BerlinHier haben Kinder Spaß, das ist nicht zu überhören. Lachen, Rufe, Bälle tippen auf, Schuhsohlen quietschen, dazwischen eine Männerstimme: „Seid mal ruhig!“ Und noch einmal: „Seid mal ruhig, kommt mal her!“ Es ist die Stimme des Trainers, Aybar Sahin, und tatsächlich wird es still. Mädchen und Jungen hocken sich vor einen Bildschirm, auf dem andere Mädchen und Jungen mit Basketbällen um Stangen dribbeln. Am oberen Rand leuchtet ein Wort auf: „Einsteiger-Parcours“.

Manchmal hilft es, wenn jemand vormacht, wie etwas funktioniert. Trainer Sahin zeigt deshalb an diesem Nachmittag in der Turnhalle der Albert-Gutzmann-Schule ein Video. Manchmal muss dieser jemand allerdings selbst erst herausfinden, welches der beste Weg zum Ziel ist. Die kommenden Monate werden Sahin und seine Kollegen von Alba Berlin genau dazu nutzen. Seit August betreiben die Basketballer den Hort an der Weddinger Grundschule. Es ist ihre Art von Antwort auf eine Frage, die sich angesichts einer wachsenden sozialen Spaltung hierzulande immer drängender stellt: Was kann ein moderner Sportverein mit angeschlossener Profi-Abteilung für die Gesellschaft leisten? Wie weit reicht eine zeitgemäße Form von Gemeinnützigkeit?

Die Albert-Gutzmann-Schule zählt zu den 274 Brennpunktschulen der Hauptstadt. In ihr zeigen sich die Verhältnisse des umliegenden Viertels wie unter einer Lupe. 580 Kinder werden hier unterrichtet, 98 Prozent von ihnen haben eine andere Herkunftssprache als Deutsch. Zwei Drittel wachsen in Armut auf. So steht es in der jüngsten Statistik für den Stadtteil Wedding. Die Politik nennt die Familien, aus denen die Schüler stammen, bildungsfern.

In der Turnhalle ist es inzwischen wieder vorbei mit der Ruhe. Es wird gelaufen und gedribbelt, tap, tap, tap. „Geht ganz leicht“, ruft ein Junge und verliert an der dritten Stange des Parcours die Kontrolle über seinen Ball. Philipp Hickethier steht an der Tür. Er trägt eine dunkelblaue Mund-Nasen-Maske mit Alba-Logo, die ein Lächeln zu verbergen scheint. „Wir arbeiten hier in einer Laborsituation“, sagt Hickethier. Ein Sportverein als Hort-Träger an einer staatlichen Schule, das hat es so in Berlin noch nicht gegeben.

Philipp Hickethier, 36 Jahre alt, leitet das Programm „Alba macht Schule“ und kennt deshalb die Albert-Gutzmann-Schule sehr gut. Seit fünf Jahren unterstützen dort zwei Trainer die Lehrer im Sportunterricht, bieten AGs an, bauen eine Brücke zum organisierten Vereinssport, im Idealfall zumindest. An insgesamt 100 Schulen in Berlin und 50 weiteren in Brandenburg haben sie das Programm etabliert. Dazu kommen noch einmal 60 Kitas. Rund 100 hauptamtliche Trainer sind regelmäßig im Einsatz, in neun Berliner Stadtgebieten sind sie aktiv.  Hickethier sagt: „Besonders intensiv arbeiten wir in der Gropiusstadt in Neukölln und eben hier.“

Hier im Wedding gehen sie nun noch einen Schritt weiter. 21 Erzieher beschäftigt Alba, der Verein steigt vom Dienstleister zu einem gleichberechtigten Teil der Schule auf, fest verankert im Tagesablauf. Alba Berlin selbst wächst dadurch wieder ein gutes Stück. „Wir haben jetzt drei Säulen“, erklärt Philipp Hickethier. „Den eingetragenen Verein, die Profi-GmbH und eine gemeinnützige GmbH für die Hortarbeit.“ Alle drei Säulen funktionieren unabhängig voneinander und stehen doch in Beziehung zueinander.

Foto: Benjamin Pritzkuleit
Piloten im Pilotprojekt: Sabine Gutschke und Philipp Hickethier.

Wenn es gut läuft, wird irgendwann einer der Gutzmann-Schüler ein zweiter Moritz Wagner, schafft es in ein Jugendteam von Alba Berlin, in die Bundesliga, die Euroleague, vielleicht sogar in die stärkste Liga der Welt, die NBA. Vielleicht erhält er einen Vertrag bei den Washington Wizards, so wie Moritz Wagner, 23, der Junge vom Prenzlauer Berg. „Das wäre identitätsstiftend für die Schule, die Lehrer, Erzieher, die Kinder vor allem“, sagt Hickethier.

Allerdings geht es nicht darum, die Profi-Sparte mit Talenten zu versorgen, nicht vorrangig jedenfalls. Es geht um mehr: um Lebenswege und Lebenschancen. „Über Basketball und Bewegung bauen wir viel auf. Da kommen wir ja her“, sagt Hickethier. „Doch darüber hinaus öffnen wir uns Themenfeldern wie Kunst, Musik und Theater.“ Alba hat auch Erzieher mit Erfahrung auf ebendiesen Gebieten an die Schule gebracht. „Multiprofessionell und multikulturell“ nennt Hickethier sein Team, das viele Muttersprachen in sich vereint: „Serbisch, Polnisch, Koreanisch, Spanisch, Türkisch, Arabisch…“

Verständigung führt zu Verständnis. „Für bisher unbekannte Sozialräume“, so formuliert Hickethier das. Was er damit meint, illustriert er mit einer Geschichte. Sie hat sich vor etwa acht Jahren zugetragen, als Hickethier bei Alba einstieg. An einer anderen Weddinger Schule zwar, aber die Episode sei beispielhaft, findet er: „Wir sind mit einer Gruppe von Neun-, Zehnjährigen in Gesundbrunnen losgegangen zur Max-Schmeling-Halle in Prenzlauer Berg. Kurz bevor wir ankamen, fragten die Kinder plötzlich, was das denn für ein Turm sei, den sie da hinten sehen.“ Es war der Fernsehturm am Alexanderplatz, sie sahen ihn zum ersten Mal. „Das konnte ich erst gar nicht glauben.“

Hickethier ist auf dem Weg von der Turnhalle zum Schulgebäude nebenan, ein Bau aus den Siebzigern, Waschbeton, rot gerahmte Fenster. Er nimmt die Treppe in den ersten Stock, geht vorbei an einer Vitrine mit Urkunden und Trophäen. Auf einem Pokal steht „Grundschulliga 2017“. Die Grundschulliga - noch so eine Idee von Alba Berlin.

Auch bei diesem Projekt dient der Sport als Medium, erweitert Wettbewerb den Horizont, indem er Kinder aus verschiedenen Bezirken zusammenbringt, die sich sonst nie begegnen würden. Der Umgang mit Siegen und Niederlagen wird erlernt. Es entsteht eine Bindung zum Basketball, zum Verein. So wachsen auch potenzielle Mitglieder heran, Sympathisanten, Besucher von Profi-Spielen.

Philipp Hickethier öffnet die Tür zum Lehrerzimmer, begrüßt Sabine Gutschke, die schon auf ihn wartet. Sie ist die koordinierende Erzieherin und vom vorherigen Hortbetreiber zu Alba Berlin gewechselt. So wie elf Kollegen auch, weil sie vom Erfolg des Projekts überzeugt sind. „Ich arbeite sehr gerne mit diesen Kindern. Klar, man darf nicht zimperlich sein“, sagt Gutschke, und erzählt dann, dass viele Schüler „verhaltensoriginell“ seien. Aber: „Das sind schlaue Kinder, denen man gerne die Welt zeigen möchte.“ Gutschke lacht und sagt: „Wir sind sehr oft auf Wanderschaft.“

Sie besuchen Museen, Theater, Spiele der Alba-Profis, klar, auch das. Jenseits vom Gleimtunnel bewegen sie sich dann, diesem Durchschlupf unter der Bahntrasse, die Wedding und Prenzlauer Berg voneinander trennt wie einst die Berliner Mauer West und Ost. Sie fahren zur MB-Arena an der Eastside Gallery, zu diesem protzigen Eventtempel mit Plätzen für 12.000 Zuschauer und mehr. Allein der Weg dorthin ist schon ein erstes Ziel. „Die Kinder dürfen mit der U-Bahn abends in der Großstadt unterwegs sein“, sagt Gutschke.

Manchmal treten sie im Pausenprogramm der Profi-Partien auf, zeigen, was sie im Basketball gelernt haben, präsentieren ihr Können vor einigen Tausend Menschen. Der Hallensprecher kommentiert, Fans applaudieren. „Diese Umwelterfahrungen“, sagt Gutschke, „fördern das Selbstbewusstsein, die Selbstständigkeit.“ Was keine Selbstverständlichkeit ist.

Ein Hort wie der an der Albert-Gutzmann-Schule übernimmt nach dem Unterricht Aufgaben, die normalerweise Eltern erledigen, die jedoch die Eltern in diesem Quartier oft nicht leisten können. Kehren die Kinder erst einmal nach Hause zurück, bleiben sie in ihrem Umfeld, verlassen es meist nicht mehr, um Sport zu treiben, Musik zu machen, Theater zu spielen. Von Brüchen spricht Sabine Gutschke: „Die wollen wir überwinden.“

Es sind Brüche im Kleinen, im Tagesablauf. Dagegen hilft das Komplettpaket aus Schule und Verein, was wiederum die Brüche im Großen kitten könnte, die im Lebenslauf. „Eltern und Kinder aus Pankower Grundschulen erfragen aktiv, an welchen Oberschulen das Alba-Programm weitergeführt wird“, erzählt Hickethier. Im Wedding jedoch bleibt diese Art der Eigeninitiative die Ausnahme.

Und dennoch: „Wir hatten schon einen Jungen, der in der siebten Klasse auf die Tucholsky-Schule gehen konnte“, sagt Sabine Gutschke. Ein talentierter Basketballer, ein bisschen pflichtvergessen, jedoch ein pfiffiger Kerl. Alba zeigte ihm und seinen Eltern die Schule zum Tag der offenen Tür. „Sonst wäre er nie dorthin gegangen“, meint die Erzieherin. Er hätte eine Oberschule im Kiez besucht. „Eine Schule, an der er nicht zusätzlich seinem sportlichen Interesse hätte nachgehen können“, sagt Hickethier. Und eher früher als später hätte die Karriere ihren ersten Knick bekommen.

Es dämmert, die Kinderstimmen unten vor dem Büro von Udo Meinecke sind längst verstummt. Der Direktor der Albert-Gutzmann-Schule bittet an einen Konferenztisch. Brüche überwinden, Wege ebnen - mit diesen Themen beschäftigt er sich täglich, und deshalb kommt Meinecke auch schnell auf ein Kernproblem zu sprechen: „Brennpunktschulen stehen oft vor verschlossenen Türen. Wenn wir irgendwo hingehen, Oper, Theater, Sportveranstaltungen, ist eher Zurückhaltung zu spüren“, berichtet der Direktor. „Wenn aber Alba sagt: ,Wir haben eine Schule, wir möchten, dass deren Schüler hier und da mitmachen‘, sind sofort alle begeistert.“

Meinecke hofft, dass ihm Albas Strahlkraft künftig beim Personal ebenso viele Türen öffnet. Bis zu 65 Lehrer sind für das Kollegium der Albert-Gutzmann-Grundschule vorgesehen. „Derzeit haben wir jedoch acht offene Stellen“, sagt Meinecke. „Trotz Brennpunktzulage können viele Kollegen mit unserer Klientel nicht arbeiten. Oder sie wollen es nicht.“

Von Alba lernen würden diese Lehrer allemal, meint Meinecke. So wie er selbst dazulernt, immer wieder. „Schule ist eine Behörde“, sagt er. „Die Strukturen funktionieren anders als in der freien Wirtschaft, im Sportmanagement, wo es darauf ankommt, Ziele möglichst effizient zu erreichen.“ Doch auch Alba lernt. Etwa, dass man an einer Schule gelegentlich einen Schritt zurückgehen muss, um voranzukommen. „Das Gute ist: Alba will verstehen, warum an einer Schule Dinge auf eine bestimmte Art geregelt sind, um das eigene Angebot sinnvoll einzuflechten“, sagt Meinecke. „Beide Partner entwickeln sich weiter, weil sie offen miteinander umgehen.“

Beide Partner müssen dennoch geduldig bleiben. Beim Zusammenwachsen ebenso wie bei einem weiteren Projekt mit Potenzial. Es hat erneut mit Brüchen zu tun, denen im Großen. „An unserem Standort soll ein Gesamtschul-Campus entstehen“, erzählt Meinecke. Die Grundschule zieht zunächst in ein benachbartes Provisorium aus Containern. Das alte Gebäude macht dann einem neuen Komplex Platz. „Dieses Komplettmodell wäre für Alba interessant, weil hier von der Grundschule bis zur 10. Klasse und möglicherweise darüber hinaus unterrichtet würde.“ Konjunktiv: Bis es so weit sein kann, schätzt der Direktor, werden fünf, sechs Jahre vergehen.

Ein Lehrer klopft an, es gibt etwas zu besprechen. Draußen vor dem Büro warten zwei Jungen in Trainingsjacken. „Wer bist du denn?“, fragt der eine. Die Kinder hier sind neugierig, Sabine Gutschke hatte es vorhin ja erwähnt. Schlaue Kinder, hatte sie gesagt, denen sie gerne die Welt zeigen möchte.

Ein paar Straßenecken von der Albert-Gutzmann-Schule entfernt blicken drei Gesichter von einem Giebel hinüber zur Panke. Jemand hat Jérôme, George und Kevin-Prince Boateng an die Wand gemalt. Drei Kerle vom Kiez, die die Welt gesehen haben. Zwei der Brüder sind sogar weltberühmt: Jérôme und Kevin-Prince. Im Fußball, nicht im Basketball, aber das spielt keine Rolle. Über den drei Giebelgesichtern steht: „Gewachsen auf Beton“.