so hat als Frau“, sagt Pilocka Krach. „Man hört immer ‚Du kannst nicht Autofahren, verstehst nichts von Technik‘ – aber das stimmt natürlich nicht. In Flensburg haben 200 000 Männer Punkte und nur 400 Frauen. Trotzdem denken viele Frauen wahrscheinlich, sie könnten das nicht, Auflegen oder Musik machen. Dabei ist das ja kein Beruf, der körperlich anstrengend ist.“

Krach sitzt auf einem orangen Gymnastikball in ihrem Studio in einem Pankower Hinterhof. Vor ihr stehen und liegen mehrere Tastaturen, ein Drumcomputer, kleine Effektgeräte, Kabel-Gestrüpp. Auf dem Bildschirm läuft ein Videomitschnitt vom Fusion-Festival, von dem sie gerade zurückgekehrt ist. „Bester Krach der Fusion!“, hat jemand auf ihrer Facebook-Seite kommentiert.

Pilocka Krach war schon in der Anfangszeit dabei, als das Festival noch ein Insider-Tipp war. Und auch in der Berliner Clubszene bewegt sie sich seit vielen Jahren, sie gehörte zu den Machern vom „Karneval der Verpeilten“ – so ein bisschen die Blaupause für Berliner Sonntagsraves und Open Airs – und hatte auf den selbst organisierten Partys ihre ersten Auftritte. Zunächst war sie ganz einfach DJane, doch beim Anhören der neuesten Techno-Scheiben im Plattenladen wuchs irgendwann der Gedanke in ihr: „Das kann ich auch.“ Also wurde allerhand Equipment zusammengesammelt und herumexperimentiert. „Ich kann Noten, ich kann Bass und Gitarre spielen – ich habe davon schon einen Plan“, sagt Krach.

Mit dem Effekt-Hammer

Seit 2007 veröffentlicht Pilocka Krach ihre eigenen Platten, teilweise auf dem selbst erfundenen Label „Greatest Hits International“, und liefert auf der Bühne eine unterhaltsame Live-Show ab. Aus dem Drumcomputer dringen knarzende Beats, dazu singt sie schlichte Textzeilen wie „David Bowie will never die“ oder „My name is fame“, um kurz darauf die eigene Stimme wieder mit schrägen Effekten zu zerhacken.

„Techno ist ja normalerweise eine recht düstere Angelegenheit, meine Musik ist dagegen eher humorlastig“, sagt sie. „Eigentlich ist es eine Techno-Persiflage, es gibt ja gewisse Arten von Effekt-Hascherei, zum Beispiel im Trance, wo sich ständig Sachen in die Höhe schrauben, und dann kommen die Drums ‚Bäm, bäm, bäm‘ – solche Effekte überdrehe ich gerne ein bisschen, dann wird da draus lustige Musik.“

Nun sind gute Pointen keine leichte Kunst, und nicht jeder Zuhörer mag sie vielleicht sofort entschlüsseln. Es blubbert, röhrt, die Sounds sind nicht glatt, eher grob, „Gebrazzel“ sagt die Musikerin dazu. Irgendwo glaubt man ein bekanntes Sample zu erkennen, es groovt – jedoch nur solange bis Krach wieder mit dem Effekt-Hammer zuschlägt. Aber spätestens, wenn sie mit Kinderkeyboard und verzerrter Stimme „Ich möchte ein Eisbär sein“ covert, muss man schmunzeln.

Ein bisschen Hadern mit Berlin

„Früher kam es schon mal vor, dass die Leute am Anfang meiner Show ziemlich verstört waren. Heute merke ich, dass die meisten sich freuen, dass endlich mal was passiert.“ Vieles von dem, was heute produziert wird, interessiert Krach nicht mehr. „Der Techno-Sound mit einfach nur bumbum, das ist so 90er, musikalisch ausgelotet. Vor zehn Jahren habe ich mir das noch angehört, aber mittlerweile ist es so eine Soße geworden – weil viele Leute keine eigenen, sondern nur noch vorproduzierte Sounds benutzen.“

Lange Zeit jobbte Krach nebenher als Filmvorführerin in Berliner Kinos und auf der Berlinale, mittlerweile kann sie auch von der Musik allein ganz gut leben. Gebucht wird sie schon seit Längerem in ganz Deutschland, während sie mit ihrer Heimatstadt Berlin manchmal ein bisschen hadert: „Es ist mir hier ein bisschen zu ordentlich geworden. Im Prenzlberg zum Beispiel wird auf der Straße staubgesaugt! Und von der Umsturz-Zeit, die meine Generation geboren hat, merkt man nichts mehr. Es ist total unaufgeregt, die jungen Leute sind alle superentspannt, das ganze Revolutionäre, auch soundmäßig, das haben die nicht mehr mitbekommen. Provokation braucht eigentlich gar keiner mehr. Weil für alle alles cool ist.“

Drei, vier Gigs spielt Pilocka Krach aber nach wie vor jedes Jahr in Berlin – der nächste steigt am Sonnabend im Ritter Butzke. Der Name Pilocka ist übrigens eine Eigenschöpfung. Doch mittlerweile haben schon zwei Fans ihre Kinder nach ihr benannt.

Pilocka Krach tritt im Ritter Butzke auf, 13. Juli 2013, ab 21 Uhr im Rahmen der Party „10 Jahre Shit Parade“, unter anderen mit Andreas Dorau, Gudrun Gut, T.Raumschmiere, Daniel Meteo.

Pilocka Krach auf Soundcloud.