Falsche Medikamente, verwechselte Patientendaten: In vielen Berliner Kliniken herrschen chaotische Zustände. Ein Papier mit dem Titel „101 Blickwinkel“ versammelt jetzt 101 Patienten-Erlebnisse aus Berlin. Das Dokument, das der Berliner Zeitung vorliegt, bereit Hauptstadt-Politikern bereits Sorgen: So wie bisher gehe es nicht weiter, ist zu hören.

Der erste der 101 Fälle handelt von einer 96-jährigen Frau. Sie ist die Großmutter des Politikers Norbert Raeder (parteilos, für CDU). Sie hustete vor zwei Monaten Blut und wurde in eine Klinik eingeliefert.

In der Rettungsstelle musste sie drei Stunden warten. Das Personal verwechselte die Laborergebnisse. Eine Ärztin sagte der Familie, man habe ein äußerst schweres Herzleiden festgestellt. Eine Herz-OP schien notwendig. Dann fiel auf, dass die Daten der 96-Jährigen verwechselt wurden.

„In diesem Moment wurde mir klar, dass in den Kliniken etwas falsch läuft“, sagt Norbert Raeder. Er wollte sich mit den Erklärungen der Ärzte und Pfleger nicht abfinden, dass Fehler vorkommen würden, weil Zeit und Personal fehle.

„Es ist zwar das Grundproblem, dass Kliniken kaputtgespart werden, aber das darf man nicht zur Normalität erklären“, so Raeder. Er machte sein Klinik-Erlebnis bei Facebook öffentlich – und bekam Dutzende Patientengeschichten geschickt. So entstand „101 Blickwinkel“. Die Klinik-Namen bleiben aus Datenschutzgründen unerwähnt.

Einige Patientenberichte aus Berlin: Ein Mann mit Lungenkrebs wird von seiner Frau in die Rettungsstelle gebracht, weil er schwer atmet und schlecht Luft zu bekommt. Nach neun Stunden Wartezeit folgt die Untersuchung. Ein Arzt nimmt ihn stationär auf.

In einem anderen Fall erbricht sich eine ältere Frau in der Rettungsstelle und erleidet einen Schwächeanfall. Dennoch muss sie drei weitere Stunden warten, bevor sie untersucht und mit Darm-Tabletten entlassen wird. Noch am selben Tag wird die Frau Nierenversagen erneut eingeliefert.

Seine Ergebnisse hat Norbert Raeder jetzt in der BVV Reinickendorf vorgetragen. Die CDU-Fraktion verband das mit dem Antrag an das Bezirksamt, es müsse auf die sofortige Beseitigung von Missständen in Reinickendorfer Kliniken drängen.

Die Mitglieder aller Fraktionen – von Linkspartei bis AfD – waren so schockiert von Raeders Vortrag, dass sie den Antrag einstimmig annahmen. „Das hat mich sehr berührt, aber jetzt muss sich in ganz Berlin etwas bewegen“, sagt Raeder.