Berlin - Die BVG-Vorstandsvorsitzende Sigrid Nikutta ist die wohl prominenteste Zuzüglerin der letzten anderthalb Jahre: Im Herbst 2010 siedelte die Chefin des größten kommunalen Verkehrsunternehmens Deutschlands mit Familie von Wiesbaden nach Biesdorf um.

Nikuttas Wohnort-Wahl bestätigt einen Trend: Zunehmend sind die östlichen Stadtränder Berlins wieder gefragt. Am westlichen Stadtrand, in Spandau, wird ebenfalls eine solche Entwicklung verzeichnet. Doch dieser Bezirk hatte nie ein solches Negativ-Image wie Marzahn-Hellersdorf und der Nachbarbezirk Lichtenberg.

Letztere galten seit den 1990er-Jahre als „Schmuddelkinder“ der deutschen Hauptstadt: geprägt durch riesige Plattenbau-Gebiete, Hochburgen der Linken. Schlagzeilen wie „die Bronx von Berlin“ oder über Neonazi-Umtriebe bestimmten die öffentliche Wahrnehmung. Das deutsche Fernseh-Volk amüsierte sich über „Cindy aus Marzahn“ mit ihrem Ghetto-Touch. Dorthin zog man nicht, von dort zog weg, wer es sich leisten konnte. Plattenbauten wurden im Rahmen des „Stadtumbau Ost“ abgerissen, einige Hundert in Lichtenberg, zu dem auch Hohenschönhausen gehört, mehr als 4.500 in Marzahn-Hellersdorf. Weichen mussten wegen des Bevölkerungsrückgangs auch Schulen und Kindertagesstätten.

Zuzug gibt es jetzt überall

Doch seit etwa drei Jahren scheint der Trend gestoppt: Es werden mehr Kinder geboren – und es ziehen neue Leute zu. Nicht nur wie früher in Villengebiete wie Karlshorst und Biesdorf, in Eigenheim-Siedlungen in Kaulsdorf, Mahlsdorf, Wartenberg und Malchow oder in die noblen Neubauten an der Rummelsburger Bucht. Lichtenbergs Bezirksbürgermeister Andreas Geisel (SPD) spricht von hunderten Briefen, mit denen er persönlich jeden Monat Neuankömmlinge im Bezirk begrüßt. „Zuzug“, sagt er, „gab es früher vor allem in den südlichen Teilen des Bezirks. Jetzt überall.“ Auch sein SPD-Amtskollege Stefan Komoß aus Marzahn-Hellersdorf bestätigt das: „In allen Vierteln gibt es Nachfrage nach Wohnungen, auch im Plattenbau.“

Etwa ein Viertel der Neu-Bewohner ist neu in Berlin. Sie kommen größtenteils aus Ostdeutschland, Berührungsängste mit dem Berliner Osten gibt es da nicht. Auch Berliner ziehen an den östlichen Stadtrand: nach Lichtenberg vor allem Menschen aus Friedrichshain-Kreuzberg und Pankow (inklusive Prenzlauer Berg), nach Marzahn-Hellersdorf insbesondere Bewohner aus Lichtenberg und Pankow. Doch auch aus Siemensstadt und Marienfelde kommen Neu-Bewohner. „Insgesamt lässt sich ein deutlicher Wanderungsdruck aus der Mitte der Stadt zu den Rändern ausmachen, der ... auf die rasch steigenden Lebenshaltungspreise, vor allem für Wohnen, zurückzuführen ist“, heißt es in einem Bericht der Investitionsbank Berlin (IBB) vom April 2011.

Gute Aussichten für Marzahn-Hellersdorf und Lichtenberg

Eine genaue Untersuchung über die soziale Zusammensetzung der Neu-Bewohner gibt es nicht. Die Bezirksämter und auch die Wohnungsunternehmen sprechen davon, dass die Zuzügler aus allen sozialen Schichten stammen, vor allem seien es junge Familien mit Kindern. Eine oft befürchtete signifikante Erhöhung von Hartz-IV-Beziehern kann Marzahn-Hellersdorfs Sozialstadträtin Dagmar Pohle (Linke) allerdings nicht feststellen. „Bei den Einschulungsuntersuchungen ist aufgefallen, dass die Eltern der neuen Schüler meist beide berufstätig sind“, sagt sie. Allerdings gebe es Problemgebiete im unsanierten Bestand. Rund um die Hellersdorfer Promenade, die Alte Hellersdorfer Straße und in Marzahn-West lebten viele Menschen von Sozialleistungen.

Generell seien aber Marzahn-Hellersdorf und Lichtenberg Gewinner der sogenannten Gentrifizierung, der Verdrängung angestammter Bewohner aus der Innenstadt durch steigende Mieten, sagt sie: „So paradox das ist: Wir haben damit die Chance, eine gute Bevölkerungsmischung zu bekommen.“

In beide Stadtrand-Bezirke wurde in den letzten Jahren viel investiert, sagt David Eberhart, Sprecher des Verbandes Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU). Fast 90 Prozent der Plattenbauten seien saniert, es wurden Parks und Spielplätze gebaut, über Berlin hinaus bekannte Attraktionen wie die „Gärten der Welt“ im Erholungspark Marzahn geschaffen. „Das Image ist dadurch besser geworden“, sagt Eberhart.

Nicht zuletzt sei zu beobachten: „Die Platte ist wieder hip“, sagt Eberhart. Junge Leute, die in der Nachwendezeit groß geworden seien, zögen jetzt vermehrt in sanierte Plattenbau-Wohnungen. Begonnen habe das in Mitte. „Diese Entwicklung greift jetzt auch auf Stadtteile wie Marzahn, Hellersdorf und Lichtenberg über.“