Berlin - Wo in Europa gab es die größte militärische Erhebung gegen die deutsche Besatzungsmacht im Zweiten Weltkrieg? Wer bei der Antwort zögert, ist sicherlich kein Pole. Und wer Pole ist, für den  gehört der Warschauer Aufstand – 1. August bis 1. Oktober 1944 – zur nationalen Erinnerungskultur. Genauso wie der 1. September 1939, der Tag des deutschen Überfalls auf Polen, der an diesem Wochenende achtzig Jahre zurückliegen wird. Beide Ereignisse sind bis heute aktuell. Immer noch ein Trauma zwischen Danzig und Dukla. Sie dürfen nicht vergessen werden. Auf beiden Seiten nicht.

Der polnische Botschafter in Deutschland wird am Sonntag einen Kranz niederlegen auf dem Britischen Friedhof in Charlottenburg. Dort sind vor allem britische Soldaten begraben, die im Zweiten Weltkrieg getötet wurden, aber auch fünf polnische. Einen anderen Gedenkort in Berlin gibt es nicht. Warum eigentlich nicht?

Denkmal am Anhalter Bahnhof?

Seit knapp zwei Jahren arbeitet eine Bürgerinitiative daran, ein Denkmal für die polnischen Opfer der deutschen Besatzung von 1939-1945 zu errichten; in Berlin, Kreuzberg, auf dem Askanischen Platz, vor dem Hintergrund der Kriegsruine Anhalter Bahnhof. Das Denkmal würde gegenüber vom künftigen Dokumentationszentrum der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung stehen.

Die Idee geht auf den vor vier Jahren verstorbenen Wladyslaw Bartoszewski zurück: Auschwitzhäftling, Widerstandskämpfer, ein Mann, der als Historiker, Politiker und Publizist für die Versöhnung zwischen Polen und Deutschen gekämpft hat. Zitat: „Es lohnt sich, anständig zu sein.“

Aus der Initiative ist eine Erklärung geworden, die inzwischen 240 Bundestagsabgeordnete unterschrieben haben, aus allen Fraktionen außer der AfD, im Herbst soll daraus ein ein gemeinsamer Antrag im Bundestag hervorgehen, die Bundesregierung unterstützt das Projekt.

Für die schwierige deutsch-polnische Nachbarschaftsgeschichte ist das eine gute Nachricht. Denn Blumenkränze verwelken, ein Denkmal aber bleibt stehen, kann gepflegt werden. Und könnte endlich ein zentraler Gedenkort werden, für Deutsche und Polen. In Deutschland leben zwei Millionen Polen, jeder Zehnter in Berlin, nur Chicago ist bei Auslandspolen beliebter.

Wie ein spätes Bekenntnis

Es gibt Bedenken, etwa: Wenn die Polen ein eigenes Denkmal bekommen, dann wollen das andere Nationen auch. Den Opfern des Vernichtungskrieges im Osten solle deshalb lieber an einem gemeinsamen Ort gedacht werden – als ließe sich Geschichte vergleichen. Kritiker des Denkmals fragen sich auch, ob ein Museum nicht besser geeignet wäre, um Räume für Begegnungen zu schaffen.

Die Initiative hat also bereits etwas erreicht, das leider nicht so selbstverständlich ist: Man spricht über die Vergangenheit, man erinnert sich in Deutschland. Und das merken die Polen, die den Deutschen oft (zu Recht) mangelndes Interesse an ihrem Land vorwerfen. Selbst die polnische Regierung, die sich nach außen immer wieder deutschlandkritisch gibt, wenn sein innenpolitisch punkten will, befürwortet die Errichtung dieses Denkmals. Es wäre ein Symbol der Empathie, das sich nicht umdeuten ließe. Ein spätes Bekenntnis auch. Und ein Beweis dafür, dass Erinnerungskultur eine gemeinsame Anstrengung sein darf.