Eine Poliklinik im Westen wird zur Erfolgsgeschichte – ohne Happy End?

Das Gesundheitszentrum Gropiusstadt hat einige Krisen überstanden. Jetzt wird es eng – wegen Finanzinvestoren, Systemfehlern und einer gleichgültigen Politik.

Kämpfen um den Erhalt ihres Ärztehauses: Orthopäde Roland Herwig (l.) und Urologe Stefan Stupp, Geschäftsführer des Gesundheitszentrums Gropiusstadt.
Kämpfen um den Erhalt ihres Ärztehauses: Orthopäde Roland Herwig (l.) und Urologe Stefan Stupp, Geschäftsführer des Gesundheitszentrums Gropiusstadt.Emmanuele Contini

Als würden sie für ein Plattencover posieren, so stehen sie da. In Schwarz-Weiß fotografiert vor einer hellen Wand. Die einzige Frau hat sich auf einem Stuhl platziert. Die anderen geben sich lässig wie Rockstars jener Tage: lange Haare, Rauschebärte, Hosen, die in den Siebzigerjahren modern sind, mit Schlag, buchstäblich bis der Arzt kommt: Auf dem Foto zu sehen sind die Gründer eines Gesundheitszentrums an der Neuköllner Lipschitzallee, dort, wo die Gropiusstadt beginnt. Abgekürzt heißt es bis heute GZG.

Roland Herwig sitzt in seinem Sprechzimmer am Schreibtisch, auf einem Laptop vor sich die alte Aufnahme. „So sah man damals eben aus“, sagt der Orthopäde. Er grinst beim Blick auf die Vorgänger seiner Vorgänger. Herwig gehört zur dritten Generation von Medizinern, die das Gesundheitszentrum Gropiusstadt betreiben. Von Achtundsechzigern als Versuch gestartet, eine Poliklinik nach DDR-Vorbild in West-Berlin zu etablieren, hat das Zentrum einige Krisen gemeistert. Es hat gleich am Anfang eine Insolvenz überstanden. Zuletzt schulterte es erfolgreich die Belastungen durch die Corona-Pandemie; die Einschränkungen erforderten Improvisation und Durchhaltevermögen. „Doch jetzt drohen wir an einer paradoxen Situation zu scheitern“, sagt Herwig. Ausgerechnet das GZG.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) will Deutschlands Krankenhäuser entlasten. Er hat deshalb eine Expertenkommission eingesetzt. Sie empfiehlt, Patienten verstärkt ambulant zu behandeln, wenn das aus ärztlicher Sicht sinnvoll erscheint. Sogenannte medizinische Versorgungszentren (MVZ) sollen diese Aufgabe übernehmen, also das tun, was das GZG seit 1976 tagtäglich leistet, derzeit in 15 Fachrichtungen.

Rund 3800 solcher MVZ gab es Ende 2020 bundesweit, inzwischen sind es schon mehr als 4200, Tendenz weiter steigend. Kliniken bauen diese Zentren auf, das kommunale Vivantes-Krankenhaus Neukölln zum Beispiel, nur einige Hundert Meter von der Lipschitzallee entfernt.

Finanzinvestoren greifen nach Arztpraxen in Berlin

Längst haben aber auch Finanzinvestoren den ambulanten medizinischen Sektor als lukratives Betätigungsfeld für sich erkannt. Internationale Konsortien übernehmen Praxen und die dazugehörenden Zulassungen, die Kassensitze, bauen größere Versorgungseinheiten auf, die sie nach einigen Jahren mit beträchtlichem Gewinn an den nächsten Private-Equity-Fonds veräußern. „Genau einen solchen Fall haben wir jetzt in unserem Haus“, sagt Herwig.

Die Radiologie verlässt das GZG. Die Zulassung für die Praxis ist von zwei Ärzten auf das Unternehmen Diagnostikum übergegangen. Das dominiert nach Einschätzung der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin (KV) die Radiologie mit bisher zwölf Standorten in der Stadt. Weitere Übernahmen könnten folgen. „Noch ist es nicht so weit, aber der Marktanteil von Diagnostikum ist so groß, dass man fast schon von einem Oligopol sprechen kann“, hat der stellvertretende KV-Vorstand Günter Scherer dieser Zeitung gesagt.

Urologe Stefan Stupp bereitet eine Ultraschall-Untersuchung vor.
Urologe Stefan Stupp bereitet eine Ultraschall-Untersuchung vor.Emmanuele Contini

Die Berliner Praxislandschaft verändert ihre Topografie. Der klassische niedergelassene Arzt erhält starke Konkurrenz. Der Virchow-Bund spricht von einer „Investoren-Schlacht um Deutschlands Praxen“. Die begann in der Augenheilkunde, rasch gerieten andere lukrative Fachrichtungen in den Fokus der Fonds. Die Orthopädie etwa, Herwigs Disziplin. Mit Endoprothetik, mit künstlichen Gelenken für Knie oder Hüfte, lässt sich viel Geld verdienen. In dem neuartigen Konstrukt besorgt der niedergelassene Facharzt die Akquise für die Operateure, die ebenfalls zum Portfolio der Investoren zählen. So erklärt es der Orthopäde.

Auch Krankenhäuser können ein MVZ betreiben, indem sie die erforderlichen Kassensitze bei der KV erwerben. Sie gehörten zuvor meist Ärzten, die in wenigen Jahren das Rentenalter erreichen, die in herausfordernden Zeiten ihren Lebensabend und ihr Lebenswerk abgesichert sehen wollen. Jurist Scherer verfolgt die momentane Entwicklung mit Sorge. Er befürchtet, „dass sich das Leistungsspektrum auf lukrative Bereiche eines Faches verschiebt“. Die Grundversorgung werde dadurch gefährdet.

Das Neuköllner Ärztehaus spürt schon vor dem Auszug der Radiologie die Folgen der Übernahme durch den Investor. Herwig berichtet: „Früher haben die beiden dort praktizierenden Ärzte zum Beispiel Bauchsonografie gemacht, ein wichtiges bildgebendes Verfahren, etwa um Tumore zu erkennen.“ Im Ärztehaus gibt es onkologische Schwerpunktpraxen. „Die Bauchsonografie wird schlecht bezahlt. Sie ist zwar medizinisch, aber nicht betriebswirtschaftlich sinnvoll und wird in unserem Haus deshalb nicht mehr angeboten.“

Gute Erlöse erzielen radiologische Praxen mit Magnetresonanztomografie, kurz MRT. Bei Privatpatienten verdienen sie mehr als viermal so viel wie bei gesetzlich Versicherten. „MRT-Technik kann bei uns nicht installiert werden, weil das Haus alt ist und die baulichen Voraussetzungen nicht mehr erfüllt. Es müsste dringend saniert werden“, sagt Herwig. Noch so ein existenzielles Problem.

Gesundheitszentrum Gropiusstadt versorgt 35.000 Patienten pro Quartal

Herwig macht sich auf zur urologischen Praxis seines Kollegen Stefan Stupp. Die beiden sind die Geschäftsführer des GZG, zusammen mit der Apothekerin Anneliese Herold. Sie treffen sich regelmäßig, besprechen, was in einer GmbH zu besprechen ist. Wie sie das Aus für die Radiologie ausgleichen können zum Beispiel. „Die Zeit der kurzen Wege und schnellen Diagnosen ist dann jedenfalls vorbei“, das steht für Herwig fest: „Der Auszug hat massive Auswirkungen auf unser Ärztehaus und seinen Bestand.“

Der Orthopäde geht durch verwinkelte Gänge, vorbei an wartenden Patienten, an Praxistüren entlang. 24 Fachärzte und sieben Allgemeinmediziner arbeiten hier unter einem Dach. Wegweiser in den Fluren leiten von der Rezeption am Eingang des Hauses ans gewünschte Ziel: Gynökologie, Kinderheilkunde, Zahnmedizin, Psychotherapie – die Beschilderung erinnert an ein Krankenhaus, und ganz so falsch ist dieser Eindruck nicht.

Die Radiologie des GZG. Sie wird das Haus an der Lipschitzallee verlassen.
Die Radiologie des GZG. Sie wird das Haus an der Lipschitzallee verlassen.Emmanuele Contini

Pro Quartal sprechen rund 35.000 Patienten im GZG vor. Seine Bedeutung wächst, denn zum Einzugsgebiet gehört das nahe Brandenburg, der Speckgürtel mit der Region um den Flughafen BER, mit Schönefeld, dessen Einwohnerzahl sich seit den Neunzigern verdoppelt hat. „Wir versorgen ungefähr so viele Akut-Patienten wie die Rettungsstelle im Krankenhaus Neukölln“, sagt Herwig. Allein die Orthopäden behandeln pro Tag 100 bis 150 solcher akuten Fälle und dazu noch mal 200 bis 250 bestellte Patienten.

Herwig erinnert sich noch gut an den September vergangenen Jahres, als die Ärzte des GZG beschlossen, für einen Tag zu pausieren. Sie wollten sich am Protest gegen Lauterbachs Plan beteiligen, offene Sprechstunden abzuschaffen. „Wir haben die Neuköllner Rettungsstelle darüber informiert, doch die Kollegen dort flehten uns förmlich an, nicht zu pausieren. Sie fürchteten, dass sie den erwartbar großen Andrang nicht bewältigen.“ Das GZG schloss nicht.

Im ersten Stock öffnet Stefan Stupp die Tür zu seiner urologischen Praxis. Hinter dem Empfangstresen telefoniert eine Mitarbeiterin, es geht um eine Therapie, um einen Termin. Im Wartebereich laufen über einen Wandmonitor Informationen zur Früherkennung von Prostata-Karzinomen.

Bis zum 31. Dezember 2024 ist der Betrieb gesichert, dann endet der Mietvertrag mit dem Diakonischen Werk. Der evangelische Wohlfahrtsverband gibt das Gebäude auf. Wieder steht das GZG für die Probleme der niedergelassenen Ärzteschaft in Berlin. Schon länger spüren Praxis-Inhaber den Kostendruck auf dem Immobilienmarkt der Hauptstadt. Durchschnittlich sind die Gewerbemieten seit 2015 um mehr als 14 Euro pro Quadratmeter angewachsen. Bezahlbare Räume in guter Lage zu finden, ist schwierig. Zumal die Konkurrenz zunimmt. Stupp sagt: „Auch in Neukölln werden zuhauf MVZ aus dem Boden gestampft.“ Auch in diesem Bezirk von zahlungskräftigen Investoren. „Hohe Inflation, Nullrunden bei den Krankenkassen, kontinuierlich sinkende Einnahmen – Private Equity trifft unter den Niedergelassenen auf leichte Beute.“

Spätfolgen des gescheiterten Poliklinik-Experiments?

Dass es für die 31 Ärzte an der Lipschitzallee nun eng werden könnte, hängt auch mit dem gescheiterten Poliklinik-Experiment in den Siebzigern zusammen. Das ließ sich zwar gut an. Das Gründerkollektiv hatte sich schließlich ausführlich informiert, war sogar in den Ostteil der Stadt eingereist, zum Alexanderplatz gefahren, hatte das Haus der Gesundheit aufgesucht. Auch trotzten die ambitionierten Mediziner dem Widerstand des damals konservativen Senats im Westen, scheiterten aber schon nach einem Jahr an betriebswirtschaftlichen Tücken. „Wie das dann halt so ist“, sagt Herwig. „Einer nimmt sich Spritzen oder anderes Material, bestellt nicht nach, es kommt zum Streit und irgendwann zu Lücken im Etat.“

Nach wirtschaftlicher Schieflage und Insolvenz formierten sich die Ärzte zu einer GmbH und wurden Mieter. Das Diakonische Werk übernahm das Haus, erhielt dafür eine Million D-Mark von der Lottostiftung, gebunden an soziale Zwecke. „Die erfüllt unsere GmbH bis heute“, sagt Stupp.

Die Gründer des Gesundheitszentrums Gropiusstadt in den Siebzigerjahren
Die Gründer des Gesundheitszentrums Gropiusstadt in den SiebzigerjahrenPrivat/GZG

Neulich waren einige junge Ärzte im GZG zu Besuch, um sich anzuschauen, wie die Kollegen arbeiten. „Sie wollen etwas Ähnliches im Neuköllner Rollberg-Viertel versuchen“, sagt Stupp. „Sie werden vom Senat sehr stark unterstützt, auch unter der Prämisse, dass dort Feldforschung betrieben wird und sozialmedizinische Projekte entstehen sollen, was sehr zu begrüßen ist.“

Umso mehr aber wundert sich Stupp, dass ausgerechnet jetzt ihr eigenes Projekt, „so sozialverträglich, effizient und krisenerprobt es sich auch in den mehr als vier Jahrzehnten erwiesen hat, in Schwierigkeiten gerät, ohne dass sich die Politik dafür zu interessieren scheint“.

Orthopäde Herwig denkt manchmal, es sei fast besser so: „Wir haben nicht immer die besten Erfahrungen gemacht, wenn sich die Politik dann doch mal einmischt.“ Erst kürzlich erfuhren sie durch Zufall, dass ein nahe gelegener, von vielen Patienten genutzter Parkplatz einem Fitnessparcours weichen soll. Ein Austausch mit Verantwortlichen im Bezirk habe an diesem Beschluss nichts ändern können, sagt Herwig, ihre Argumente seien nicht ernst genommen worden. „Das Ende des Parkplatzes wird vor allem unsere Patienten aus dem Umland hart treffen.“

Lauterbachs Kampf gegen Finanzinvestoren trifft auf Skepsis

Skeptisch haben sie im GZG auch Minister Lauterbachs Ankündigung aufgenommen, etwas gegen das Engagement von Finanzinvestoren in Arztpraxen unternehmen zu wollen. Zumal auch Verfassungsrechtler einem solchen Vorhaben derzeit kaum Chancen auf Erfolg einräumen. „Das Grundproblem bleibt so oder so“, sagt Herwig: „Wir niedergelassenen Ärzte befinden uns an der Nahtstelle zwischen freiem Markt und staatlicher Steuerung und werden dazwischen aufgerieben.“ Für ihn steht fest: „Marktwirtschaft funktioniert im Gesundheitswesen nicht. Die Kosten müssen gedeckt werden.“

Erst einmal aber geht es für die Ärzte von der Lipschitzallee um ihr Haus. Am 25. Januar treffen sie sich noch einmal mit der Leitung des Diakonischen Werks Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Vielleicht gibt es ja doch noch eine Lösung, vielleicht übersteht das GZG auch diese Krise irgendwie. „Wir geben die Hoffnung nicht auf“, sagt Stupp.

Die beiden Geschäftsführer verabschieden sich voneinander für diesen Tag. Herwig nimmt die Gänge zurück zu seiner Praxis. Er kommt an einem Aufsteller vorbei. „Hühnerfrikassee mit Reis“ steht darauf in Kreideschrift. Herwig sagt: „Wir haben hier ein kleines Bistro.“ Wer weiß, wie lange noch.