BerlinDas Corona-Jahr 2020 hatte auch eine gute Seite: Die Berliner Luft ist besser geworden. So zeigt die jüngste Jahresbilanz des Umweltbundesamts, dass die Belastung mit Feinstaub erneut deutlich gesunken ist. Auch bei den Stickoxiden gibt es in Berlin einen Abwärtstrend. Doch weil der Kraftfahrzeugverkehr nach dem Lockdown im Frühjahr wieder angestiegen ist, hält sich das Ausmaß in Grenzen, und die Auswirkungen von Corona sind geringer als erwartet. Offenbar tragen andere Faktoren in größerem Maße dazu bei, dass die Berliner besser durchatmen können, hieß es im Senat.

Feinstaubpartikel sind klein: Ihr Durchmesser beträgt nicht einmal zehn Millionstel Meter. Und sie sind gefährlich: Wer dem Schwebstaub aus Öfen und Motoren, von Straßen und Äckern ausgesetzt ist, trägt ein höheres Risiko, an Herz, Kreislauf sowie Atemwegen zu erkranken. Doch die Belastung nimmt ab – „und zwar deutschlandweit“, sagte Jan Thomsen, Sprecher von Berlins Umweltsenatorin Regine Günther (Grüne).

Einige Daten aus Berlin: An der Messstelle Silbersteinstraße in Neukölln lag der Tageswert im vergangenen Jahr nur noch an acht Tagen über 50 Millionstel Gramm (Mikrogramm) pro Kubikmeter Luft. 2019 war dies an elf, im Jahr davor sogar an 27 Tagen der Fall. An der Frankfurter Allee in Friedrichshain, einem weiteren einstigen Feinstaub-Hotspot, wurde der Grenzwert im vergangenen Jahr an sechs Tagen überschritten. 2018 wurde dies an 14, im Jahr davor an 24 Tagen festgestellt. In Buch, Friedrichshagen und Wedding wurde lediglich je ein Überschreitungstag verzeichnet. Von der Europäischen Union erlaubtes Maximum sind 35 Tage pro Jahr.

Damit setzt sich ein Trend, der schon seit Jahren zu beobachten ist, fort. Als nach der Wende Fabriken schlossen, gingen viele Arbeitsplätze verloren. Doch der Berliner Luft und denen, die sie atmen, tat die Veränderung gut: Zwischen 1989 und 2015 ging die Belastung mit Feinstaub um 86 Prozent zurück. Als der Senat das Gebiet innerhalb des S-Bahn-Rings 2008 zur Umweltzone erklärte und trotz heftiger Kritik Fahrzeuge mit hohen Abgaswerten daraus verbannte, wirkte sich das ebenfalls positiv aus. Inzwischen entsteht nur noch ein Drittel des Berliner Feinstaubs in Berlin und Motoren tragen kaum noch dazu bei. Beim Verkehr ist der Reifenabrieb mittlerweile das größere Problem. Zwar stammt der größte Teil der lokalen Feinstaubbelastung aus dem Kraftfahrzeugverkehr, doch der ist trotz Corona 2020 insgesamt kaum zurückgegangen. Die Pandemie habe „nicht signifikant“ zum Rückgang der Feinstaubbelastung beigetragen, sagte Thomsen.

Dass die Feinstaubbelastung 2020 deutlich gesunken ist, habe stattdessen einen überregionalen Grund: Aus östlicher und südöstlicher Richtung weht weniger verschmutzte Luft nach Berlin. Übergangsfristen endeten, weshalb immer mehr Großkraftwerke in Polen über wirksame Abgasreinigungsanlagen verfügen. Außerdem werden dort immer mehr Kohleöfen durch schadstoffarme Heizungen ersetzt. Dass die Berliner weniger Feinstaub einatmen müssen, sei den „dortigen Anstrengungen“ zu verdanken, hieß es in der Senatsverwaltung.

Grafik: BLZ/Hecher, Quelle: Umweltbundesamt

Auch Elektroautos produzieren Feinstaub

Auch das Wetter hatte positive Effekte. „Höhere Temperaturen führen zu geringerem Heizbedarf“, so Thomsen. Hochdruck-Inversionswetteranlagen, bei denen sich Schadstoffe wie unter einem riesigen Deckel konzentrieren, waren 2020 ebenfalls selten.

Dafür ist in Berlin ein neues Problem aufgetaucht: „Die Holzfeuerung in Komfortöfen, die zusätzlich zur normalen Heizung betrieben werden, hat inzwischen an kalten Wintertagen einen messbaren Einfluss auf die Feinstaubbelastung.“ An Überschreitungstagen sei bis zu 21 Prozent des Feinstaubs auf diese Quelle zurückzuführen. Regularien schreiben vor, dass alte Öfen stillzulegen sind. Es gibt moderne Technik, die sogar mit dem Blauen Engel ausgezeichnet wurde.

Allerdings schließen Fachleute nicht aus, dass die Feinstaubvorschriften nach langer Pause bald verschärft werden. Wissenschaftler halten den jetzigen Grenzwert für nicht mehr ausreichend. So wird diskutiert, ob man ihn senkt – und ob außerdem vorgeschrieben wird, den Ausstoß jährlich um einen bestimmten Prozentwert zu verringern. Das könnte auch die Berliner betreffen – zum Beispiel, wenn sie einen Holzofen oder ein Kraftfahrzeug besitzen. „Da Reifenabrieb auch bei Elektroautos entsteht, muss es generell darum gehen, die Zahl der Autos in Berlin zu senken“, hieß es.

Der Senat hat die Stickoxide ebenfalls im Visier. Die schädlichen Gase stammen vor allem aus Verbrennungsmotoren. Als der Corona-Lockdown im Frühjahr 2020 die Straßen leerte, sank der Ausstoß – „um etwa 15 bis 20 Prozent“, wie Jan Thomsen sagte. Doch dieser Effekt war nicht von Dauer, seit Juni ist das Verkehrsaufkommen wieder auf das Niveau vor Corona angestiegen. Deshalb seien ähnlich wie beim Feinstaub die positiven Auswirkungen von Corona gering, so Thomsen. Der Senat geht davon aus, dass die Stickoxidbelastung im Jahresmittel nur um zwei Millionstel Gramm pro Kubikmeter Luft gesunken ist – höchstens.

„Das sind gerade mal fünf Prozent“, hieß es in der Verwaltung. Als wirksamer hätten sich Tempo-30-Bereiche erwiesen, wie eine neue Untersuchung zeige. Danach sei auf der Leipziger Straße, der Hauptstraße, dem Tempelhofer Damm und der Kantstraße, wo solche Tempolimits seit 2018 gelten, das Stickoxidaufkommen deutlich zurückgegangen – zum Teil so stark, dass es kaum noch über dem Grenzwert liegt.

Ob dies dazu führen wird, dass die Tempo-30-Schilder wieder verschwinden, gilt jedoch intern als fraglich. Denn die Geschwindigkeitsbeschränkung trage auch dazu bei, den Verkehrslärm zu verringern und die Zahl der Unfälle zu senken, hieß es. 

BUND: Kohlekraftwerke stilllegen und Straßenbau stoppen

Es sei gut, dass die Feinstaubbelastung in Polen und Südosteuropa gesenkt wurde, sagte Tilmann Heuser vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) am Montag. „Zentrale Herausforderung wird es aber bleiben, Polen auch dafür zu begeistern, zugunsten erneuerbarer Energien zügiger aus der Kohle auszusteigen.“ Berlin und Brandenburg müssten mit gutem Beispiel vorangehen, indem sie Kohlekraftwerke in ihrem Bereich durch andere Stromlieferanten ersetzen.

„Weniger Autoverkehr bedeutet weniger Lärm und bessere Luft“ – das habe der Lockdown im Frühjahr 2020 gezeigt, so der Berliner BUND-Geschäftsführer weiter. Allerdings könnten die Auswirkungen von Corona das Ziel, Mobilität klimagerecht zu gestalten, gefährden. Denn die Kosten der Pandemie beschränken Spielräume für zukunftsfähige Investitionen, warnte Heuser. Umso wichtiger sei es, das knappe Geld zu konzentrieren und die Mittel für den Ausbau des Fuß-, Rad- und Nahverkehrs zu verwenden. Auf Straßenbauprojekte wie die Tangentialverbindung Ost, die zwischen Marzahn und Köpenick geplant ist, sollte verzichtet werden, forderte Heuser.