Berlin - Leo singt nicht mehr. Es gibt tatsächlich Tage, an denen Leo Beddini kein Lied über die Lippen kommt. Der 29-jährige Pizzabäcker steht im Restaurant seiner Familie und arbeitet gerade im Akkord ein paar Bestellungen ab. In normalen Zeiten fängt Leo gern mal an zu singen, wenn der Trubel am größten ist.

In der Zeit vor Corona war die keine Pizzeria namens Papaleo in Friedrichshain mit ihren knapp 40 Plätzen fast immer gut gefüllt. Es war gemütlich, familiär und eng. Und wenn die Stimmung so richtig brodelte und es laut wurde, ertönte vom Pizzaofen her die Stimme von Leo. Mal sang er einen italienischen Schlager, mal einen Hit von Manu Chao. Zwar trägt er heute zufälligerweise auch ein T-Shirt des französischen Weltmusikers, aber Leo singt nicht.

Die Mehrheit der Wirte wartet auf die Hilfsgelder

Nach langen Monaten der Pandemie vergeht ihm die Lust dazu. „Ich mache das ja nicht nur zum eigenen Vergnügen“, sagt er und dreht eine Pizza im Ofen. „Ich mache das vor allem, um die Stimmung im Restaurant ein wenig aufzulockern.“ Er dreht sich um, weist mit ausgebreiteten Armen in den leeren Gastraum und fragt: „Aber bei wem soll ich hier schon die Stimmung auflockern? Bei meiner Mutter oder meinem Vater?“

Die Gastronomie befindet sich nun im siebten Monat des zweiten Lockdowns. Auch das Papaleo in der Bänschstraße darf Pizza nur noch durch das Fenster verkaufen. Leo holt eine Kiste mit neuem Teig und sagt: „Mehr als ein Jahr Corona. Da gibt es wenig Gutes, aber einiges Schlechtes zu berichten.“

Volkmar Otto
Derzeit gibt es nur Pizza, die Pasta-Gerichte können nicht angeboten werden, auch keine Salate oder Nachtisch.

„Die wichtigste gute Sache ist, dass es uns noch gibt“, sagt er. Doch das ging nur, weil sie sehr schnell und konsequent vom Restaurantbetrieb auf Imbiss umgestellt haben. „Wir wollten uns auf eine Sache konzentrieren, um so die Kosten zu senken, aber wenigstens Geld für die laufenden Ausgaben einzuspielen, für den Kredit für das Lokal, die Steuern, die Versicherungen, den Strom.“ Er lobt den Samariter-Kiez, dass hier die Stammkunden sehr solidarisch sind, auf ihre Läden achten und dort ganz gezielt einkaufen.

Das zweite Positive sind die Staatshilfen für die Gastronomie. „Die waren essenziell wichtig für uns“, sagt er, „für unseren Kredit und so.“ Aber bei diesem Positivpunkt kommt auch schon etwas Negatives ins Spiel. Die Pizzeria Papaleo hätte wohl nur schwer überlebt, wenn sich die Familie Beddini allein auf das Hilfsgeld verlassen hätte. Denn die Auszahlung stockt. „Wir haben noch nicht mal das gesamte Geld für Dezember bekommen.“ Deshalb war es gut, als Imbiss weiterzumachen.

Die Serie
Mehr als ein Jahr Pandemie 

 – und die Berlinerinnen und Berliner sind immer noch im Dauerstress. Weil sie den Corona-Alltag mit all seinen Beschwernissen bewältigen müssen, weil sie Patienten pflegen und behandeln, Kinder und Jugendliche unterrichten und betreuen, als Taxifahrer, Paketboten, Polizisten unterwegs sind.

In unserer Serie besuchen wir Frauen, Männer, Familien, die wir zu Beginn der Pandemie getroffen haben, erneut und fragen: Wie geht es Ihnen heute?

Bei anderen Gastbetrieben sieht es dramatischer aus. Der Berliner Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) hat gerade die Ergebnisse eine Umfrage unter ihren Mitgliedern öffentlich gemacht. Der Umsatzrückgang der Branche lag im April bei 85 Prozent im Vergleich zu April 2019. Zehn Prozent der Betriebe haben die November- und Dezemberhilfen noch nicht vollständig erhalten. Bei den aktuellen Hilfen sei es noch krasser. Dehoga-Hauptgeschäftsführer Thomas Leng felder sagt, die Umfrage habe ergeben, dass die aktuellen Überbrückungshilfen bei den Betrieben nur die Hälfte der Verluste abdecken. „Aber fast 80 Prozent der Befragten können noch immer keinen Eingang der dringend benötigten Gelder aus dem aktuellen Förderprogramm vermelden“, sagt er. „Jedes dritte Unternehmen zieht nun eine Betriebsaufgabe in Erwägung.“

Die Hälfte des Umsatzes ist weggebrochen

Leo Beddini erklärt, wie wenig der provisorische Pizza-Verkauf einbringt. Er sagt, dass sie zwar fast ähnlich viele Pizzen verkaufen wie früher, aber sie können damit nicht viel Gewinn machen. „Üblicherweise locken wir die Leute mit unserer guten Pizza ins Restaurant, aber richtig Umsatz machen wir mit den Getränken.“ Die würden fast 50 Prozent bringen und fallen nun weg. Bier und der Wein bringen in der Gastronomie quasi das leichter verdiente Geld, das Essen aber macht viel Arbeit und wirft wenig Gewinn ab. Dazu kommt, dass auch nun bei Leo der Umsatz für die Pasta-Gerichte wegfällt, für die Salat, die Nachspeisen. „Es ist nur ein schmales Angebot, um die Krise zu überstehen“, sagt er.

Doch die Arbeit reicht nur noch für die Familie, die drei Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. Aber immerhin kann Leo Beddini einen weiteren Vorteil nennen: die geregelten Arbeitszeiten. „Der Arbeitsrhythmus ist derzeit deutlich gesünder.“ Sonst sind sie ab 12 Uhr vor Ort und haben von 16 bis 23 Uhr geöffnet. Dann sei er um 1 Uhr aus dem Laden gekommen und schlief nicht vor um 5 Uhr ein. Nun ist von 12 bis 20 Uhr geöffnet. „Da bin ich um 22 Uhr hier raus und liege um 2 Uhr im Bett. Das sind super Zeiten für diesen Beruf.“

Doch nun gibt es auch die große Langeweile, erzählt er. „Im ersten Lockdown haben wir zu Hause noch eine Tischtennisplatte aufgestellt und begeistert gespielt. Jetzt heißt es nur noch: Kopf gegen die Wand.“ Er lacht trocken und stapelt Pizzakartons neben dem Tresen. Er ärgert sich, dass fast alles, was Spaß macht, nun verboten ist, dass er montags nicht mehr Fußballspielen darf. „Dabei könnten wir uns doch genauso testen lassen wie die Profis. Die dürfen, wir nicht.“

Also denkt er sich immer mal wieder eine neue Pizza aus. Ein halbes Dutzend hat er schon ausprobiert. Die neustes ist mit Spargel und einem geräucherten Scamorza-Käse, den er bei einer kleinen Käsemanufaktur in der Nähe ordert. „Diese neue Pizza kommt so gut an, dass sie wohl von der Pizza der Woche zur Pizza des Monats wird.“ Die nächste ist auch schon in Planung: mit Süßkartoffelmus, Tiroler Speck und Radicchio-Salat.

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Im Papaleo steht alles bereit für den Tag, an dem sie wieder öffnen dürfen.

Nun muss er aber in die Küche, den Pizzateig für den nächsten Tag machen. Immerhin 30 Kilo. Kaum ist er in der Küche verschwunden, klopfen zwei Frauen an der Scheibe und wollen Pizza. Leo muss wieder ran. Dabei philosophiert er über die Bedeutung der Ruhezeiten für den Teig und die Funktion der Klebeeiweiße. Er sagt: „Der Teig sollte mindestens acht Stunden lang ruhen. Wir geben ihm mindestens 24 Stunden Zeit.“

Die Öffnungen im vergangenen Sommer waren für die Gastronomen ein Segen, obwohl die neuen harten Abstandsregeln mit viel weniger Plätzen das wirtschaftliche Überleben nicht gerade leicht machten. „Aber wir hatten geöffnet, wir hatten richtig Arbeit.“ Als Erinnerung an diese Zeit steht auf der Tafel am Tresen noch immer die Pizza der Woche von damals. Leo hofft, dass er irgendwann wieder richtig öffnen darf. Nicht nur mit drei Tischen vor der Tür. Dann will er die Tafel abwischen und die neue Süßkartoffel-Pizza draufschreiben.

Aber ist es nicht auch gut, wenn mal nicht so viel Trubel im Lokal ist und er einfach nur Pizza machen muss? „Bei uns geht es doch nicht nur ums Essen“, sagt er. „Die Pizza machen wir natürlich genauso gut wie immer. Aber es geht doch auch um die Atmosphäre in einem Restaurant, den Wein, das Drumherum.“ Gastronomen laufen nun mal nur zu Hochform auf, wenn es so richtig voll ist. „Das ist zwar Stress, aber es macht auch Spaß. Es ist eine Art Hassliebe – du hasst diesen Stress, aber du liebst ihn auch. Wer länger in der Gastronomie arbeitet, macht das vor allem aus Liebe“, sagt er und belegt eine Pizza mit geräuchertem Käse. „Ohne Liebe hast du nicht die Kraft für diese Arbeit.“

Mit einem Spachtel hebt er eine neue Palline – einen Teigball – aus dem Vorratsbehälter. Er lässt den Teig auf  die Steinplatte des Tisches fallen, das Mehl stiebt auf, er drückt den Teig schnell, aber vorsichtig platt, lässt ihn auf dem Stein schnell im Kreis drehen, sodass er sich weiter ausdehnt und runder wird, er klopft mit der Hand leicht auf den Teig, lässt die immer platter werdende Scheibe kurz über die Finger kreisen. Dann ist alles bereit: Rund und dünn lieg der Teig vor ihm, und er kann ihn belegen.

Leo sagt: „Wir warten nur auf das Startsignal, um wieder zu öffnen. Wir warten darauf, dass das Leben wieder beginnen darf.“ Er verteilt die Tomatensoße auf dem Teig, dann verschiedene Käsesorten. Er ist nun ganz in die Arbeit vertieft – und summt dabei ganz leise eine Melodie. Leo Beddini singt zwar noch nicht, aber immerhin summt er wieder.