An der Charité stehen 30 wissenschaftliche Arbeiten unter Plagiatsverdacht. Darunter sollen zwei Texte sein, bei denen auf allen Seiten die Forschungsergebnisse fremder Autoren ohne Angabe der Quelle übernommen wurden. Diesen Vorwurf erhebt die Medieninformatikerin Debora Weber-Wulff. Sie lehrt an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin und zählt bundesweit zu den profiliertesten Experten für Plagiate. Auffällig sind demnach 25 Doktorarbeiten sowie fünf Habilitationsschriften, mit denen Lehrberechtigungen erworben werden.

In einer Arbeitsgruppe der Internetplattform Vroniplag Wiki vergleicht die Informatikerin mit Hilfe einer Software nach und nach 50.000 in Deutschland angefertigte Dissertationen aus den Fachbereichen Medizin und Biologie untereinander. Weber-Wulff spürte mit Vroniplag Wiki in den vergangenen Jahren Plagiate in den Doktorarbeiten mehrerer Politiker auf.

Dabei fielen den Wissenschaftlern zuerst fragwürdige Arbeiten auf, die an der Uni Münster und der Charité eingereicht wurden. Die Zahl der inkriminierten Dissertationen an der Charité könne sich noch erhöhen, sagt die Professorin, bislang wurden Arbeiten aus den Jahren 2003 bis 2013 untersucht. „Wir fischen im See.“ Überprüft würden 4700 Doktorarbeiten an der Charité. Die Schriften seien jeweils von mindestens zwei Wissenschaftlern untersucht worden. Betroffen seien verschiedene Institute und Fachbereiche, unter anderem Rechtsmedizin, Urologie oder Zahnmedizin.

Die Arbeiten an der Charité wurden in einem ersten Schritt untereinander verglichen. Danach wurden sie mit Dissertationen aus anderen Hochschulen abgeglichen und schließlich mit Wikipedia. Dabei soll unter anderem herausgekommen sein, dass sechs verdächtige Dissertationen bei demselben Doktorvater eingereicht wurden. Die Autoren sollen sich gegenseitig kopiert und aus der Habilitationsschrift ihres begutachtenden Professors abgeschrieben haben. Debora Weber-Wulff nennt weitere Beispiele. Eine Urologin habe im Jahr 2010 eine Doktorarbeit eingereicht, die in weiten Strecken identisch mit einer Dissertation gewesen sei, die zwei Jahre zuvor vom selben Professor betreut und begutachtet worden sei. „Es fragt sich, warum die Parallelen nicht aufgefallen sind“, sagt Weber-Wulff. Zum Teil seien Daten gefälscht oder es sei großflächig aus Wikipedia abgeschrieben worden. „Das geht gar nicht.“

Alles andere als harmlos

Die Arbeiten werden in der Regel von drei Gutachtern geprüft. Die verdächtigen Schriften wurden auch von Chefärzten betreut, die über die Fachwelt hinaus bekannt sind. „Viele von ihnen haben sie womöglich einfach nicht gelesen“, vermutet Weber-Wulff. „Es ist alles andere als harmlos, Quellen blind zu übernehmen, die nicht mehr dem aktuellen Stand der Forschung entsprechen.“ Dies könne sich auch nachteilig auf Patienten auswirken, weil der Therapieerfolg gefährdet sein könnte.

Manche Wissenschaftler würden argumentieren, der Umgang mit Dissertationen sei schon immer lax gewesen. Darüber hinaus hielten sie einige Arbeiten trotz nicht ausgewiesener Quellen dennoch insgesamt für gelungen. „Das ist keine gute wissenschaftliche Praxis. Damit diskreditieren wir die gesamte deutsche Wissenschaft“, sagt Weber-Wulff.

Ein erster Fall sei der Charité bereits 2011 mitgeteilt geworden. Danach sei das Uniklinikum ab 26. Mai 2014 fortlaufend informiert worden. Dort wurden offenbar noch keine Konsequenzen wie die Aberkennung von Doktortiteln gezogen. „Umgehend nach Bekanntwerden wurden die Vorermittlungen aufgenommen“, teilt die Charité auf Anfrage mit. Die Arbeiten würden in vertraulichen Verfahren überprüft und Gutachten erstellt. Danach werde entschieden, ob die Verfahren eingestellt oder Hauptverfahren eingeleitet werden.

Um den Missbrauch einzudämmen, schlägt Debora Weber-Wulff vor, neben dem bestehenden einen leichter zu erwerbenden Doktorgrad einzuführen. Der wäre für Ärzte gedacht, die eine Praxis eröffnen und einen Dr. im Namen führen wollen, aber sich nicht der Forschung widmen.