Emrah Kara prüft, ob der der Standfuß die gewünschte Qualität hat.
Foto: Markus Wächter

BerlinMan könnte meinen, der Bedarf sei gedeckt: Überall steht man in Geschäften, Arztpraxen, Großraumbüros, Krankenhäusern oder beim Friseur vor durchsichtigen Plastikscheiben mit dem wenig appetitlichen Namen „Spuckschutz“. Doch der Boom hält an: Noch immer machen die Hersteller der Corona-Schützer gute Geschäfte.

Die Druckerei Berlindisplay in Tempelhof beispielsweise erzielt inzwischen ein gutes Viertel ihres Umsatzes mit den Scheiben, wie Mitarbeiter Max Lutterbeck berichtet. Denn viele Geschäftsinhaber seien dabei, selbst gebastelte Schutzeinrichtungen zu ersetzen.

Für die Firma an der Alboinstraße mit ihren 13 Mitarbeitern ist das gut. Normalerweise fertigt sie Werbemittel zum Beispiel für Messen, aber die sind vielfach abgesagt, und so gab es Ausfälle für Berlindisplay. Spuckschutzwände zum Aufstellen, Anhängen oder am Tisch Anschrauben machen das zum Teil wett. Die Maschinen zum Zuschneiden von Acrylglas hatte das Unternehmen, deshalb war das Umsteuern auf den Hygieneschutz kein großer Schritt.

Für den Kunden lohne sich der Kauf, sagt Lutterbeck: „Eine aufstellbereite Wand von 60 cm mal 60 cm kostet etwas über 66 Euro, und es gibt Mengenrabatt.“

Bei Reli-Kunststoffe in Erkner sieht man neue Entwicklungen. Inhaber Gerhard Reinhold bekommt seit drei, vier Wochen wieder vermehrt Anfragen, zuletzt zunehmend von Wirten: Sie wollen Schutzwände in den Lokalen aufstellen, um im Herbst und Winter mehr Sitzplätze anbieten zu können. Reinhold rät dazu, solche Wände an Servierwagen zu befestigen, damit die Gäste auch genug Bewegungsfreiheit haben.

Der Unternehmer beobachtet auch, dass manche Abnehmer von Acrylglas sich übernommen haben, in der Hoffnung auf einen noch größeren Boom zu viel kauften und jetzt versuchten, die Ware an den Großhandel zurückzugeben. Ohnehin habe seit Ende März Goldgräberstimmung geherrscht, manche Händler hätten Mondpreise verlangt. Reinhold, der unter anderem die Charité und Vivantes-Kliniken beliefert: „Die haben mich gefragt, ob ich mich bei meinem Angebot verrechnet habe, weil ich sehr viel günstiger war als etliche Konkurrenten.“

Verwundert ist er, dass sich die Nachfrage auf Acrylglas fokussiere statt auf das bruchfestere Polycarbonat: Das hat dazu geführt, dass Acrylglas teurer ist als das bessere Polycarbonat.

Das Unternehmen Röhm in Hessen (2500 Mitarbeiter in Deutschland), das Acrylglas unter dem Markennamen Plexiglas herstellt, berichtet von einem im März sprunghaft je nach Qualität auf das Fünf- bis Zehnfache gestiegenen Absatz, und die Nachfrage bleibe wegen der Schutzwände hoch.

Für die deutsche Kunststoff-Industrie ist es nur ein kleiner Trost, wenn der Corona-Schutz beim Acrylglashersteller und den beiden Unternehmen, die Polycarbonat produzieren, für einen gewissen Umsatz sorgt. Insgesamt haben die zwanzig deutschen Kunststoff-Hersteller wegen der Pandemie von Januar bis Mai einen scharfen Produktionsrückgang von 6,3 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum erlitten. Verantwortlich dafür ist unter anderem der Nachfragerückgang der Autoindustrie.