Berlin - Trommeln, ums Lagerfeuer tanzen und bunte Gewänder – dieses Bild haben viele Menschen von afrikanischem Tanz. Besuchen diese Leute dann den Afrodance-Kurs bei Lucia Rafaell, werden ihre Erwartungen gesprengt von modernen Choreografien, Beats und Outfits. „Ich hatte die Situation schon öfter, dass mir einige erzählen wollten, das sei kein Afrodance“, sagt die Tanzlehrerin.

Die 27-Jährige Berlinerin steht an einem grauen Tag vor der Tanzschule „Flying Steps Academy“ in Kreuzberg. Ihre Kurse gibt sie derzeit online, dafür hat sie nun einen Podcast gestartet, um Interessierten zu erklären, was Afrodance ist. „Wenn man gar keine Ahnung hat: Es ist auf jeden Fall eine Tanzrichtung“, sagt sie und lacht. „Afrodance ist ein Oberbegriff, der sich etabliert hat, um verschiedene Tänze, die es in Afrika gibt, zu verbinden.“ Tänze aus Ghana, Nigeria, dem Kongo, Togo oder Angola, wo Rafaells Wurzeln liegen. „Mein Ziel ist es, auch die Kultur bekannt zu machen, es geht nicht nur um Tanz“, sagt sie über ihre Kurse, den Podcast und ihre Profile auf Social Media, „auch darum, dass man die schönen Seiten Afrikas sieht, weil die negativen Seiten zu viel hervorgehoben werden.“

In anderen Ländern sei man da weiter, in Großbritannien oder Frankreich sind moderne afrikanische Tänze schwer angesagt. „Das hängt damit zusammen, dass es noch nicht so viele dunkelhäutige Menschen in Deutschland gibt wie in Paris oder London. Die sind eher im Thema“, sagt die Tanzlehrerin über sich und Gleichgesinnte in Berlin, „wir machen gerade Pionierarbeit, damit Afrodance hier in fünf Jahren so bekannt ist wie in Frankreich.“ Im Internet, bei TikTok oder Instagram, sind Afrodance-Videos derzeit sehr beliebt.

Tanzen, und wenn es nur alleine vor dem Bildschirm ist, ist eine der wenigen Abwechslungen im Lockdown. „Du bekommst gute Laune, hast Spaß dabei, bekommst eine Leichtigkeit für deinen Körper, und selbst wenn du nur einen Step machst, bewegt sich eigentlich alles beim Afro“, sagt Rafaell. Aber wie funktioniert der Tanz denn nun? Sie zeigt einen Tanzschritt aus Togo, der einfach nachzumachen sei. „Step, rechts, ziehen, Step, Step, Boom.“ So einfach ist es dann doch nicht, Reporterin und Reporter scheitern eher kläglich daran.

Rafaell gibt daher auch einen wöchentlichen Kurs für Anfänger. Hier könnten auch Menschen mitmachen, die keinerlei tänzerische Erfahrungen haben, meint sie. „Bei diesem Kurs zeige ich wirklich nur drei Steps, die sie dann die Stunde durchpauken.“ Bei einem YouTube-Video wisse man oft nicht, was man falsch macht, sagt Raffael, deshalb mache es Sinn, trotz der Distanz einen Kurs online zu buchen. „Manche sind zu schüchtern, die Kamera einzuschalten, ich ermutige sie dann oder empfehle Einzelstunden, falls sie sich wirklich nicht trauen“, sagt sie. Rafaell, die nebenbei Modemanagement studiert, hat auf jeden Fall eine Menge Erfahrung gesammelt, tanzt, seit sie klein ist, und war auch schon als Tänzerin in Musikvideos von Sarah Connor oder dem Schlagersänger Ben Zucker zu sehen.

Afrobeats sind weltweit bekannt

Privat und für ihre Kurse hört sie aber lieber andere Musik. „Normalerweise nehme ich dafür diese Musik aus Nigeria“, sagt sie und spielt ein Soundbeispiel von ihrem Handy vor, das mit viel Autotune in der verzerrten Stimme fast klingt wie moderner HipHop. Das seien dann Afrobeats, die einzige Musik aus Afrika, die weltweit bekannt sei. Die Texte sind auf Englisch und die Machart sehr modern. Dennoch sei das Genre kaum von den USA beeinflusst, Englisch ist ohnehin Amtssprache in Nigeria. „Zu der Musik kann man einfach alles tanzen. Von Afrobeats bekomme ich nie genug“, sagt Rafaell.

In Afrika haben sich die einzelnen Stile aus traditionellen Tänzen in den jeweiligen Ländern entwickelt. In Ghana tanzt man Azonto, im Togo den Gweta Step und im Kongo Ndombolo. Doch Afrodance selbst kommt tatsächlich nicht aus Afrika, sondern ist eine Fusion. Die Tanzlehrerin kombiniert die verschiedenen Stile und wirft sie zusammen. „Wie bei einem Obstsalat“, sagt sie. „In den afrikanischen Ländern tanzt jeder wirklich nur die eigenen Tänze. Afrodance oder Afrofusion ist eher so ein Ding aus Europa“, erklärt die gebürtige Spandauerin, deren Eltern aus Angola stammen. Dort tanze man Afrohouse und Kuduro, erzählt sie. Letzteren Tanz traut Rafaell sich kaum, wegen der schnellen Beinarbeit. Schnell sieht es auch aus, wenn sie Afrodance tanzt. Die einzelnen Steps fließen ineinander, und für den Laien ist nicht erkennbar, dass es sich um eine Kombination vieler Stile handelt. Nur mit Trommeln hat das alles nichts zu tun.