Berlin - Schwarz, Rot und Gold, die alten deutschen Farben, sollen das junge, bunte Deutschland Heimatliebe lehren. Mehr Patriotismus im Zeichen von Schwarz-Rot-Gold – das wünscht sich eine Kommission, die im 30. Jahr der jüngsten deutschen Einigung den Stand derselben erforscht und Vorschläge gemacht hat, wie die Bindungen über den Verfassungspatriotismus hinaus zu stärken seien.

Das Werk entstand in Horst Seehofers Heimatministerium. Den Geist des Textes bestimmten zwei Ostdeutsche maßgeblich mit: Matthias Platzeck, SPD, einst Ministerpräsident, sowie der Sachse Marco Wanderwitz, CDU, Ostbeauftragter der Bundesregierung. Sie verfassten Sätze wie diesen: „Mit nationalen Symbolen der Demokratie soll im Sinne einer freundlichen Einladung ein fröhlicher und ungezwungener Umgang gepflegt werden.“

Aus den Sommermärchen-Zeiten von 2006 gelangten in meinen Keller: Nylon-Nationalflagge, Federboa, Hut mit Patschehänden und Schminkstiften, alles in Schwarz-Rot-Gold – infantil, aber lustig. Die Wir-sind-Weltmeister-Stimmung schwebt den Ideengebern jetzt wohl vor, wenn sie von fröhlich-ungezwungenem Umgang reden. Schüler von Abschlussklassen dürfen sich bald über eine auf Kante gefaltete Nationalflagge plus Grundgesetz als Gratulationsgabe freuen. Weitere Spaßmach-Ideen formuliert die Kommission so: „Wer am 3. Oktober erkennbar die Nationalfarben trägt, soll kostenlos (oder zumindest zu stark reduziertem Tarif) öffentliche Verkehrsmittel benutzen können. Alle öffentlichen Einrichtungen sollen in Deutschland zwischen dem 3. und dem 9. Oktober die Nationalfarben tragen.“

Die Botschaft richtet sich vor allem gen Osten, wo Bürgerinnen und Bürger ihr „Vertrauen in die freiheitliche Demokratie und ihre Institutionen“ stärken sollten. Im Bericht heiß es, man wolle „die Erinnerung an die freiheitlich-demokratische Geschichte Deutschlands lebendig halten“. Vom Hambacher Fest 1832, der Revolution 1848, dem Paulskirchenparlament 1848/49 über die Weimarer Republik reicht das schwarz-rot-goldene Band der Erinnerung bis zur Friedlichen Revolution von 1989 und der Volkskammerwahl 1990. Es geht um Emotion und Identitätsgefühl. Die Symbole der Demokratie will man „leuchten lassen“.

Na? Gänsehaut?

Doch entlang des fröhlichen Historienparcours liegen Abgründe. Denn ausschließlich mit den Begriffen Freiheit und Demokratie verbinden sich die Farben nicht.

Foto: Germanisches Nationalmuseum/Philip Veit
Darstellung der Germania, Wandgemälde in der Paulskirche in Frankfurt am Main.

Gold stand für Kaiser und Könige, der Reichsadler zeigte sich in rotbewehrtem Schwarz. Für deutschen Nationalstaat, Einheit und Freiheit stehen die Farben seit den Befreiungskriegen gegen die napoleonische Herrschaft. Die Angehörigen des Lützow’schen Freikorps trugen schwarze Uniformen mit goldfarbenen Knöpfen und roten Abzeichen und Paspeln. Die „Schwarzen Jäger“ waren populär. Ein Mitglied, der Dichter Theodor Körner, landete mit seinem Lied „Lützows wilde Jagd“ (Musik Carl Maria von Weber) einen Hit. Körners Wahlspruch lautete: „Von schwarzer Nacht durch rotes Blut der goldenen Sonne entgegen“.

Von den Schlachtfeldern heimgekehrte Freikorpsmitglieder gründeten voller Enthusiasmus für ein deutsches Vaterland 1815 in Jena die Urburschenschaft und bestimmten Schwarz-Rot-Gold zu ihren Farben. Die erste Fahne – schwarz-rot mit goldenem Eichenzweig – stickten 1816 „Frauen und Jungfrauen von Jena“. Ihren ersten großen Auftritt hatten die Farben – auch als Kokarden an Burschenanzügen – 1817 auf dem Wartburgfest. Der Schriftsteller Golo Mann beschrieb dieses als teutonisch-nationalistisch und antisemitisch; es habe „närrisch-widerlichen Franzosenhass“ verbreitet.

Jakob Friedrich Fries gehörte dort zu den aktivsten Agitatoren. Er stritt einerseits für Gerechtigkeit – gerechte Bezahlung, Wohlstand, Geistesbildung –, andererseits mahnte er, „unsere Deutsche Volksgemeinschaft“ müsse sich gegen „Volksschädlinge“ namens Juden verteidigen. Der Demokrat Fries forderte, die „Judenkaste mit Stumpf und Stiel“ auszurotten.

Im Zeichen von Schwarz-Rot-Gold begründeten er und einige Mitstreiter, inspiriert vom abwesenden Friedrich Ludwig Jahn, die deutsche Tradition der öffentlichen Verbrennung missliebiger Bücher. Angehörige der Turnerbewegung warfen mit einer Heugabel jeweils symbolisch für das Buch einen Makulaturballen ins lodernde Patriotismusfeuer auf dem Eisenacher Marktplatz und riefen den Titel aus. Das Werk „Germanomanie“ von Saul Ascher begleitete der Ruf: „Wehe über die Juden, so da festhalten an ihrem Judenthum und wollen über unser Volksthum und Deutschthum spotten und schmähen!“

Während des Hambacher Festes 1832 leuchtete Schwarz-Rot-Gold weniger heiß. Die als „Nationalfest der Deutschen“ von frühliberalen, bildungs-, besitz- und stadtbürgerlichen Oppositionellen gegen Fürstenmacht organisierte Veranstaltung forderte nationale Einheit, Freiheit und Volkssouveränität leidenschaftlich, doch ohne Exzesse. Auf diese Tradition berufen sich die heutigen Propagandisten von Schwarz-Rot-Gold gerne; das hässliche Wartburgfest bleibt unerwähnt.

Befleckte Paulskirche

1848 wehten schwarz-rot-golden die Fahnen über den Berliner Barrikaden der Märzrevolution wie an der Breiten Straße am Schloss oder am Alexanderplatz. Die Märzforderungen lauteten: Pressefreiheit, Parlament, Verfassung. In Berlin ballten sich verarmte Volksmassen, die soziale Frage stand besonders scharf. Monatelang erlebte die Stadt mit Waffen ausgetragene Kämpfe mit Todesopfern. Die Revolution erstickte schließlich an der Stärke des königlichen Militärs, an Resignation und Revolutionsmüdigkeit.

Immerhin trat im Mai die erste Volksvertretung in der Frankfurter Paulskirche zusammen und erarbeitete eine gesamtdeutsche, demokratische Verfassung. Nun soll die Paulskirche zu einem „Lernort der Demokratie“ werden. Doch auch dieser trägt Flecken. Das frische Nationalgefühl trieb die Abgeordneten dazu, mit 342 zu 31 Stimmen der Teilung Polens zuzustimmen, um den Freiheitswillen dieses slawischen, als minderwertig beschriebenen Volkes zu zügeln. Der britische Denker John Stuart Mill urteilte 1849, das deutsche Volk habe seinen Führern geholfen, „die Freiheit und Unabhängigkeit jedes Volkes zu vernichten, das nicht seiner Rasse angehört oder eine andere Sprache spricht“.

Demokraten und Judenhasser zugleich

Zu den prominenten Abgeordneten zählten Ernst Moritz Arndt und der als Vater der Turnbewegung bekannt gewordene Friedrich Ludwig Jahn, glühende Demokraten und Einheitsverfechter sowie Nationalisten, Franzosenhasser und Judenfeinde. Wenn Jahn gleiche Bürgerrechte, Bildung, Aufstiegschancen auch für Kinder aus den niederen Ständen forderte, so meinte er die Menschen aus „rein deutschem Volksthum“. Zeitgenossen fassten seine Agitation unter dem Motto: „Haß alles Fremden ist des Deutschen Pflicht“ zusammen. Auch Arndt dachte sich ein rein deutsches Volk, frei zu halten von Fremden und deren Einflüssen.

Heinrich Hoffmann von Fallersleben, Dichter des Liedes der Deutschen, Nationalhymne der Bundesrepublik Deutschland, ergänzt das Trio. Franzosen nannte er „Scheusale der Menschheit“. 1840 dichtete er in dem an „Israel“ gerichteten Lied „Emancipacion“: „Du raubtest unter unseren Füßen / Uns unser deutsches Vaterland“, und weiter: „Und bist durch diesen Gott belehret, / Auf Wucher, Lug und Trug bedacht“. Die Deutschlandliedzeile „Einigkeit und Recht und Freiheit“ singt sich bis heute leicht – die andere Zeile „Deutschland, Deutschland über alles“ lassen wir peinlich berührt weg.

Die Ansichten von Jahn, Arndt und von Fallersleben sind Teil des Kanons in den Farben Schwarz-Rot-Gold. Antisemitismus und Fremdenhass gehören zu Deutschland – und zwar zum demokratischen Deutschland! –, seit eine Idee von selbigem entstand. Die Erinnerungsempfehlungen präsentieren Geschichte in gesäuberter, also in passend gemachter, verfälschter Form.

Wer soll sich also an Schwarz-Rot-Gold begeistern? Ich nicht. Mir gefällt Barack Obama besser: Der steckte nach den Anschlägen vom 11. November 2001 einen Anstecker mit der US-Flagge ans Revers, nahm ihn bald wieder ab und erklärte: „Ich glaube nicht, dass sich anhand des Vorhandenseins oder Nichtvorhandenseins eines symbolischen Gegenstands, den man in jedem 99-Cent-Laden kaufen könnte, die Liebe eines Menschen zu seinem Land messen ließe.“