Betrug bei der Prüfung: Wie viele Schummel-Polizisten hat Berlin?

Eine Polizeischülerin ließ sich bei der Sportprüfung durch eine Freundin „vertreten“. Sie sagt: Auch andere haben geschummelt.

Junge Polizeibeamte bei der feierlichen Vereidigung der Berufsanfänger des mittleren und gehobenen Dienstes der Berliner Polizei.
Junge Polizeibeamte bei der feierlichen Vereidigung der Berufsanfänger des mittleren und gehobenen Dienstes der Berliner Polizei.B‚ernd von Jutrczenka/dpa

Die Berliner Polizei hat in ihren Reihen möglicherweise Polizisten, die gar keine sein dürften. Zumindest schließt das ein ehemaliger Lehrer der Polizeiakademie nicht aus. Denn sie könnten bei der Prüfung geschummelt haben.

Im vergangenen Jahr wurde eine Polizeianwärterin rausgeworfen, weil sie versucht hatte, bei der Sportprüfung zu schummeln. Aus Angst, die Prüfung am 8. Dezember nicht zu schaffen, hatte sie einfach eine Freundin für sich antreten lassen. Möglich machte dies die wegen Corona geltende Maskenpflicht im Eingangsbereich, weshalb auch fremde Personen auf das Gelände der Polizeischule in Spandau gelangen konnten.

Der Täuschungsversuch flog auf, als der misstrauisch gewordene Sportlehrer die Freundin nach ihrem Dienstausweis und ihrer Dienstnummer fragte. Die Sportprüfung – und damit die gesamte dreijährige Ausbildung der jungen Frau – wurde als nicht bestanden gewertet.

Ex-Lehrer sieht schwere rechtsstaatliche Mängel

Die gesamte Klasse geriet in Verdacht, in den Täuschungsversuch eingeweiht gewesen zu sein, weil den Mitschülern bei der Prüfung hätte auffallen müssen, dass mit ihnen eine fremde Person eine Prüfung ablegte. Gegen alle Schüler der Klasse wurden disziplinarische Vorermittlungen eingeleitet.

Die Klasse aus 13 Auszubildenden wurde im Kollektiv von der Akademieleitung angehört – ein Vorgang, dem der damalige Klassenlehrer Nickolas Emrich „schwerwiegende rechtsstaatliche Mängel“ bescheinigt. Er war damals noch selbst Polizeibeamter und weiß nach eigenen Angaben, wie man Vernehmungen führt. Er beschwerte sich schriftlich per Mail über das Vorgehen der Schulleitung. Die Stimmung in der Anhörung sei „einschüchternd“ gewesen, begründete er in seiner Einwendung, die im Beamtenjargon „Remonstration“ heißt. Er beteilige sich nicht an einer rechtswidrigen Maßnahme.

„Es ist nicht möglich, alle Leute gemeinsam zu vernehmen“, sagt der ehemalige Klassenlehrer und Polizeikommissar heute. „Man muss sie einzeln vernehmen“, so Emrich. „Zu meiner Zeit auf dem Abschnittskommissariat hätte ich ja auch nicht einfach mal 20 Zeugen in einen Saal bitten können, um diese gemeinsam zu befragen. Möglicherweise beeinflussen sich diese dann gegenseitig.“ Die Gruppensituation löse Hemmungen aus, sowohl be- als auch entlastende Tatsachen zu nennen.

Ex-Polizeischülerin beschuldigt drei Mitschüler

Herausgekommen ist bei der Anhörung nicht viel. Danach sollte jeder Einzelne eine persönliche Stellungnahme schreiben. Drei von ihnen – sie hatten sich zusammengetan, wie Klassenkameraden behaupten – sollen darin einen Mitschüler der Komplizenschaft mit der Betrügerin beschuldigt haben. Dieser wurde deshalb entlassen.

Er sei jedoch unschuldig, behauptete danach die gefeuerte ehemalige Polizeischülerin in einer Mail an den Klassenlehrer. Stattdessen beschuldigte die Frau jene drei Mitschüler, die ihren Klassenkameraden angeschwärzt hätten, um von ihren eigenen Täuschungen abzulenken. Denn diese drei hätten ebenfalls bei den Sportprüfungen betrogen – weil sie sich „vertreten“ ließen beziehungsweise weil eine Sportlehrerin bei einer Laufprüfung das Ergebnis „rundgeschrieben“ habe. Einer der Beschuldigten soll zu dieser Zeit übergewichtig gewesen sein und bei der Probeprüfung null Punkte gehabt haben. Eine Woche später hatte er die maximale Punktzahl erreicht.

Die Betrügereien könnten in einer erneuten Sportprüfung bewiesen werden. Und auch, weil die Sportprüfungen gefilmt worden seien, schrieb die entlassene Polizeischülerin dem Lehrer. Dieser leitete die Mail nach eigenen Angaben umgehend an seine Vorgesetzten weiter.

Akademieleitung weist Vorwürfe zurück

Emrich hält die Aussagen der ehemaligen Schülerin für schlüssig. „Ich weiß nicht, wie das in den anderen Klassen gelaufen ist, denn ich kannte nur zwei der zehn Klassen dieses Jahrganges“, sagt er. „Aber wenn man es hochrechnet, kommt man theoretisch auf ein hohes Potenzial zu schummeln, wenn man es darauf angelegt hat – wegen der damals durch die Masken erschwerten Identitätskontrolle am Eingang.“

Ein Polizeisprecher sagt zu den Vorwürfen der Frau gegen ihre drei Mitschüler: „Sie ließen sich nicht verifizieren beziehungsweise konnten ausgeräumt werden.“ Im Ergebnis seien alle Sportleistungen zum Bestehen der Prüfung zweifelsfrei erfolgreich erbracht worden.

Die Leitung der Polizeiakademie und die Polizeiführung sprechen auch nicht von einer Kollektivvernehmung der Klasse. Das mit den Auszubildenden geführte Gespräch habe ausschließlich „der Verdeutlichung von Normen, ethisch-moralischen Werten, der Erwartungshaltung an die Integrität von künftigen Polizistinnen und Polizisten und deren rechtsstaatliche Haltung sowie der Sensibilisierung für Fehlverhalten und dessen Reflexion“ gedient, teilt die Polizei schriftlich mit. Informationen über etwaige individuelle Beteiligungen seien ausdrücklich kein Ziel des Gesprächs gewesen.

Beschwerde des Lehrers kam nicht an

Die Stellungnahmen im Nachgang dieses Gesprächs seien von den Schülern erbetene „Reflexionsschreiben“ gewesen. Die Akademieleitung habe den Auszubildenden erläutert, dass sie diese Schreiben in den dienstrechtlichen Prüfprozess einfließen lasse. „In den individuell gefertigten Anschreiben räumten sämtliche Nachwuchskräfte ihr Fehlverhalten ein“, teilt die Polizei mit.

Eine Remonstration des Klassenlehrers sei der Leitung der Akademie nicht bekannt, heißt es außerdem in der Antwort der Polizei.

Für Nickolas Emrich ein Unding. Er habe das Sendeprotokoll des Remonstrationsschreibens, sagt er. Emrich spielte eh schon einige Zeit mit dem Gedanken, die Polizei zu verlassen. Für ihn brachte diese Angelegenheit das Fass zum Überlaufen. Er hat inzwischen den Dienst quittiert und ist in die freie Wirtschaft gewechselt.