Mescherin - In der Uckermark um das Jahr 2000 herum: Nirgends eine blühende Landschaft. Die Dörfer sind fast ausgestorben, die LPG’en und volkseigenen Güter dicht, keine Arbeit weit und breit. Die Jungen gingen weg. Ein paar resignierte Alte blieben übrig, und die Häuser links und rechts der Dorfstraßen verfielen, das Unkraut wuchs in den unbestellten Gärten, die Obstbäume blieben ungeschnitten. Allein der Natur ging es gut.

Den Polen sei Dank!

Aber das ist ja nun Vergangenheit. Den Polen sei Dank! Volker Schmidt-Roy, Ortsvorsteher in Mescherin, direkt am Grenzfluss Oder gelegen, erzählt auf einer Foto-Text-Tafel in der Potsdamer Ausstellung „Pizza aus Polen“, was geschah: „Die Polen waren für Dörfer wie Mescherin und Staffelde die Rettung. Die vielen alten Häuser, die es hier gab, wären inzwischen zusammengefallen. Das war der Zeitpunkt, wo kein Deutscher kaufen wollte“.

Während in allen Regionen Brandenburgs – und ebenso im benachbarten Mecklenburg-Vorpommern – die Landflucht anhält, somit auch Läden, Schulen, Kindergärten geschlossen werden müssen, ist es im äußersten nördlichen Zipfel von Brandenburg anders herum: In Mescherin gibt es inzwischen kaum noch leerstehende oder verfallene Häuser. Der Grund? Junge polnische Paare und ganze Familienverbände sind nach hierher umgezogen. Einfach, um ihrerseits eine gute Zukunft zu suchen, vor allem bezahlbaren Wohnraum, den Polens Städte, gerade um Stettin herum, kaum mehr bieten.

Zur Arbeit nach Polen

Die neuen Besitzer von jenseits der Oder kümmern sich liebevoll um die alten Häuser, Kinderlachen ist zu hören, Feste werden wieder gefeiert. In den letzten zehn Jahren verdreifachten sich die Zuzüge aus Polen. Derzeit sind im Landkreis Uckermark 1 600 polnische Staatsbürger gemeldet. Etliche wählten inzwischen die doppelte Staatsbürgerschaft. Manche arbeiten weiterhin in Polen und fahren mit dem Auto zu ihrer Arbeitsstelle. Gryfino ist bloß zehn Autominuten entfernt. Andere gründeten gleich in der neuen Wahlheimat eine eigene kleine Firma, arbeiten im Agrar-Unternehmen auf dem Gutshof, einst ein volkseigenes Gut. Oder sie eröffneten ihr eigenes Restaurant, wie der immer fröhliche Robert Kulak, der das Parkrestaurant auf dem Campingplatz zu einem beliebten Treffpunkt machte, auch wegen seiner berühmten Pizza.

Die Neugründung des Landes Brandenburg, dem Bundesland mit der längsten Grenze zu Polen, lag gerade mal acht Monate zurück, als am 17. Juni 1991 der „Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Polen über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit“ geschlossen wurde. Mit diesem Abkommen sollte vor allem neues Vertrauen und stabile Verlässlichkeit in der Beziehung zwischen beiden Ländern und den Menschen diesseits und jenseits der Oder-Neiße-Grenze geschaffen werden. Martina Schellhorn, Ausstellungsmacherin in der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung, hatte die Idee für die Schau über die heutige Situation in Mescherin und dem schon 900-jährigen Staffelde und Umgebung. Der Berliner Fotograf Andreas Kämper machte über Monate Aufnahmen von Polen und Deutschen, die in den Dörfern zusammenleben. Martina Schellhorn begleitet die Fotos mit auch auf Polnisch übersetzten Texten.

Auf Tafeln, 70 Zentimeter hoch und 1,30 Meter breit, ist der Alltag jener Gemeinden ausgebreitet, die zu neuem Leben erwacht sind. Man erfährt, was die Leute fühlen und denken. Axel Biseke, 60 Jahre alt, arbeitete bis 1990 im Volkseigenen Gut Staffelde in der Jungrinderaufzucht – er meint über die „Neuen“ im Dorf: „Eins muss ich sagen: Die Polen machen mehr aus ihren Grundstücken als wir. Und sie sind viel exakter. Aber das kann auch altersstrukturell bedingt sein. Früher hab ich ja auch mehr gewirbelt.“

Und Ireneusz Janicki, 36 Jahre alt, der aus Gryfino mit Frau und Töchtern nach Staffelde gezogen ist, sagt: „Wir sind wegen der Kinder gekommen. Sie sollen Deutsch lernen und dadurch einmal bessere Chancen haben.“ Er und seine Frau Magdalena haben das alte Haus wieder auf Vordermann gebracht, der Garten gedeiht, es ist Erntezeit, Blumen, Gemüse, Obst. Öfter kommt der deutsche Nachbar Axel vorbei und mahnt: „Du schuftest zu viel, Ireneusz. Musst auch mal genießen!“

Für die Ausstellung „Pizza aus Polen“ hatten sich neun Alt- und Neu-Bewohner, darunter vier Paare, befragen und fotografieren lassen. Die Antworten ergeben ein vielfältiges Bild, spielen auch mit Vorurteilen und zeigen, wie gute Nachbarschaft auf dem Dorf funktioniert. Eine ganz besondere Aktie am Gelingen des Projekts hat Marta Szuster, eine junge Ehefrau und Mutter. Sie kam 2010 zusammen mit ihrem Mann Pawel und der Großmutter nach Staffelde. An ihrer neuen Heimat schätzen sie alle „die Lebensqualität, die Landschaft, die Ruhe“.

Die energiegeladene Marta hat einen polnischen und einen deutschen Pass, steckt voller Pläne. Vor zwei Jahren wurde sie mit 127 Stimmen – dem zweitbesten Ergebnis – in den Ortsbeirat gewählt, und es gibt wohl niemanden, der Marta nicht kennt, sie nicht schon einmal um Rat gefragt hätte. „Kein Wunder also“, schreibt Martina Schellhorn in ihrem Text neben Kämpers Fotos von Marta, „dass sie Trennendes kaum mehr erkennen kann“. Das einzige Problem, verrät die junge Neu-Staffelderin, die fließend Deutsch spricht, sei die Sprachbarriere. Vor allem für die Älteren. Zum Glück werden die Kinder der Zuzügler das Problem nicht mehr haben. Die Kindertagesstätte in Tantow ist aufs Zweisprachige eingestellt.

Die schönste Erntekrone

In Kämpers Fotos und Schellhorns Texten werden Erfahrungen mit den jeweils neuen Nachbarn preisgegeben – mal aus deutscher, mal aus polnischer Perspektive. Da wird auch von anfänglicher Skepsis und von Vorurteilen berichtet. Und davon, wie diese Art von Grenze dann nach und nach aus den Köpfen verschwindet. Viel ist die Rede von neuen Freundschaften, von der Neugierde aufeinander und von Nachbarschaftshilfe und gemeinsamen Dorffesten. Etwa kürzlich das Erntefest, bei dem selbstredend die polnischen Frauen die schönste und größte Erntekrone steckten und die langbeinige Damen-Blaskapelle aus Stettin jazzige Tanzmusik machte. Acht Zugaben musste sie geben. Und nächstes Jahr wieder!

Potsdam. Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung, Heinrich-Mann-Allee 107 (Haus 17). Eröffnung am heutigen Dienstag, 19 Uhr, Eintritt frei.

Bis 19. April 2017, Mo–Mi 9–18/Do+Fr 9–15 Uhr. Tel.: 03 31–866 35 41