Berlin - Es gibt wohl kaum einen Ort in Berlin, an dem der Untergang der Nazizeit und der Wahnsinn des Kalten Krieges so nah beieinanderliegen wie auf dem Teufelsberg. Der 120 Meter hohe Hügel im Westen der Stadt besteht aus Schutt und Trümmern des Hitler-Kriegs. Und ausgerechnet dort installierten die siegreichen West-Alliierten in den 50er Jahren eine gigantische Abhöranlage, mit der sie den Funkverkehr der Warschauer-Pakt-Staaten abfingen.

Die riesigen Antennenkuppeln auf dem Berg sind längst verwittert. Wütend pfeift der Wind durch das Metallgerippe und zerrt an den verschlissenen Planen. Der Betonboden ist über und über mit Graffiti bemalt. Und auf dem übrig gebliebenen Bild einer US-Flagge wünschen Mickymaus-Figuren in Sprechblasen die Amerikaner zum Teufel.

Und doch liegt über dem Ort ein fast geheimnisvoller Frieden. Keine Autos weit und breit. Aus dem nahegelegenen Naturschutzgebiet Grunewald sind seltene Singvögel zu hören. Oben öffnet sich vor dem Besucher ein atemberaubender Rundumblick - über Havel und Wannsee bis nach Potsdam, hinüber zum Alex in den Osten und über das Olympiastadion weit hoch in den Norden Berlins.

Keine Partys, kein Highlife

Hier soll jetzt ein ungewöhnliches Projekt entstehen: ein „natürlicher Kulturort“. Der 37-jährige Immobilienkaufmann Marvin Schütte plant auf dem 4,8 Hektar großen Gelände ein Museum zur Geschichte des Teufelsbergs, Rückzugsorte für ruhebedürftige Städter und Freiräume für Künstler.

„Wir wollen keine Partys, kein Highlife. Es soll ein Ort der Entschleunigung werden“, sagt der Projektentwickler, der das Gelände vor zwei Jahren gepachtet hat. Im Herbst will er beim Bezirk Charlottenburg einen ersten Antrag für sein Vorhaben stellen. „Dann liegt es an Berlin, wie sie es aufnehmen.“
Als Schütte anfing, hatten Diebstahl und Vandalismus hatten die noch vorhandenen Anlagen zerstört. Ein zwischenzeitlicher Pächter organisierte zwar Führungen und schuf mit internationalen Künstlern die wohl größte Graffiti-Galerie Europas, doch ein Konzept fehlte.

Wüst und verwunschen ist es auch heute noch. Aber Schütte schwebt eine Art Künstlerkolonie vor, die das Gelände nachhaltig entwickeln und gestalten soll. So hat der Berliner Mané Wunderlich einen Skulpturengarten mit Installationen und Flechtarbeiten geschaffen, für die er Altholz, Hopfen und andere Materialien aus der Gegend zusammentrug.

Praxis für „Wahrnehmungschirurgie“

Die polnische Künstlerin und Kräuterhexe Malgosia Bilderberge betreibt in einem rosa Antennenturm eine Praxis für „Wahrnehmungschirurgie“. Und der Künstler Isi von Kisie (47), Vater von acht Kindern und erfahrener Hausbesetzer, hat vorerst einen Job am Empfang gefunden. „Wir sind diejenigen, die vorleben, dass es funktioniert“, sagt er stolz. „Hier kann jeder Künstler eine Arbeitsmöglichkeit bekommen und irgendwann auch Geld verdienen.“

Fünf bis sechs Leute gehören vorerst zum festen Team. Im Sommer kommen jeweils noch etwa ein Dutzend handverlesene Rucksacktouristen hinzu, die gegen Kost und Logis bei den Aufräum- und Sanierungsarbeiten helfen. „Wir wollen alles erhalten. Wir bauen nichts Neues, wir reißen nichts ab“, versichert Schütte.

Recycling und Mülltrennung sind Pflicht, alles noch irgendwie Brauchbare wird sortiert gelagert. Eine Werkstatt für Prototypen gibt es bereits, eine Schmiede und eine Holzwerkstatt sollen folgen. „Seit ich Pächter bin, bin ich im Aufräummodus“, sagt der Chef. „Ich habe lebenslänglich.“