Das Rätselraten ist vorbei. Vier Monate lang suchte die Polizei nach Hinweisen auf einen Mann, beim Joggen stürzte und seitdem im Koma lag. Jetzt ist dieser einzigartige Vermisstenfall gelöst.

Immer wieder hatten die Ermittler Fotos von dem Mann veröffentlicht. Doch niemand erkannte oder vermisste ihn. In dieser Woche kamen die Beamten schließlich auf die Idee, Fotos von den beiden Schlüsseln zu veröffentlichen, die der Mann bei seinem Sturz am 13. März 2018 bei sich trug.

Ein Nachbar erkannte die Schlüssel und meldete sich bei der Polizei. Danach stand fest: Bei dem Mann handelt es sich um einen 74 Jahre alten Berliner, der allein und zurückgezogen in einer Wohnung in der Brandenburgischen Straße in Wilmersdorf lebte. In seiner Wohnung hing noch die Winterjacke.

Nachbar erkannte die Schlüssel

„Dieser Fall war wirklich außergewöhnlich“, sagte Uwe Dziuba aus der Vermisstenstelle. Der Hauptkommissar und ein Kollege waren am Mittwoch dem letzten Hinweis nachgegangen. Der 25 Jahre alte Nachbar hatte gegen 11.30 Uhr angerufen. Er sagte den Ermittlern, dass seine Schlüssel exakt so aussehen wie die, die zwei Abende zuvor veröffentlicht worden waren.

Die beiden Beamten fuhren umgehend zu der angegebenen Adresse, die die Polizei geheim hält. Der Mann, der weiterhin nicht ansprechbar ist und jeden Moment aufwachen könnte, soll geschützt werden, sagte Polizeisprecherin Patricia Brämer.

Wohnung um 200 Meter verpasst

Studenten der Polizeiakademie hätten am Dienstag die gesuchte Adresse nur knapp verfehlt. Sie hatten mit Schlüsselkopien die Schlösser an Hunderten Hauseingängen getestet. Allerdings liegt die Wohnung etwa 200 Meter außerhalb des Überprüfungsbereichs. Das heißt, der 74-Jährige lief schneller, als von der Polizei angenommen.

Der Radius war zuvor aufgrund von Daten aus der Pulsuhr des Joggers berechnet worden. Laut der Uhr war er etwa zwölf Minuten lang gejoggt, bevor er an einem Schotterweg im Volkspark Wilmersdorf bewusstlos zusammenbrach. Diese Suche war am Mittwoch plötzlich unterbrochen worden, obwohl nur noch drei Straßen zu kontrollieren waren.

Briefkästen quollen über

Dziuba sprach von einem besonderen Moment, als er und sein Kollege vor der Haustür des Mietshauses standen. Ein unscheinbarer 1960er-Jahre-Bau, sechs Stockwerke. „Dann bin ich adrenalinmäßig richtig hochgefahren, als sich der Schlüssel unten in der Haustür drehen ließ“, berichtete der Ermittler. Als die Beamten den Hausflur betraten, schauten sie sich zuerst die Briefkästen an. „Drei waren voll und quollen wirklich über“, so Dziuba.

Daraufhin sind die Polizisten zurück in die Dienststelle gefahren und haben die Namen der Bewohner recherchiert. Einer passte vom Alter her und gehörte zu einem der vollen Briefkästen. „Wir sind zurückgefahren und haben oben an der Wohnung aufgeschlossen. Im Flur haben wir den Ausweis und die Krankenkassenkarte gefunden.“ Anhand des Ausweisfotos wurde der Mann schließlich identifiziert. Das Rätsel um die Identität war endlich gelöst. Angehörige wurden bisher nicht ermittelt.

Niemand im Haus kannte ihn

Der Zustand der Wohnung passte zu dem Vermisstenfall. „In der Wohnung sah es aus wie im März. Da standen die Winterschuhe, da hing die Winterjacke“, sagte Dziuba. Der nun identifizierte 74-jährige Mann habe offensichtlich ganz alleine in Berlin gelebt. „Wir haben Leute im Haus befragt, die kannten ihn aber auch nicht. Es ist wohl eher etwas anonym in dem Haus zugegangen.“

Die Polizei hat die gesetzliche Betreuerin über die abgeschlossene Identifikation informiert. Die Frau ist für die Gesundheitssorge des 74-jährigen Deutschen mit iranischen Wurzeln zuständig, nachdem er auf die Intensivstation der Charité eingeliefert worden war. Sie vertritt die Rechte des weiterhin nicht ansprechbaren Mannes.

In die Reha-Klinik verlegt

Aus medizinischer Sicht gilt er mittlerweile als austherapiert und müsse nun in die Reha, erklärte Polizeisprecher Thomas Neuendorf. Mit dem jetzigen Fund der Krankenkassenkarte könne er in eine Reha-Klinik verlegt werden. Damit könnte der Mann von der Intensivstation auf eine Pflegestation verlegt werden.

Dass Menschen bewusstlos und ohne Papiere gefunden werden, kommt in Berlin öfter vor. Dass sie nicht wieder zu sich kommen und noch dazu niemand nach ihnen fragt – das ist selbst für Deutschlands größte Stadt mehr als ungewöhnlich.