Große Teile ihrer Wählerschaft mögen die Piraten verloren haben, ihr Nimbus als Partei der Unangepassten ist ihnen trotzdem erhalten geblieben. Jetzt haben sie in Berlin auch einen Landesvorsitzenden, der dazu bestens passt. Mit großer Mehrheit wählten die Mitglieder beim Landesparteitag Bruno Kramm zum neuen Parteichef. Der 47-jährige Wave-Musiker, der stets mit schwarzem breitkrempigem Hut und gern mit bunt gefärbten Haaren auftritt, erhielt 99 von 152 Stimmen. Für die Piratenpartei, die sich auch in wichtigen Fragen selten richtig einig ist, ist das ein sehr gutes Ergebnis.

Musiker und Urheberrechtsexperte

Kramm war noch bis vor einem Jahr im bayerischen Landesverband aktiv. Er ist der Urheberrechtsexperte seiner Partei und hat es mit zahlreichen Auftritten in Talkshows und als Redner bei Parteiveranstaltungen zu einer gewissen Prominenz gebracht. Auf dem Landesparteitag setzte er sich deutlich gegen zwei weitere Kandidaten durch: den Abgeordneten Gerwald Claus-Brunner und Franziska Jentsch aus Neukölln. Kramm ist Inhaber des Labels Dance Macabre und außerdem Gründungsmitglied der Elektro-Gothic-Gruppe Das Ich. Seit zwei Jahren wohnt er in Potsdam. Berlin bezeichnet er aber als seine politische Heimat, mit vielen Aktiven in der Partei ist er befreundet. Auch die Mitglieder des amtierenden Vorstands stehen ihm nah.

Den Berliner Piraten versprach er, den Landesverband zu stabilisieren und wieder zum Erfolg zu führen. Im Laufe des Jahres hat die Partei aufgrund zahlreicher Querelen etliche aktive Mitglieder verloren. Zuletzt hatte sogar Kramms Vorgänger, der Abgeordnete Christopher Lauer, seine Mitgliedschaft nach einer Auseinandersetzung mit dem Bundesvorstand gekündigt.

Noch rund 1000 stimmberechtigte Mitglieder

„Berlin ist ein Zukunftslabor. Hier kommen die Piraten her, und hier schaffen sie auch wieder Wahlerfolge“, sagte Kramm der Berliner Zeitung. Er hob hervor, dass der Landesparteitag die Einrichtung der Ständigen Mitgliederversammlung (SMV) beschlossen habe. Damit können die Berliner Piraten im Internet verbindliche Entschlüsse fassen. „Damit sind wir allen anderen Parteien voraus, das wird viele Mitglieder motivieren“, sagte Kramm. Nach Angaben des Vorstands haben die Piraten in der Hauptstadt derzeit noch rund 1000 stimmberechtigte Mitglieder.

Die Partei will außerdem beschließen, bei der nächsten Wahl mit einer offenen Liste anzutreten. Damit wollen sich die Piraten für Bewegungen außerhalb der Partei öffnen. Die Mitgliederversammlung findet noch bis Sonntag im Haus des Neuen Deutschland am Ostbahnhof statt.