Berliner Ermittlern ist ein Schlag gegen die organisierte Kriminalität in der Hauptstadt gelungen. 77 Immobilien in Berlin, die der aus dem Libanon stammenden Großfamilie R. zugerechnet werden wurden beschlagnahmt, teilte die Staatsanwaltschaft am Donnerstag mit. Einem Bericht von „Spiegel TV“ zufolge gehen die Ermittler davon aus, dass die Objekte mit Geld finanziert wurden, welches aus Straftaten stammt. Die Staatsanwaltschaft bestätigte den Bericht. Um 13 Uhr will die Ermittlungsbehörde auf einer Pressekonferenz über Einzelheiten des Verfahrens informieren.

Die beschlagnahmten Mehrfamilienhäuser, Einfamilienhäuser, Wohnungen und eine ganze Kleingartenkolonie sollen einen Wert von etwa zehn Millionen Euro haben. Laut "Spiegel TV" wurden viele der Objekte von mutmaßlichen Strohleuten im Libanon gekauft.

Zusammenhang mit Goldmünzen-Diebstahl

Wie es in dem Bericht weiter heißt, sollen Finanzermittler des LKA am vergangenen Freitag auch zwölf Wohnungen und Geschäftsräume durchsucht haben, die dem arabischen Clan R. gehören sollen. Die Mitglieder der Großfamilie stehen in Verdacht, in der Vergangenheit immer wieder schwere Straftaten begangen zu haben - drei Clan-Mitglieder sollen in den Fall des spektakulären Diebstahls der 100-Kilo-Goldmünze "Big Maple Leaf" im März 2017 aus dem Bode-Museum verwickelt sein.

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) begrüßte die Beschlagnahmungsaktion. Er sei froh über dieses „außergewöhnliche Zwischenergebnis“, teilte der GdP-Landesvorsitzende Norbert Cioma am Donnerstag mit. Er danke den Kollegen für „ihre akribische und nachhaltige Ermittlungsarbeit“. 

Beschuldigte werden vermutlich Gerichte einschalten

In Deutschland gilt seit einem Jahr ein neues Gesetz zur Abschöpfung krimineller Gewinne. Es ermöglicht eine vorläufige Sicherstellung und die Einziehung von Vermögen unklarer Herkunft. Nun wird damit gerechnet, dass die Beschuldigten versuchen, Gerichte einzuschalten und die Beschlagnahmung juristisch anzufechten.

Cioma erklärte dazu: „Im weiteren Verlauf werden wir sehen, ob sich die letztjährigen Gesetzesveränderungen zur Vermögensabschöpfung als geeignet erweisen, um endlich effektiv gegen die kriminellen Machenschaften arabischer Clans vorzugehen und sie da zu treffen, wo es ihnen wirklich wehtut, beim Geld.“

Bis zu 20 kriminelle Großfamilien in Berlin

Zwischen 12 und 20 teils kriminelle Großfamilien soll es in Berlin geben, ein Teil davon ist in Neukölln zu Hause. Das Problem ist aber nicht auf Berlin beschränkt. Auch im Ruhrgebiet, in Niedersachsen und in Bremen sind die oft weit verzweigten Clans aktiv.

Das größte Problem für die Ermittler sind die abgeschotteten Familienstrukturen. So kamen etwa die sogenannten Mhallamiye-Kurden in den 80er-Jahren aus dem Südosten der Türkei über den Libanon nach Deutschland, meist nach Berlin, Essen und Bremen. Um zu überleben, mussten die Familien zusammenhalten. „Die Großfamilie ist alles und der Rest ist nichts“, beschrieb einmal ein Forscher das Muster.

Viele Mitglieder dieser Großfamilien - auch mit palästinensischer oder libanesischer Herkunft - durften in Deutschland nicht arbeiten, weil sie offiziell staatenlos waren und und ihr Aufenthaltstatus ungeklärt war. Kriminalität wurde zu einer Haupteinnahmequelle mancher Clans.

Mehr als die Häfte der Verdächtigen hat einen deutschen Pass

Nach Angaben der Berliner Polizei richteten sich im vergangenen Jahr 14 der 68 größeren Ermittlungsverfahren zur organisierten Kriminalität gegen Banden mit arabisch-libanesischstämmigen Mitgliedern. Mehr als die Hälfte der Verdächtigen aus diesen Clans habe inzwischen einen deutschen Pass, sagte kürzlich Dirk Jacob, beim Berliner LKA zuständig für organisierte Bandenkriminalität.

Drogenhandel, Schutzgelderpressung und illegales Glückspiel werfen hohe Gewinne ab. Dazu kommen Überfälle wie vor Jahren auf ein Pokerturnier mitten in Berlin und auf die Schmuckabteilung im KaDeWe oder spektakuläre Einbrüche wie in das Bode-Museum. Mit ihrem Geld kaufen die Clans unter anderem Wohn- und Geschäftshäuser. Beim Berliner LKA meldeten sich im Rahmen des Geldwäschegesetzes mehrfach Banken und Immobilienmakler. (BLZ/dpa)