Viele Berliner kennen es von klein auf: Wenn der Herbst kommt, geht es mit der ganzen Familie samt Korb und Taschenmesser hinaus in die Brandenburger Wälder. Der Pilzblick wird geschärft und im Moos genau geschaut, nach braunen Kappen und gelben Hüten. Im besten Fall sammeln sich nach und nach Maronen, Pfifferlinge und Steinpilze im Körbchen an.

Nachmittags wird dann gemeinsam geputzt und abends kommt eine leckere Waldpilzpfanne auf den Tisch. So sieht es aus, das perfekte Sammlerglück in der Hochsaison. Hochsaison hat jetzt auch Wolfgang Bivour aus Potsdam. Der Pilzsachverständige wird manchmal auch der Pilz-Papst von Brandenburg genannt. Er kennt sich aus mit Krempling und Krauser Glucke, berät seit vielen Jahren Sammler, die unsicher sind. Wir haben ihn gefragt, was man im Wald beachten muss.

Herr Bivour, überall liest man jetzt von „massenhaft Pilzen“ in Brandenburgs Wäldern, es gäbe „so viele Steinpilze wie noch nie“. Ich werde bei so viel Euphorie immer skeptisch, daher die Frage an Sie als Experten: Lohnt es sich, am Wochenende in die Pilze zu gehen?

Ja, es lohnt sich auf jeden Fall. Das Pilzwachstum ist ja abhängig von den gefallenen Niederschlägen. Und da es jetzt im September fast überall geregnet hat, ist für die Pilze genügend Feuchtigkeit vorhanden.

Anfang September war ich in der Nähe von Wandlitz im Wald, da gab es nicht einen Pilz. Nicht mal giftige, wirklich gar nichts. Der Boden war knochentrocken.

Diese Beobachtung kann ich gut nachvollziehen. Ich war vor gut zwei Wochen in der Prignitz zu einer Vorexkursion und habe dort auch nichts gefunden. Zehn Tage später konnten wir während unserer Vereinstagung schon 180 Arten registrieren. Nach längerer Trockenheit im Sommer dauert es mehrere Wochen, bis das Wachstum einsetzt. Es ist nicht so, dass es heute regnet und morgen wächst der Pilz. So funktioniert das nicht, das braucht schon ein bisschen Zeit. Inzwischen ist in den oberen Bodenschichten aber genug Feuchtigkeit, das reicht den Pilzen zum Sprießen.

Welche Arten wachsen denn momentan besonders gut?

Es gibt wirklich viele Steinpilze. Gerade sie mögen es nach meiner Beobachtung, wenn der Sommer trocken war. Pfifferlinge hingegen schätzen die Trockenheit nicht so, sie sind derzeit vergleichsweise selten zu finden. Dafür wachsen viele Maronen, ich hatte auch schon eine Krause Glucke im Korb. An manchen Stellen ist der erste Schub einzelner Arten sogar fast schon vorbei, aber keine Sorge: Viele Pilzarten kommen in Schüben und Steinpilze zum Beispiel wachsen bis weit in den November hinein, wenn es keinen Frost gibt.

Denis Bivour
Zur Person

Wolfgang Bivour, 72, gilt als einer der ausgewiesenen Pilzkenner unserer Region. Er lebt in Potsdam und ist Vorsitzender des Brandenburgischen Landesverbandes der Pilzsachverständigen sowie Pilzberater. In seinem Kinderbuch „Krux und Krax im Butterpilz“ durchstreifen zwei Mistkäfer auf der Suche nach einem Pilzfrühstück den Wald. Illustriert hat das Buch Bivours Sohn Denis.

Derzeit sind Bivour und sein Verband besonders interessiert an Meldungen zur Falschen Rotkappe, einer neuen Art aus Nordamerika.  Vor allem im Süden Brandenburgs breitet sich der essbare Pilz mit dem massigen Fruchtkörper und der längsrippigen Musterung am Stiel immer mehr aus. Sammler können ihre Sichtungen auf der Internetseite www.blp-ev.de melden. Dort gibt es auch Kontakte zu Pilzberatern in Berlin und Brandenburg sowie Hinweise auf geführte Pilzwanderungen.

Für jede Himmelrichtung von Berlin aus gefragt: Wo findet man gute Pilzstellen in Brandenburg?

So genau kann man das gar nicht sagen. Prinzipiell gibt es Pilze überall dort, wo es Wald gibt. Die Gebiete unterscheiden sich eher nach den Arten, die man dort suchen kann. So findet man im Süden, also im Beelitzer Raum und rund um Königs Wusterhausen zum Beispiel, viele Kiefernwälder. Da ist das Pilzspektrum dann ein anderes als in den Laubwäldern im Norden. Steinpilze allerdings wachsen fast in jedem Wald, sie sind nicht sehr wählerisch, was ihren Baumpartner angeht. Auch Pfifferlinge wachsen in allen Himmelsrichtungen. Man muss sich einfach den Wald anschauen.

Und woran erkenne ich einen guten Pilzwald?

Der Boden sollte nicht zu krautig bewachsen sein. Wo Farne und Heidelbeersträucher wuchern, sieht man die Pilze zu schlecht und sie wachsen dort auch nicht gut. Ansonsten kann man sowohl auf nährstoffarme Kiefernwälder als auch auf moosbewachsene Laubwälder setzen, die Pilzarten sind dann wie gesagt verschieden. Manche orientieren sich auch daran, wie viele Autos am Straßenrand stehen. Aber wenn es zu viele sind oder man nicht früh genug kommt, wird es schwierig.

Behutsam und mit Maß: Pilze darf man nur für den individuellen Tagesbedarf sammeln. 
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Behutsam und mit Maß: Pilze darf man nur für den individuellen Tagesbedarf sammeln. 

Wo sammeln Sie am liebsten?

Ich wohne ja in Satzkorn, das ist ein Ortsteil von Potsdam im Nordwesten der Stadt. Dort gibt es in der näheren Umgebung viele kleinere Waldstücke, in denen ich suche und auch ausreichend finde, um mich und meine Familie zu versorgen. Dazu muss ich nicht Dutzende Kilometer weit fahren. Erlaubt ist sowieso nur das Sammeln für den eigenen Gebrauch, also ein bis zwei Kilo pro Person und Tag.

Welche Fehler machen Pilzsucher noch, außer zu viele Maronen aus dem Wald zu tragen?

Viele Familien und Berufstätige haben nur am Wochenende Zeit, in die Pilze zu gehen, aber wenn dann noch hundert andere Leute herumlaufen, hat man vielleicht doch die falsche Stelle erwischt. Derzeit allerdings gibt es genug Pilze, sodass eigentlich alle ein paar Exemplare finden sollten. Wichtig ist das richtige Behältnis, bitte keine Plastiktüten, sondern luftige Körbe. Ob man den Pilz abschneidet oder herausdreht, ist dem unterirdischen Myzel egal. Nur wenn man sich mit einem Pilz nicht sicher ist, sollte man ihn in Gänze rausnehmen, damit man nachher bei der Beratung alle Bestimmungsmerkmale vorfindet. Was auch immer wieder vorkommt: Dass Leute zu alte Pilze mitnehmen. Oder verschimmelte. Auch wenn nur kleine Stellen schimmlig sind, bitte im Wald stehen lassen. Sonst holt man sich schnell eine Lebensmittelvergiftung.

Immer wieder liest man auch von Pilzvergiftungen. Was sollte man sammeln, wenn man lediglich über mykologisches Grundwissen verfügt?

Wenn man sich nicht so gut auskennt, sind Röhrlinge die beste Wahl – also Pilze mit einem Schwamm unter dem Hut. Damit kann man sich keine gefährlichen Vergiftungen zuziehen, da es bei uns nur einige schwach giftige Röhrlinge gibt, die überdies auch relativ selten sind und Magen-Darm-Probleme verursachen. Im Zweifelsfall erwischt man mal einen Gallenröhrling, aber dann ist das Essen bitter und ein Fall für die Mülltonne. Wer Pilze mit Lamellen sammeln möchte, der sollte sich schon besser auskennen. 

Bei welchen Pilzen besteht die größte Vergiftungsgefahr in unserer Region?

Der häufigste tödlich giftige Pilz ist der Grüne Knollenblätterpilz. Den kann man zum Beispiel mit dem Birkentäubling verwechseln, die reinweiße Form auch mit Champignons, wenn man nicht genau hinsieht. Da es auch giftige Champignonarten wie den Karbol-Champignon gibt und weil einige Arten hohe Schwermetallkonzentrationen aufweisen, sollte man sich bei Champignons generell eher zurückhalten und auf die Kulturform im Supermarkt zurückgreifen. Damit ist man auf der sicheren Seite.

Hände weg! Der Grüne Knollenblätterpilz: hier eine Aufnahme aus dem Spandauer Forst.
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Hände weg! Der Grüne Knollenblätterpilz: hier eine Aufnahme aus dem Spandauer Forst.

Welche Pilze sammeln Sie am liebsten?

Schwer zu sagen, ich sammle viele Arten gern. Auch Steinpilze, aber wer will schon das ganze Jahr über Steinpilze essen? Außerdem sind sie oft madig. Im Frühsommer mag ich Pfifferlinge, jetzt ist der Hexenröhrling ein toller Speisepilz, so wie auch die Krause Glucke, der Wiesenchampignon oder der Riesenschirmpilz. Am besten ist immer ein bisschen Abwechslung im Korb.

Wie lange wird die Saison für Steinpilze und Maronen in diesem Jahr gehen?

Ich war mal beim Wetterdienst tätig und kann daher sagen: Weil das Pilzwachstum im Wesentlichen von der Witterung abhängt, ist die Pilzprognose noch schwerer zu treffen als die des Wetters. Ich gehe aber davon aus, dass die Saison noch lange anhält, bis weit in den Oktober hinein. Begrenzt wird sie nur durch den Frost: Wenn es zu kalt wird, ist Schluss mit Pilzen, die eigentlichen Winterpilze ausgenommen.

Sie haben ein Kinderbuch geschrieben, das erste Einblicke in die Welt der Pilze gibt. Warum lohnt es sich, Kinder an die Pilzsuche heranzuführen?

Es ist immer schön, wenn Kinder die Natur erleben und etwas über sie erfahren. Die Wissensvermittlung über solche Dinge in der Schule, die kann man doch vergessen. Und wenn Kinder die Natur und den Wald nicht kennenlernen, wissen sie später weder sorgsam damit umzugehen, noch ihre Schönheit zu erkennen und wertzuschätzen. Außerdem ist die Pilzsuche mit Kindern ein schönes Erlebnis. Ich habe meinen Kindern früher manchmal einen Pilz hingestellt, als kleinen Sammel-Anreiz, dann haben sie sich gefreut über ihr Erfolgserlebnis. Und nun sind sie längst groß und selber Sammler geworden.