Teesorten haben immer ausgefallenere Namen, ob "Relax" oder "Buenas Noches".
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BerlinErst mal einen Tee. Das Wasser ist aufgesetzt, die Blätter im Netz, draußen zwitschern die Vögel, gleich kann es losgehen. Es wird ein Kräutertee, ist besser für die Gesundheit, allerdings haben Kräutertees in letzter Zeit die Tendenz zum bekloppten Produktnamen.

Früher hießen sie nach ihrer Herkunft oder Zusammensetzung „Wildblumentee“ oder „Kräutermischung“, dann wurde daraus „duftende Blumenwiese“ oder „sonniges Alpenglühen“, heute läuft es nicht mehr unter „Fühl-dich-wohl-Tee“ oder „Hab-dich-lieb-Tee“ oder „Sei-gut-zu-dir-Tee“, eins so dämlich wie das andere.

Das Wasser kocht und ich wünsche mir auch mal etwas kernigere Namen wie „Siehst-du-diesen-Stinkefinger“ oder „Halt-einfach-mal-die-Klappe“. Jede Bewegung braucht schließlich ihre Gegenbewegung. Genauso wie es ja nicht nur die Veganer-Welle gerade gibt, sondern auch die Blutige-Steak-Welle oder die Ich-mach-jetzt-mal-den-Jagdschein-Welle.

Brutale Ehrlichkeit

Neulich sah ich auf dem Titelblatt der Edeka-Kundenzeitschrift zwei Vollbartmänner in Flanellhemden hinter einem Grill stehen unter der Überschrift „Im Glutrausch“, was ja schon mal in die richtige Richtung geht. Das Heft handelte von der Zubereitung toter Tiere – grillen, räuchern oder einfach mal roh probieren.

Man sollte bei Produktnamen nicht immer nur auf Wellness setzen, sondern sich auch Illness zutrauen. Dann könnte Porsche dazu übergehen, seinen Autos nicht mehr Namen wie „Panterra“ zu geben, die nach griechischer Göttin klingen, sondern „Riech Gummi“, was eher der Wahrheit entspricht. SUV wie „Defender“ oder „Explorer“ haben ja schon den Hang zum scharfen Geruch von Testosteron, aber der Pick-up „Mordbrenner“ von Toyota mit optionalem MG-Aufsatz für den kleinen Bürgerkrieg wäre eine feine Sache. Ich bin da für brutale Ehrlichkeit, auch bei Kohlekraftwerken. „Datteln 4“ muss nicht sein, „Wüste 3.000“ klingt schärfer.

So. Netz aus der Kanne, Stövchen angezündet, Tasse geholt, die Vorfreude ist groß. Draußen singen die Vögel immer noch, sind aber weniger geworden in letzter Zeit. Vor zwei Jahren konnte man bei uns an der Elbe, während der großen Trockenheit, ganze Vogelscharen sich an den letzten Tümpeln versammeln sehen in der Hoffnung auf einen mageren Frosch.

Durch Computerprogramme erzeugte Lebewesen

Überhaupt gibt es immer weniger Tiere, bald sind wir Menschen allein auf der Welt oder nahezu allein, es wird immer noch die Nutztiere geben, die in Fleischfabriken als Rohstoff gelten. Geht es so weiter, habe ich neulich gelesen, erzielen wir bald die Wirkung des Riesenmeteoriten, der vor 66 Millionen Jahren nicht nur den Dinosaurier, sondern 75 Prozent aller Tierarten ausgerottet hat.  

Auf der anderen Seite heißt es ja immer, dass die Rettung nahe ist, wenn die Not am größten, und so auch in diesem Fall. Forschern soll es gelungen sein, neue Lebewesen zu erzeugen, also kleine Tierchen. Sie haben Froschzellen isoliert und mit Hilfe von Computerprogrammen neu zusammengesetzt. Mal wurden kleine runde Dinger daraus, mal hatten sie ein Loch in der Mitte, mal keines.

Noch sind sie nur unter dem Mikroskop zu erkennen, aber auch die Tierwelt hat ja mal klein angefangen, als hilfloser Einzeller. Einen Namen haben diese neuen Entitäten noch nicht, aber ich hätte einen Vorschlag. Wie wäre es mit „Ich-hab-Dich-lieb“? Vielleicht, in Millionen Jahren, wird auch ein Mensch draus. Oder eine Teesorte.