In Vietnam war er jahrelang ein erfolgreicher  Geschäftsmann und  ein hoher Funktionär der Kommunistischen Partei: Trinh Xuan Thanh leitete eine Tochterfirma des staatlichen Öl- und Gaskonzerns Petrovietnam, er hatte hohe Positionen im Ministerium für Handel und Industrie. Doch seit dem 16. September 2016 suchte ihn die vietnamesische Polizei per Haftbefehl.

Dem 51-Jährigen wird vorgeworfen,  „gegen die ökonomischen Regeln des Staates“ verstoßen zu haben,  was zu „ernsthaften Konsequenzen“ geführt habe,  schreibt die Zeitung „The Saigon Times Daily“. Zudem, so das Blatt,  soll er in seiner Position „unverantwortlich und nachlässig“ gearbeitet haben.  Für Verluste in Höhe von etwa 145 Millionen US-Dollar soll er verantwortlich sein. 

Aus der Partei ausgeschlossen

Vor einem Jahr wurde   sein Abgeordnetensitz im Parlament aberkannt, ebenso musste Thanh alle staatlichen Auszeichnungen und Geldprämien  zurückzahlen. Später wurde er auch aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen. Die Partei führt derzeit eine Kampagne gegen Korruption. Thanh floh nach Deutschland, wo er Anfang der 1990er Jahre schon einmal gelebt hatte. In Berlin beantragte er Asyl. Dann wurde er entführt.

Am 23. Juli, so berichtete am Mittwoch die „Taz“, sollen bewaffnete Männer, die dem vietnamesischen Geheimdienst angehören sollen, den Vietnamesen im Tiergarten in ein Auto gezerrt und ins Ausland gebracht haben. Die Berliner Polizei und die Staatsanwaltschaft ermitteln jetzt wegen des Verdachts einer Entführung und erpresserischen Menschenraubs. Details nennen die Ermittler am Mittwoch nicht mehr, denn über den Entführungsfall wird bereits auf höchster politischer Ebene verhandelt. Er belastet das deutsch-vietnamesische  Verhältnis erheblich.

Schwerer Schaden für die Beziehungen

Die Bundesregierung forderte den Vertreter des vietnamesischen Nachrichtendienstes an der Berliner Botschaft auf, Deutschland innerhalb von 48 Stunden zu verlassen. Am Dienstag bestellte der Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Markus Ederer, den vietnamesischen Botschafter ein. Der Sprecher des Außenamtes, Martin Schäfer, sagte am Mittwoch, der Vorfall sei „ein präzedenzloser und eklatanter Verstoß gegen das deutsche Recht und gegen das Völkerrecht. Wir behalten uns vor, gegebenenfalls weitere Konsequenzen auf politischer, wirtschaftlicher  sowie entwicklungspolitischer Ebene zu ziehen.“

Es gebe „keine ernsthaften Zweifel“ an der Beteiligung der vietnamesischen Nachrichtendienste und der Botschaft in Berlin an der Entführung. „Ein derartiger Vorgang hat das Potenzial, die Beziehungen zwischen Deutschland und der Sozialistischen Republik Vietnam massiv negativ zu beeinflussen.“ Schäfer droht mit politischen und wirtschaftspolitischen Konsequenzen.

Freiwillig gestellt?

Das Auswärtige Amt reagiert auch deswegen so erbost auf die Entführung, weil deutsche Regierungsvertreter am Rande des G20-Gipfels in Hamburg mit der vietnamesischen Delegation um  Ministerpräsidenten Nguyen Xuan Phucim  über Thanh gesprochen hatten. Die Vietnamesen erkundigten sich nach dem Auslieferungsgesuch. Die Bundesregierung verwies auf ein rechtsstaatliche Verfahren. Das sei noch nicht beendet. Das Auswärtige Amt fordert jetzt, dass Thanh unverzüglich nach Deutschland zurückreisen darf. Staatssekretär  Ederer setzt dem Botschafter eine Frist bis Mittwochmittag. Nichts passierte.

Am Dienstag wurde Thanh in Hanoi festgenommen, er soll sich gestellt haben, schreibt „The Saigon Times Daily“. Die Bundesregierung bezweifelt das. 

14.000 Vietnamesen in Berlin

In Deutschland leben derzeit knapp 90.000 Vietnamesen. In Berlin wohnen vor allem in den östlichen Stadtteilen Lichtenberg und Marzahn-Hellerdorf gut die Hälfte der etwa 14.000 Vietnamesen der Stadt. Es ist eine unauffällige Gruppe. „Vietnamesen halten sich politisch zurück. Sie fürchten Repressionen und passen sich der Politik ihres Landes an“, sagt Tamara Hentschel vom Verein Reistrommel, einem vietnamesischen Treffpunkt in Marzahn. „Sie fühlen sich von der Botschaft drangsaliert und wollen bloß nicht negativ auffallen.“ Sie sagt, sie ermuntere die Vietnamesen, sich in die Gesellschaft einzubringen, doch das sei schwierig. „Die  Erfahrungen aus der Heimat wiegen schwer.“