Berlin - Wer von der Arbeit von Florian Graf Enthüllungen, Indiskretionen aus dem Machtzirkel der CDU erwartet hat, weil ein Insider aus dem Nähkästchen plaudert, dürfte nach der Lektüre der Doktorarbeit über die Landespartei enttäuscht sein. Es wird nur klar, dass es mit der Arbeit größere Probleme gibt, als nur abgeschriebene Stellen. Die Erkenntnisse sind erstaunlich banal, viel Nacherzählung der Zeit zwischen 2001 und 2006, kaum Analyse oder wissenschaftliche Einordnung.

Graf hatte die Veröffentlichung der Arbeit in den vergangenen Tagen noch verhindern wollen. Die Universität hat sich darüber hinweg gesetzt. Seit Donnerstag liegt in der Potsdamer Uni-Bibliothek ein Ansichtsexemplar aus.

Angespornt hat ihn bei der Promotion seine Frau. Der „lieben Eva“, die ihn stets bestärkt habe, ist die Arbeit mit dem Titel „Der Entwicklungsprozess einer Oppositionspartei nach dem abrupten Ende langjähriger Regierungsverantwortung“ auf der ersten Seite gewidmet. Auch bei seinem Doktorvater, Jürgen Dittberner, bedankt er sich.

Seitenweise Zeitungszitate

Die Kapitel lesen sich wie das Werk eines fleißigen Archivars. „Die Berliner CDU in der Regierungsverantwortung“, „Das Machtsystem der Partei“, „Neuwahl des CDU-Vorstandes im Mai 2005“, „Die Suche nach einem Spitzenkandidaten“.

Die Herangehensweise wirkt dubios. Es gibt einen mageren Theorieteil, 21 Seiten, aber keine Erläuterungen der Methodik. Graf zieht zwar am Anfang Parallelen zur CDU Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz, befasst sich aber eigentlich nur mit der Berliner CDU und zieht auch später keine Vergleiche. Inzwischen weiß man, dass sieben Seiten des Theorie-Teils von zwei anderen Autoren abgeschrieben wurden, ohne diese jedoch zu benennen. Deshalb ist Graf den Doktortitel los.

Immerhin ist er ein eifriger Zeitungsleser gewesen. Nicht nur aus den großen Berliner Zeitungen, sondern auch aus „Zitty“ und dem inzwischen eingestellten Lifestyle-Blatt Max hat er ausführlich zitiert, wie man der Literaturliste entnehmen kann.

Dreizehn von insgesamt 16 Seiten der Literaturliste listen Zeitungs- und Magazinartikel auf. Eine Presseauswertung wäre bei dem Thema vielleicht nichts Ungewöhnliches, wenn er dafür eigene Kriterien entwickelt hätte.

Stattdessen hat man den Eindruck, er wählt willkürlich aus, so wie es ihm passt. Auf manchen Seiten reiht sich ein Zeitungszitat an das andere. Selbst im Teil F, Schlussbewertung, Fazit, Ausblick formuliert er kaum eigene Gedanken, sondern endet mit einem Zitat aus der Berliner Zeitung vom März 2010: „Die alte CDU ist die neue“. Kurz darauf gab er die Arbeit ab. Seit Dezember durfte er nach eigenen Angaben den Doktortitel tragen, obwohl die Arbeit noch nicht veröffentlicht war.

Kritisch wird Graf nur an wenigen Stellen. Er erinnert daran, wie die so genannte „Betonriege“ um Klaus Landowsky und Eberhard Diepgen 1975 ins Abgeordnetenhaus einzog und die Stadtpolitik bis in die neunziger Jahre dominierte. Sie waren 25 Abgeordnete, die sich aus der Jungen Union und Studentenverbindungen kannten.

Ungute Erinnerungen bei der Lektüre

Graf arbeitet noch mal den CDU-Machtverlust 2001 auf, wirft Diepgen „unprofessionelles Krisenmanagement“ vor, kritisiert dessen Unwillen, den Posten als Landeschef zu räumen. Er, Diepgen, hätte laut Graf 2001 nach der Spendenaffäre früher und konsequenter handeln sollen, um zu verhindern, dass die CDU in eine tiefere Krise fällt.

2001 bei der Wahl verlor die CDU 17 Prozent. Trotzdem blieb Diepgen im Amt, auch der gescheiterte Spitzenkandidat und Teppich-Entrepreneur Frank Steffel wurde als Fraktionschef wiedergewählt. „Es dürfte kein nennenswertes Beispiel in der Parteiengeschichte geben, dass eine Partei nach einer solch dramatischen Wahlniederlage … keinerlei personelle Konsequenzen gezogen hat“, heißt es auf Seite 151. Danach begann eine Serie von Intrigen, Landes- und Fraktionschefs wurden dauernd ausgetauscht.

Das ist alles nicht neu, doch es ist eine Zeit, über die die Führung unter Frank Henkel nicht mehr reden will. Es sieht auch nicht gut aus, wenn Graf, also der derzeitige Fraktionschef, dem Ehrenvorsitzenden Diepgen mal eben vorwirft, damals am Stuhl geklebt zu haben.

Auch bei anderen, noch aktiven CDU-Funktionären dürfte die Lektüre eher ungute Erinnerungen wecken. Frank Steffel zum Beispiel, der von den eigenen Leuten als „intellektuell unzulänglich“ verspottet wurde und 2003 unter Druck den Job hinwarf.

2009 wurde er in den Bundestag weggelobt. Steffels Nachfolger Nicolas Zimmer mangele es an Führungsvermögen, heißt es in der Arbeit. Die Bewertung stammt nicht von Graf, er referiert sie nur. Damit will er sich schützen vor dem Vorwurf der Illoyalität. Er war ja selbst zu der wichtigen Zeit Büroleiter, erst bei Steffel, dann bei Zimmer. Politisch ist das nachvollziehbar, wissenschaftlich aber nicht.