Touristen laufen mit ihren Rollkoffern eher gleichgültig an den rot-weißen Absperrgittern vorbei, Radfahrer umkurven das Hindernis schwungvoll, manch ein Fußgänger bleibt jedoch stehen und schaut verwundert auf die etwa 30 mal 5 Meter große Fläche vor dem Berliner Hauptbahnhof, die mit den Polizeigittern abgeriegelt wurde.

Was hat sich die deutsche Hauptstadt hier zur Begrüßung ihrer Besucher ausgedacht? Die Antwort ist einfach. Die Gitter dienen dem Schutz der Fußgänger. Denn mitten auf dem Bahnhofsvorplatz wurden beim Bau des 2006 eröffneten Bahnhofs sechs Entrauchungsklappen installiert – und zwar ebenerdig.

Bricht im unterirdischen Teil des Bahnhofs ein Feuer aus, öffnen die Klappen nach oben, um den Rauch abzuführen. „Die Klappen bestehen aus Stahl und Stein“, sagt Bahnsprecher Gisbert Gahler. Sie sind 1,22 Meter mal 2,18 Meter groß und brauchen etwa 60 Sekunden, um sich zu öffnen. Über die Hydraulik können die Klappen bis zu 35 Tonnen Gewicht heben. Selbst wenn ein Kleinbus darauf stehen sollte, hätte er also keine Chance: Er würde nach oben gehoben, ein Fußgänger mit Rollkoffer sowieso.

Nicht nur im Brandfall, auch „im Rahmen von Wartungen und Inspektionen“ werden die Klappen regelmäßig geöffnet, weiß der Bahnsprecher. Zwar ist auf den Klappen der Hinweis „öffnet nach oben“ zu finden, doch ist die Schrift nur schwer zu erkennen. Außerdem ist die Warnung nur auf deutscher Sprache abgefasst, was den Kreis derjenigen noch weiter verkleinern dürfte, die den Hinweis lesen können und verstehen. Dass die Fußgänger also zusätzlich davor geschützt werden, die Klappen zu betreten, erscheint sehr sinnvoll, wenngleich die Gestaltung für eine Hauptstadt eher ungewöhnlich ist. Schwer vorstellbar, dass in Paris vor dem Gare du Nord oder in London vor Waterloo Station eine ähnliche Lösung gewählt würde.

Langwierige Abstimmungen

Aber die rot-weißen Polizeigitter sollen ja gar nicht dauerhaft vor dem Berliner Hauptbahnhof stehen. Die Polizei teilt auf Anfrage mit, dass die Entrauchungsklappen nur anlässlich größerer „Versammlungs- und Veranstaltungslagen“ regelmäßig abgesperrt werden. Also, wenn es richtiges Gedränge gibt. Die Absperrung werde im Anschluss an den jeweiligen Einsatz wieder zurück gebaut. Komme es innerhalb weniger Tage zu einer Vielzahl von Veranstaltungen, würden die Gitter „in Ausnahmefällen“ allerdings „nicht nach Einsatzende zurück gebaut, sondern erst nach Ende des letzten Einsatzes“. In diesem Jahr stehen die Gitter nach Angaben von Beobachtern schon sehr lange. Wie lange genau, kann die Polizei nicht sagen. Aber eines sichert sie zu: Am 31. August sollen sie vorerst verschwinden. Im Sinne des Stadtbildes mag das beruhigend sein, aus Sicherheitsgründen eher nicht.

Bleibt die Frage, was die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung zu der temporären rot-weißen Absperrung sagt – und ob sie diese für eine angemessene Begrüßung der Gäste Berlins hält? Die Antwort ist ernüchternd: Die jetzige Lösung stelle schon „einen Kompromiss dar“, erklärt Behördensprecherin Petra Rohland. Die ursprünglichen Planungen der Bahn hätten „eine natürliche Entrauchung“ vorgesehen, „was eine Brüstung um die Entrauchungsöffnungen auf dem Washingtonplatz bedeutet hätte“. Im „Interesse einer anspruchsvollen und barrierefreien Gestaltung des Washingtonplatzes“ habe sich die Stadtentwicklungsbehörde mit der Bahn auf eine mechanische Entrauchung verständigt, also auf die jetzige Variante. Sie sei „das Ergebnis langwieriger Abstimmungen.“