Berlin - Zwei Menschen seilen sich von einer Hauswand am Hermannplatz ab und enthüllen ein riesiges Foto. Es zeigt einen Soldaten und einen kleinen Jungen diesseits und jenseits eines Stacheldrahts an der Grenze zwischen Ost- und West-Berlin. „Eine berührende Szene“, sagt Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke). Zusammen mit Axel Klausmeier von der Stiftung Berliner Mauer und Moritz van Dülmen, Geschäftsführer von Kulturprojekte Berlin, ist er an diesem 13. August zur Installation des Großbanners gekommen.

Thomas Meyer
Klaus Lederer, Axel Klausmeier und Moritz van Dülmen (v.l.) vor dem Plakat am Hermannplatz.

Auch hier, an der Sonnenallee, stand die Mauer und trennte den Ost- und West-Teil Berlin 28 Jahre lang. An diesem Freitag, genau 60 Jahre nach dem Beginn des Baus der Mauer, soll mit Plakatflächen, Großbannern und Motiven auf Litfaßsäulen daran erinnert werden, welches Leid die Mauer angerichtet hat. Sie zeigen die Fassungslosigkeit auf beiden Seiten der Mauer, den Schmerz getrennter Familien und lebensgefährliche Fluchten. Die Plakataktion umfasst insgesamt zehn Hauptmotive, die im gesamten Stadtraum auf zwischen 40 und 180 Quadratmeter großen Bannern gehängt werden. Mehr als 300 davon bleiben bis Sonntag, sie sind in der ganzen Stadt verteilt. „Wir wollen das Erinnern in die Stadt hineintragen, der Mauerbau hat alles verändert und auch die weit vom Mauerverlauf entfernten Gebiete betroffen“, sagt Moritz van Dülmen.

Die Großfotos sind mit QR-Codes versehen, die Betrachterinnen und Betrachter, wenn sie ihre Smartphone nutzen, jeweils in eine Augmented-Reality-Sequenz führen, die das Bild in Bewegung setzt. Auf Litfaßsäulen werden die Mauerbau-Motive zu weiteren historischen Fotografien in Beziehung gesetzt. Erzählt werden dort Geschichten von der letzten Chance zur Flucht, dem S-Bahn-Boykott, berichtet wird über Propaganda, Zwangsräumungen grenznaher Häuser und die Oberbaumbrücke als Symbol der Teilung. Die Fotos seien bewusst schwarz-weiß gehalten, damit sie irritieren und die Leute stehen bleiben, erklärt Klaus Lederer.

Clemens Porikys
Am Kottbusser Damm steht eine Litfaßsäule mit einer der historischen Aufnahmen.

Die Idee, auf eine zentrale Ausstellung zu verzichten und stattdessen Fotos im gesamten Stadtraum zu verteilen, sei auch mit Blick auf die Pandemie entstanden, sagt Moritz van Dülmen. „Die Bilder erzeugen einen kleinen Stolpermoment“, sagt er. Das Gedenkprojekt ist eine Aktion von Kulturprojekte Berlin in Zusammenarbeit mit der Stiftung Berliner Mauer auf Initiative von Klaus Lederer und wird ermöglicht durch die Lotto-Stiftung Berlin. 

Thomas Meyer
Auch am Berliner Dom erinnert ein Plakat an den Mauerbau.

„Dass wir hier in Berlin Freiheit so leben können, hat auch mit der historischen Erfahrung der Mauer zu tun“, sagt Kultursenator Lederer am Hermannplatz. Deshalb sei Erinnern so wichtig.