Das passt nicht zusammen: für die Mobilitätswende werben – und Regionalbahnlinien einstellen. Doch im Land Brandenburg geschieht genau dies, hier drohen Stilllegungen. Die Landesregierung möchte den probeweisen Zugverkehr zwischen Joachimsthal und Templin nicht verlängern. Inzwischen wurden Befürchtungen laut, dass auf einer Verbindung in die Prignitz ebenfalls im Dezember der Regionalbahnverkehr enden könnte. Am Donnerstag berät der Infrastrukturausschuss des Landtags über die Pläne.

Wer das Supplement zum Amtsblatt der Europäischen Union aufmerksam liest, konnte die Nachricht erstmals am Montag darin entdecken. Das Ministerium für Infrastruktur und Landesplanung in Potsdam gab bekannt, dass eine Ausschreibung geändert wurde. Suchte das Land Brandenburg bisher für zwei Regionalbahnlinien nordwestlich von Berlin neue Betreiber ab Dezember 2022, ist nun nur noch eine Strecke übrig geblieben: die Linie RB 73, die Neustadt (Dosse) mit der Station Kyritz Am Bürgerpark verbindet.

Das Aus droht: HANS und die NEB sollen nicht mehr fahren

Die künftige RB 74, die von Kyritz weiter nach Pritzwalk und Meyenburg führen sollte, wurde dagegen aus dem laufenden Vergabeverfahren gestrichen. Ob das bedeutet, dass der Regionalverkehr dort endet, blieb offen. Derzeit verkehren auf dem 49 Kilometer langen Abschnitt im Auftrag des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg Triebwagen der Hanseatischen Eisenbahn, kurz HANS.

Konkreter ist die Gefahr, in der nordöstlich von Berlin eine andere Regionalbahnstrecke schwebt. Auf dem 26 Kilometer langen Abschnitt der RB 63, der von Joachimsthal in der Schorfheide zum Bahnhof Templin Stadt verläuft, soll der für zuletzt auf vier Jahre verlängerte probeweise Personenverkehr im Dezember enden. Weil die Fahrgastzahlen in den Triebwagen der Niederbarnimer Eisenbahn (NEB) unter den Erwartungen bleiben, kommt das nördliche Teilstück der RB 63 im Entwurf des Brandenburger Landesnahverkehrsplans ebenfalls nicht vor. Auf der heutigen Schorfheide-Bahn war der Regionalverkehr 2006 abbestellt worden, er wurde 2019 wieder aufgenommen.

Petition gegen die drohende Einstellung der Schorfheide-Bahn

Die drohende Ausdünnung des Regionalzugnetzes, das im Land Brandenburg bereits in früheren Jahrzehnten größere Kürzungen erlitten hatte, stößt vor Ort auf Kritik. Proteste gibt es sowohl in der Prignitz als auch in der Uckermark. So hat der Kreistag des Landkreises Uckermark einstimmig dafür votiert, weiterhin Züge zwischen Joachimsthal und Templin fahren zu lassen. Auch der Prignitzer Landrat Christian Müller (SPD) positionierte sich gegen den Kurs des Landes.

Der Landesverband Nordost des Deutschen Bahnkunden-Verbands hat Infrastrukturminister Guido Beermann (CDU) aufgefordert, die Züge auf der Schorfheide-Bahn weiterfahren zu lassen. Bis Dienstag haben mehr als 4900 Menschen die Petition unterstützt. In die Auswertung seien „auch die letzten zwei Jahre mit den bekannten Corona-Einschränkungen ... mit eingeflossen, obwohl es drastische Kontakt- und Reisebeschränkungen gab“, gibt der Verband zu bedenken.

„Wir finden, wo Schienen liegen, sollten auch Züge fahren“, sagen Ines Lehmann-Günther und Patrick Telligmann von Bündnis 90/Die Grünen Uckermark. Allerdings fuhren im April laut Betreiber durchschnittlich täglich nur 155 Fahrgäste mit den Dieseltriebwagen auf der RB 63. Beim Land war sogar nur von 80 bis 100 Reisenden pro Tag die Rede. „300 waren die vor dem Probebetrieb und vor Corona ausgegebene Zielmarke“, berichten die Grünen-Politiker.

Im Entwurf des Landesnahverkehrsplans 2023 sind die Strecken Joachimsthal–Templin sowie Kyritz–Pritzwalk–Meyenburg gelb markiert. Das bedeutet, dass die Fahrgastzahlen dort nach den Erkenntnissen des Landes sehr niedrig sind. Die „streckenspezifische Querschnittsbelastung“ lag den Angaben zufolge 2019 bei durchschnittlich maximal 150 Reisenden pro Tag. Die Schienen führen durch dünn besiedelte Gebiete. Die meisten Bewohner nutzen Autos, nicht den öffentlichen Verkehr.

Zu wenig Zugfahrten – und die Anschlüsse könnten besser sein

Doch Kritik gibt es auch in Berlin. Berliner auf Ausflügen stellen am Wochenende einen großen Teil der Fahrgäste im Brandenburger Regionalverkehr. Bei Twitter ärgerte sich ein Mitglied des Fahrgastverbands IGEB: „So läuft die Anti-Verkehrswende der CDU Brandenburg – ambitionsloser Nahverkehrsplan und kurzfristige Streckenabbestellungen! Die Anlieger gucken in die Röhre. Welch fatales Zeichen, welch fatale Chance.“ Auch dort merken Beobachter an, dass das Zugangebot nicht ausreicht.

So verkehren auf dem Abschnitt der heutigen Linie RB 73 zwischen Kyritz und Pritzwalk höchstens vier Züge pro Tag und Richtung. Anschlussverbindungen könnten besser sein. So gibt es in Eberswalde zum Teil längere Wartezeiten, die aus Richtung Berlin zum Beispiel am Nachmittag 49 Minuten erreichen können. Wer von Meyenburg nach Plau am See oder weiter nach Norden reisen will, muss sogar noch mehr Zeit mitbringen. Dort kann die Übergangszeit zum Bus 735 nach Mecklenburg fast zwei Stunden betragen.

Probebetrieb nach Templin soll bis 2023 verlängert werden

Der Infrastruktur-Ausschuss des Landtags Brandenburg wird am Donnerstag sowohl über den Planentwurf als auch über die von der Einstellung bedrohten Regionalbahnlinien sprechen. Die Fraktion BVB/Freie Wähler beantragt, „den Probebetrieb der RB63 auf der Strecke Joachimsthal–Templin Stadt bis zum 9. Dezember 2023 zu verlängern und alle dafür nötigen Maßnahmen unverzüglich einzuleiten“. Zudem soll das Land eine  Machbarkeitsstudie in Auftrag geben. Darin soll ausgelotet werden, wie die Schorfheide-Bahn für mindestens 80 Kilometer pro Stunde ertüchtigt und der Verkehr auf einen Stundentakt verdichtet werden kann.

Am Dienstag äußerte sich Katharina Burkardt, Sprecherin von Infrastrukturminister Beermann, zu den Befürchtungen. „Es bleibt eine Herausforderung, in Regionen mit wenig Fahrgästen auf der Schiene den Schienenverkehr wirtschaftlich darzustellen“, so Burkardt zur Berliner Zeitung. „Das Ministerium arbeitet aber intensiv daran, für die Prignitz eine gute und passende Mobilitätsanbindung zu erhalten. Für den Regionalverkehr in der Prignitz brauchen wir angepasste Verkehrslösungen. Verkehrswende ja, aber sie kann nicht mit Standardlösungen erzwungen werden, für die die Voraussetzungen vor Ort nicht gegeben sind.“

Land: Wie es mit der Prignitz-Strecke weitergeht, ist noch nicht entschieden

Eine bloße Aufrechterhaltung des Status quo beim RB 73/74 zwischen Neustadt (Dosse) und Meyenburg sei nicht möglich, weil die Nachfrage begrenzt sei und die Kosten stark gestiegen seien. „Die jetzt erfolgte Ausschreibung der Linie RB 73 ist darin begründet, dass zum Fahrplanwechsel im Dezember 2022 mit Auslauf des bestehenden Verkehrsvertrages ein neues Fahrplankonzept umgesetzt werden soll“, so die Sprecherin. Es sieht vor, dass die Züge auf dem Abschnitt zwischen Neustadt (Dosse) und Kyritz Am Bürgerpark auch am Wochenende stündlich fahren.

„Die nun erfolgte Ausschreibung bedeutet nicht das Aus für die RB 74. Ob und in welcher Form dort Verkehre weiterfahren, ist derzeit noch in Verhandlungen“, stellte Burkardt klar. „Ziel ist es, ein tragfähiges Konzept möglichst gesamthaft mit Mecklenburg-Vorpommern im nördlichen Abschnitt, also Kyritz Am Bürgerpark–Pritzwalk–Plau am See zu entwickeln, um neben dem Tourismus sämtliche Potentiale und Planungsziele berücksichtigen zu können.“