Berlin - Nun haben sie sich doch überwinden können. Haben es nicht auf eine peinliche Kampfabstimmung ankommen lassen: Einstimmig votierten die Bezirksverordneten in Friedrichshain-Kreuzberg am Mittwochabend dafür, den Platz vor der künftigen Jüdischen Akademie nach Fromet und Moses Mendelssohn zu benennen. Dieser beinahe salomonische Kompromiss beendete eine mehr als einjährige Debatte, die streckenweise wenig intelligent, dafür aber reichlich provinziell geführt wurde.
Der Platz, um den es geht, liegt gegenüber dem Jüdischen Museum, auf der anderen Seite der Lindenstraße. Dort entsteht gerade ein zweiter spektakulärer Libeskind-Bau: Die einstige Blumengroßmarkthalle wird zur Jüdischen Akademie umgebaut. Im Mai soll das Education Center des Museums öffnen, mit Bibliothek, Archiv und kultureller Begegnungsstätte.

Das Jüdische Museum, der bislang einzige Anlieger des neuen Platzes, wünschte sich als Namenspatron dringlich Moses Mendelssohn (1729–1786). Jenen Aufklärer und Philosophen, der das Judentum modernisierte und allgemein als Urbild jüdisch-deutscher Integration sowie als Vordenker der Toleranz gilt. Dem sein Freund Lessing mit „Nathan der Weise“ ein bleibendes Denkmal setzte.

Ein Mann also, der wie kein zweiter geeignet ist, dem Platz zwischen Jüdischem Museum und Jüdischer Akademie seinen Namen zu geben. Denn sowohl das Jüdische Museum als auch die Jüdische Akademie widmen sich Fragen, die weit übers Religiöse hinausgehen. Mendelssohn, so argumentierte das Museum, verkörpere das Interkulturelle wegweisend im Sinne einer modernen, heterogenen Gesellschaft. In einem Online-Forum plädierten bis zum Mittwoch rund 1800 Menschen für seinen Namen.

Prinzip Frauenquote

Doch eine Mehrheit gab es in der Bezirksverordnetenversammlung, die für Straßennamen zuständig ist, für den Aufklärer nicht. Dabei war die Debatte diesmal überraschend niveauvoll. Man machte es sich nicht leicht, wog ab und schien sogar dem politischen Gegner zuzuhören. Drei Vorschläge lagen zur Abstimmung vor.

Die Grünen, die die Mehrheit der Bezirksverordneten stellen, plädierten mehrheitlich für Rahel Levin-Varnhagen. Bewusst hatte man eine Frau gewählt. Seit 2005 nämlich sollen im Bezirk bei Benennungen von Straßen und Plätzen Frauen bevorzugt werden. Solange, bis eine Parität zu den Männern erreicht ist. Von 375 Straßen, so teilte das Bezirksamt dann, quasi als Argumentationshilfe auf Grünen-Anfrage mit, sind nur zwölf nach Frauen benannt.

Doch die Quote gilt nicht generell. Ausnahmen gibt es, wenn es politisch passt. So wurde 2008 ein Teil der Kochstraße in Kreuzberg nach dem linken Studentenführer Rudi Dutschke benannt. Am Freitag wird die Gabelsbergerstraße in Friedrichshain umbenannt, sie heißt dann nach Silvio Meier, dem Hausbesetzer und Punk, der vor 20 Jahren von Neonazis ermordet wurde.

Die Frauenrechtlerin Rahel Levin-Varnhagen (1771–1831) sei nicht geeignet, hieß es sogar aus der Grünenfraktion. Sie habe ihr Judentum verleugnet und sei zum Christentum konvertiert. Was von den Befürwortern als Stärke ausgelegt wurde: Varnhagen habe in ihrem Salon Kontakte mit Geistesgrößen gepflegt, aber vergeblich versucht, Mitglied der Gesellschaft zu sein.

Dass es für den Namen Moses Mendelssohn allein keine Mehrheit gab, verwundert nicht. Auch wenn das Jüdische Museum bis zuletzt darum gebeten hatte. Die Bezirksverordneten entschieden sich für beides – für Mendelssohn und für eine Frau. Fromet Mendelssohn war die Ehefrau des Philosophen. Ihre Ehe, so hieß es, sei die erste gewesen, die ohne Heiratsvermittler geschlossen wurde.

Ein emanzipatorisches Bündnis zweier kluger, sich liebender Menschen. Der Platz wird nun Fromet-und-Moses-Mendelssohn-Platz heißen. Schließlich hatten sich die Bezirksverordneten auch vorgenommen, keine Entscheidung gegen das Jüdische Museum zu treffen. Mit dem Kompromiss können beide Seiten leben.