Berlin - Diese Bretterbude passt doch längst nicht mehr ins Bild dieses schicken Viertels. Ein paar Meter weiter sitzen die Bewohner des zugebauten Prenzlauer Bergs bei einem gepflegten Glas Latte macchiato im Straßencafé, doch hier, in der Pizzahütte, sieht es alles noch etwas rustikaler und ostiger aus. Zwar hängt kein Bild von Erich Honecker an der Wand und es gibt auch keine Grilletta, dafür italienische Pizza – in einem Lokal, komplett in DDR-Design. Die Pizzahütte an der Kopenhagener Straße, Ecke Sonnenburger Straße ist ein ungewöhnlicher Ort in Prenzlauer Berg, ein liebevoll zusammengetragenes DDR-Museum im Bretterbuden-Style – alternativ, idyllisch. Und überhaupt nicht bedroht.

Im Gastraum gruppieren sich die Besucher um Schultische. Das ist ja wie früher, lustig! Nur die Beine passen nicht mehr so gut drunter. Auf der überdachten Terrasse hinter dem Restaurant fühlt man sich wie ein Streckenwärter im Stellwerk. Direkt unter uns fährt die S-Bahn entlang, links liegt der Bahnhof Gesundbrunnen, rechts die Station Schönhauser Allee. Wer in der Bahn sitzt, schaut im Vorbeifahren auf einen dicht bewachsenen Holzbalkon.

Keine verklärende Ostalgie

Lauter unterschiedliche Stühle und Tische stehen in der Pizzahütte Mobiliar vom Sperrmüll und vom Flohmarkt, allerdings ganz bewusst ausgewählt. Die bunt zusammengewürfelte Ausstattung stammt größtenteils aus der DDR. Dominique Simon, der Betreiber, hat sie vor drei Jahren mit etwa 20 Freunden ausgewählt und Stück für Stück rangeschafft, vom Trödel, im Internet gekauft, geschenkt bekommen. Der ästhetische Anspruch war am wichtigsten. Dominique Simon mag DDR-Design. „Das sind doch wirklich schöne Sachen“, sagt er.

Das ist keine verklärende Ostalgie. Simon stammt aus Hamburg. Der 40-jährige Grafikdesigner kam 1993 nach Berlin. Er arbeitete in einer Werbeagentur. Vor drei Jahren begann er, die Pizzahütte zu errichten. Die Fläche hatte ein befreundeter Anwalt gemietet. Handwerklich begabte Freunde und Tischler zimmerten die Bretter zusammen. „Das war reine Bastelarbeit, jeder hat mitgeholfen“, sagt Simon.

Nichts musste perfekt sein, aber alles aus dem Osten stammen. Die Fenster der Pizzahütte gehörten einem Hotel, die Schultische, mit Sprelacart-Schicht, standen in einem Schulungszentrum. Die Leuchten im Garten, die Stühle, Tische, Hollywood-Schaukel, Imbiss-Schild und Uhr, selbst die Fliesen im Klo – es sind DDR-Produkte. Auch der Schriftzug „Hütte“ über dem Holzbau hat eine Ost-Geschichte. Es war die Leuchtreklame für das Jägerfachgeschäft „Suhler Jagdhütte“ in der Nähe vom Alex.

Provisorium mit sicherer Zukunft

Eine Rarität ist auch die Halle aus Aluminium, die neben der Pizzahütte steht. „Raumerweiterungshalle“ hieß so ein Bau in der DDR offiziell, die meisten nannten sie „Ziehharmonika“. Die transportable Halle lässt sich zusammen- und auseinanderziehen. Die Leute der Pizzahütte bekamen sie vom Verein zur Dokumentation der DDR-Alltagskultur. Die Halle war ramponiert, wieder haben Freunde angepackt und sie saniert. Heute nutzen sie Künstler als Ausstellungspavillon und für Filmvorführungen.

Und so ist die Pizzahütte heute so vielfältig wie ihr Inventar. Mittags kommen die Anwohner zum Essen, später holen sich Eltern einen Kaffee und trinken ihn im Liegestuhl, während die Kinder im Sandkasten spielen. Abends kommen Fußballfreunde und schauen die EM.

Was auf den ersten Blick so provisorisch wirkt, hat eine sichere Zukunft. Ein Wohnhaus wird an dieser Stelle wohl nicht gebaut werden, denn im Boden liegen wichtige Anschlüsse für Gas und Wasser, die für Havariefälle und Wartungen zugänglich bleiben müssen. „Niemand hat die Absicht, uns hier wegzubekommen“, sagt Simon.

Pizzahütte: Kopenhagener Straße/Ecke Sonnenburger Straße, Prenzlauer Berg, geöffnet Mo– Fr 12–14.30 Uhr und ab 17 Uhr, Sa/So ab 17 Uhr