Pilze als Scheidungsgrund? Mann plündert Wald und wütet dann im Treppenhaus

Das könnte eine Schlagzeile für meine erste Pilzerinnerung sein. Für eine andere: „Tierquälerei in Schöneberg! Mann schlägt mit Klobürste auf Seepferdchen ein“.

Von Berlin nach Chemnitz, Ostbesuch, 263 km
Von Berlin nach Chemnitz, Ostbesuch, 263 kmBerliner Zeitung/Pajović/Amini

Manchmal passiert nichts. Und um nichts nicht zu verpassen, gehe ich in einen Zeitungskiosk an der Chemnitzer Zentralhaltestelle und kaufe mir die Morgenpost. Das ist mein Lieblingsboulevardblättchen, das Titelseiten aus dem Nichts schöpft und dazu wunderbare Schlagzeilen dichtet, so zum Beispiel: „In Schacht gestürzt! Pferd aus Brunnen gerettet“. Oder so: „Gas & Bremse vertauscht! Rentner zerlegt Nachbars Garage“. Und so natürlich: „Pool zerbissen, Lampe geklaut, Ball zerfetzt! Wolf wütet im Vorgarten“. Nichts scheint unmöglich zu sein in Sachsen.

Pferde, Rentner und Garagen gibt es viele in Chemnitz und um Chemnitz herum, nur einem Wolf bin ich noch nicht begegnet. Leider auch dann nicht, als ich neulich im Wildgatter Oberrabenstein vom Hochstand aus in sein Gehege blickte. Nicht mal eine geklaute Lampe konnte ich erkennen. Dafür: Pilze, viele Pilze, überall Pilze, die Pilzsaison hat begonnen. Und das bedeutet Arbeit für Förster und Ärzte und die Schlagzeilenpoeten von der Morgenpost: „Lebensgefährliche Verwechslung! Sachse nach Pilzvergiftung im Koma“, „Erzgebirge! Pilzsammlerin im Wald angeschossen“, „Holz, Pilze, Beeren & Moose! Sachsen plündern die Wälder“.

Ich habe ein schwieriges Verhältnis zu Pilzen. Ich erinnere mich an einen Streit, als mein Vater weit nach Mitternacht und einer ausgiebigen Pilsparty mit drei Eimern voller Steinpilze nach Hause kam und meine Mutter sich weigerte, diese zu putzen. Am nächsten Morgen führte eine Steinpilzspur von unserer Wohnungstür bis zum Mülleimer im Innenhof. Wir wohnten im vierten Stock. Die Morgenpost hätte vielleicht getitelt: „Pilze als Scheidungsgrund? Mann plündert Wald und wütet dann im Treppenhaus“.

Viele Jahre später habe ich die erste und letzte Pilzerfahrung der dritten Art gemacht. Eine Freundin bot mir Magic Mushrooms an und am Ende eines zunächst lustigen und farbenfrohen Abends fand ich mich im Badezimmer wieder, auf einem Badezimmerteppich sitzend, auf wallende Badezimmerteppichfransen starrend, mit zunehmender Sorge, von den Seepferdchen gefressen zu werden, die sich plötzlich vom Duschvorhang gelöst hatten und mich wie Geier umkreisten. „Tierquälerei in Schöneberg! Mann schlägt mit Klobürste auf Seepferdchen ein“. Bin ich deswegen schon mykophob?

Wird es Zeit für mich, in die Pilze gehen?

So bezeichnet man Menschen, die Angst vor Pilzen haben oder zumindest eine ausgewachsene Abneigung gegen selbige pflegen. So weit ist es noch nicht, denke ich. Dafür habe ich zu schöne Fernseherinnerungen an das Pilzdorf Schlumpfhausen. Dafür war ich zu dankbar, dass es eine Pilzindustrie gibt, die unbedenkliche Champignons dritter Wahl herstellt und mittellosen Studenten zumindest das Gefühl vermittelt, sich halbwegs gesund zu ernähren. „Deutschlands dümmste WG! Drei Männer halten Pilze für Gemüse“.

Pilze sind kein Gemüse, sie sind nicht mal Pflanzen. Pilze sind im Grunde das, was wir Menschen sein wollen: stark und widerstandsfähig, nachhaltige Alleskönner, Umweltschützer. Pilze sind nämlich in der Lage, Holz, Gestein, Rohöl, Plastik, Atommüll und Zigarettenfilter zu zersetzen. Mit Materialien, die man aus Pilzen gewinnt, können Möbel und Kleider und Schuhe hergestellt werden, in Zukunft sogar ganze Häuser. Wird es Zeit für mich, in die Pilze gehen?

Eine Meldung aus der sächsischen Presse hält mich noch davon ab. Neulich und nur ein paar Kilometer von Chemnitz entfernt ist eine Pilzsammlerin von einem Exhibitionisten belästigt worden. Immerhin wurde sie nicht angeschossen, denke ich. Oder angebissen. Bleibt die Frage: Wo hat der Wolf die Lampe versteckt?


In der Kolumne „Ostbesuch“ berichtet Paul Linke alle zwei Wochen aus seinem Zwischenleben in Chemnitz und Umgebung. Sachsen sucks? Von wegen!