Das Nachwuchsproblem bei Berlins Polizei ist offenbar größer als angenommen. Nach Berichten über disziplinlose und aggressive Polizeischüler sowie eine mögliche Unterwanderung der Polizei durch arabische Großfamilien fordern Kritiker ein deutlich härteres Auswahlverfahren für die nächsten Generationen Polizeianwärter. Der SPD-Innenpolitiker Tom Schreiber fordert zudem, dass auch in Berlin bei Vorstellungsgesprächen ein Psychologe dabei ist. „Außerdem muss es eine Leumundsprüfung geben, bei der Polizisten sich das Umfeld eines Bewerbers angucken“, sagt er.

Das bisherige Bewerbungsverfahren hält nach Einschätzung von Kritikern Kriminelle und Bewerber aus polizeibekannten Familien  nicht ab. „Arabische Großclans haben ein vitales Interesse daran, möglichst  viel über die Polizeiarbeit zu erfahren“, sagt Bodo Pfalzgraf von der Deutschen Polizeigewerkschaft. „Seit einigen Jahren wird in diesen arabischen Großfamilien strategisch vorgegangen: Leute werden ganz gezielt von Straftaten ferngehalten, um sie zum Beispiel bei der Polizei unterzubringen. Im Grundgesetz steht schließlich nichts von Sippenhaft und dass man wegen seines Familiennamens von  öffentlichen Ämtern ausgeschlossen werden darf. Dieses strategische Vorgehen der Familien ist Insidern seit langem bekannt“, so Pfalzgraf.

Probleme gibt es schon länger

Die Zustände an der Polizeiakademie in Ruhleben sind am Mittwoch Thema einer Sondersitzung des  Innenausschusses. Ausgelöst wurde die aktuelle Debatte vergangene Woche durch eine Voice-Mail, die seitdem massenhaft von Polizisten verbreitet wird. Darin beklagt ein Gast-Dozent Hass, Lernverweigerung und Gewalt in einer Klasse mit vielen migrantischen Polizeischülern. In einem ebenfalls weit verbreiteten offenen Brief klagt zudem „ein besorgter Polizeibeamter“ über Frauenfeindlichkeit und darüber, dass Bewerber aus arabischen Großfamilien trotz Strafakte in der Polizei angenommen würden. Der Verfasser bezeichnet sich als LKA-Mitarbeiter  und verweist auf Erkenntnisse des Bundeskriminalamtes, wonach die Organisierte Kriminalität  versuche, Einfluss auf Politik, Verwaltung und Justiz zu nehmen. Die Unterwanderung habe bereits begonnen, behauptet er.

FDP, CDU und AfD haben die Ausschuss-Sondersitzung beantragt. „Die anonymen Berichte aus dem Inneren der Polizeiakademie erfordern eine sofortige umfassende Aufklärung durch das Abgeordnetenhaus“, erklärt der CDU-Abgeordnete Burkard Dregger.

Probleme gibt es schon länger: Im Januar kam heraus, dass ein Polizeischüler in einem Pornofilm mitspielte. Im März wurde bekannt, dass sich ein Schüler als Hehler für Diebesgut betätigt haben soll, das aus Einbrüchen stammte. Im April wurden zwei Polizeischüler suspendiert, weil sie mit Drogen gehandelt haben sollen.  Die Behörde bestätigt diese Fälle.

Unter Polizisten wird auch diese Geschichte kolportiert:  Im Frühjahr wurden Beamte wegen ruhestörenden Lärms zu einer Wohnung an der Lindauer Allee in Reinickendorf gerufen. Ein Mitglied der polizeibekannten arabischen Großfamilie F. öffnete und sagte: „Hallo Kollegen! Wir sehen uns ab 1.9.“ Ob er an diesem  Datum seine Ausbildung an  der Polizeiakademie antrat, ist nicht bekannt.

Ähnliche Geschichten gibt es zuhauf: Im vergangenen Jahr hieß es, dass sich einige muslimische Schüler  geweigert hätten, gemeinsam mit Frauen am Schwimmtraining teilzunehmen.  Im Januar sollen Polizeischüler in eine Massenschlägerei verwickelt gewesen sein. Der Wahrheitsgehalt dieser Gerüchte  ist schwer zu ermitteln. Die Behörde bestätigt solche Anfragen nicht. Dennoch brodelt es in der Behörde, viele Polizisten glauben nicht, dass ihre Truppe nur noch aus Gesetzestreuen besteht.

Die Gewerkschaft der Polizei beklagt, dass sich niemand mit solchen Schilderungen an die Personalvertreter gewandt habe. „Wir erhalten Aussagen über die Zustände an der Polizeiakademie stets über Dritte und vom Hörensagen“, sagt GdP-Sprecher Benjamin Jendro. Hake man genauer nach, relativiere sich einiges. „Wir nehmen derartige Aussagen dennoch mit Besorgnis auf, weil sie selbst, wenn sie nicht in aller Gänze stimmen, einen wahren Kern haben und als Hilferuf der  Kollegen ebenso wenig von der Behördenleitung unter den Tisch gekehrt werden dürfen, wie eventuelle Probleme mit Auszubildenden, die einen Migrationshintergrund vorweisen. Die Probleme sind aber nicht damit zu erklären, dass wir Menschen mit Migrationshintergrund einstellen, sondern sind eine Folge politischer Fehlentscheidungen und Tatenlosigkeit.“ Die Akademie sei  in einem Strukturwandel, der mehr auf Ökonomie als auf Qualität in der Ausbildung ausgerichtet ist.

Zu wenige Bewerber

„Personalabbau, miese Besoldung, hohe Belastung und fehlende Akzeptanz in der Gesellschaft machen die Berliner Polizei zu einem unattraktiven Arbeitgeber“, sagt  Michael Böhl vom Bund deutscher Kriminalbeamter. Dennoch müssten die Personallöcher schnell gestopft werden. Mit jährlich etwa 1200 neuen Plätzen stellt die Behörde dreimal so viele Stellen bereit wie 2008. Um diese mit Qualität zu besetzen, werden nach Ansicht von Marcel Kuhlmey, Vizepräsident der Hochschule für Wirtschaft und Recht, durchschnittlich zehn Bewerber pro Stelle benötigt. Doch allein in diesem Jahr musste die Frist dreimal verlängert werden, weil es zu wenig geeignete Bewerber gab. Zudem berichten Ausbilder von einer hohen Durchfallquote.

Das Auswahlverfahren ist in Berlin nicht besonders streng. Ein Bewerber muss daheim einen Online-Test ausfüllen. Ob er ihn selbst ausfüllt oder ein anderer, weiß niemand. Dann versendet die Behörde den Termin für den Einstellungstest am Computer in den Räumen der Polizei. Dieser Test gelange ständig in Umlauf. Da es stets die gleichen Antworten sind, hätten Bewerber leichtes Spiel, sagt ein Polizeischüler. „Das persönliche Gespräch dauert fünf bis zehn Minuten. Niemand wird dort auf Herz und Nieren geprüft.“ In anderen Bundesländern fänden solche Vorstellungsgespräche mit vier bis fünf Ausbildern und einem Psychologen, statt. In Berlin seien es lediglich zwei Ausbilder.