Um kurz vor drei wird die Mühlenstraße vor dem Ostbahnhof gesperrt und die Leute werden vom Gehweg geschickt. Die meisten halten ihre Kamera in der Hand und fotografieren die Mauer, denn sie sind Touristen. Doch um Punkt drei Uhr schlendert ein grauhaariger, schlanker Mann in Jeans und Turnschuhen freundlich lächelnd auf das Mauerstück zu, auf dem das Cover der Platte „The Wall“ von Pink Floyd zu sehen ist. Dieses Cover werden viele Leute sofort erkennen, nicht aber den Mann, der jetzt verloren vor dem Bild steht und verschiedene Gesten ausprobiert.

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Es ist Roger Waters, der Chef von Pink Floyd. Er ist wegen der Bühnenshow „The Wall“ in der Stadt, die er heute im Olympiastadion präsentiert. Die Berliner Club Commission hatte ihn gebeten, auch vor dem Bild von seiner Platte an der East Side Gallery aufzutreten. Das ist eine gute Gelegenheit, aufrechtes Bürgertum und politisches Bewusstsein zu demonstrieren und auch noch Werbung in eigener Sache zu machen.

Erhalt des letzten Mauerstücks

„Als wir das letzte Mal hier waren“, sagt Waters, nachdem er auf ein kleines Podium gestiegen ist, „haben wir, glaube ich, da drüben gespielt“. Er kneift die Augen zusammen und zeigt in Richtung O2-World. „Ich kenne diesen Ort.“ Dann erzählt er, dass es für ihn sehr bewegend gewesen sei, 1990 in Berlin zu spielen und dass er deshalb sofort zugesagt habe, als er von der Bewegung zum Erhalt des letzten Mauerstücks hörte. „Ich bin normalerweise nicht dafür bekannt, dass ich den Erhalt von Mauern unterstütze, aber diese hier ist eine Ausnahme. Sie sollte ein ständiges Denkmal werden. Es muss Denkmäler geben, die an die dunklen Tage des Kalten Kriegs erinnern.“ Er murmelt noch gute Wünsche für die Aktivisten, dann sagt er: „I’m done.“

Schnell drückt ihm der Künstler Kani Alavi noch ein Foto von „The Wall“ auf der Mauer in die Hand, Waters lächelt professionell, aber es beginnt nun auch zu regnen, er klettert von der Bühne und verschwindet in einer schwarzen Limousine. Es ist zehn nach drei.

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Im März, als Demonstranten das Mauerstück bewachten und vor dem Abriss bewahren wollten, war der US-Sänger David Hasselhoff zur Mauer geeilt. Extra aus Hollywood, so wichtig war ihm das. Er hatte das Hemd weit aufgeknöpft und sang wieder „I’ve been looking for Freedom“. Gebracht hat der Auftritt nichts, außer seinen Namen wieder ins Gespräch zu bringen. Deutschland ist das einzige Land, in dem Hasselhoff als berühmt gilt. Waters hatte Albernheiten nicht nötig.
Als die Leute weiterlaufen, bleibt ein Mann mit einem pinkfarbenen Bauhelm und blauen Plüschohrenschützern vor der Mauer stehen. Es ist Chris Koch, ein Aktionskünstler aus dem Westen. Einen Bezug zur Mauer habe er nicht, sagt er, aber auf ihr sei Kunst. Er sei zum Schutz von Kunst da. Deshalb steht er hier. Jedenfalls noch kurz.