Polizeigefängnis in der Keibelstraße: Dunkler Ort der DDR-Geschichte

In der Innenstadt, nur wenige Meter vom Alexanderplatz entfernt, befindet sich ein neunstöckiges Gebäude mit einer Vergangenheit, die ein dunkles Kapitel der DDR-Geschichte ist. Schmale Zellen, enge Pritschen, dicke Türen mit Riegel und Luke – 214 Plätze gab es im früheren Polizeigefängnis in der Keibelstraße.

Das Gebäude steht heute unter Denkmalschutz und fast alles ist noch so erhalten wie früher. Seit einigen Jahren gibt es die Idee, das Gefängnis als Lernort für Schulklassen zu öffnen. Die Senatsbildungsverwaltung, deren Büros sich neben dem Gefängnis befinden, hat vor vier Jahren eine Arbeitsgruppe eingesetzt. Seitdem wird beraten und geprüft, mehr ist nicht passiert.

Stützpunkt der Stasi

Doch jetzt melden sich ehemalige politische Häftlinge. Sie waren verhaftet und im Polizeigefängnis verhört worden. „Das Gefängnis muss endlich der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden“, sagt Rainer Dellmuth, Sprecher der Initiativgemeinschaft Ehemaliges Polizeigefängnis. Der 66-Jährige kam 1967 ins Gefängnis, weil er mit 18 Jahren nach West-Berlin flüchten wollte. Sein Vater lebte in Lankwitz. Dellmuth und seine Mitstreiter wollen daran erinnern, dass in der Keibelstraße nicht nur Kriminelle inhaftiert waren, sondern auch politische Gegner und Unangepasste, die als asozial galten, weil sie Punker waren.

Dellmuth sagt, die Stasi habe im 6. Stock ihren Stützpunkt gehabt, er sei dort verhört worden, so wie etliche Bürgerrechtler und Künstler, etwa der Liedermacher Wolf Biermann, Schriftsteller Florian Havemann, City-Sänger Toni Krahl und der Maler Norbert Bisky. „Die Polizei war dort verwoben mit der Stasi“, sagt Dellmuth, der als politischer Referent Schulklassen durch die Gedenkstätte Hohenschönhausen führt. Dort befand sich die zentrale Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit.

SPD: Gefängnis hat nicht viel mit der SED zu tun

Der Direktor der Gedenkstätte, Hubertus Knabe, sagt, er finde es sehr erstaunlich, dass sich bisher niemand richtig um den historischen Bau gekümmert habe. „Das frühere Polizeigefängnis muss unbedingt öffnen, die Betroffenen müssen in die Planungen einbezogen werden“, sagt Knabe. Über die Kosten des Umbaus entscheidet das Abgeordnetenhaus. Dort konnten sich SPD und CDU bisher nicht einigen.

Im Dezember 2013 hatte die CDU einen Antragsentwurf vorgelegt, wonach man das Gefängnis zu einem „Ort der Information über politische Verfolgung in der DDR“ entwickeln wolle. Mit „verhältnismäßig geringem Aufwand“ lasse sich das erledigen. Die SPD lehnte diesen Plan ab. Ihrer Ansicht nach habe das Polizeigefängnis nicht viel mit der Stasi zu tun.

In den Planungen für einen Lernort für Schüler gehe es um „Alltagsrepression in der DDR“ und nicht um eine „Gedenkstätte zum Thema Staatssicherheit“, antwortet der Staatssekretär der Senatsbildungsverwaltung, Mark Rackles, im August 2014 auf eine Anfrage der CDU. Der einst dort inhaftierte Rainer Dellmuth sieht in dieser Bewertung „eine Unverschämtheit“. „Wir werden als politische Häftlinge in einen Topf geschmissen mit Kriminellen“, sagt er.

600 Häftlinge verhört

Hubertus Knabe sagt, Polizei und Stasi hätten in der Keibelstraße räumlich und inhaltlich eng zusammengearbeitet. Etwa 600 Häftlinge seien dort verhört worden, bevor sie ins Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen kamen. Knabe würde das Polizeigefängnis gern nutzen. „Wir könnten sofort anfangen, Gruppen durch das Gebäude zu führen“, sagt er. Nach bisheriger Planung müssten Fluchtwege für etwa 100 000 Euro geschaffen werden, ein Fahrstuhl für einen barrierefreien Zugang würde eine Million Euro kosten.

Die CDU will das Thema jetzt im Bildungsausschuss besprechen. CDU-Fraktionschef Florian Graf sagte der Berliner Zeitung: „Gerade im 25. Jahr des Mauerfalls ist es ein wichtiges Signal, die Erinnerung an die innerdeutsche Geschichte erlebbar zu machen.“