Mitten in Spandau stirbt ein Schwarzer - er hatte ein Polizeiknie im Nacken

Diesmal gibt es kein Video, das die Polizeigewalt dokumentiert. Doch der Bruder des Verstorbenen und eine Beratungsstelle für Opfer von Rassismus erheben schwere Vorwürfe.

Warum musste Kupa Ilunga Medard Mutombo sterben? Mutombo Mansamba hat ein Foto seines Bruders zur Pressekonferenz mitgebracht.
Warum musste Kupa Ilunga Medard Mutombo sterben? Mutombo Mansamba hat ein Foto seines Bruders zur Pressekonferenz mitgebracht.dpa

Mutombo Mansamba nimmt seine Brille ab und tupft mit einem Tuch seine Tränen weg. „Das ist nicht normal“, sagt der stattliche Schwarze Mann im dunklen Anzug. Gerade hat er beschrieben, wie Polizisten den Körper seines Bruders zunächst von dessen Zimmer in den angrenzenden Hof getragen haben, bevor er wiederbelebt wurde.

Warum haben die Polizisten oder Rettungskräfte nicht sofort mit der Reanimation begonnen? Das ist nur eine von vielen Fragen, die sich Mansamba nach dem Tod seines Bruders Kupa Ilunga Medard Mutombo stellt. Bald drei Wochen ist es nun her, dass die Ärzte ihn angerufen haben. Später im Krankenhaus sah er in das aufgequollene Gesicht seines Bruders. Ob die Schwellung von Schlägen oder Medikamenten stammte, kann er nicht sagen.

Das Opfer, der 64-jährige Mutombo, hat in einem Übergangswohnheim in Spandau Falkenseer Chaussee gelebt. Er war schizophren und sollte am 14. September gegen 11 Uhr in eine Klinik gebracht werden. Laut Mansamba hatten die Betreuer des Wohnheims den Verdacht, dass er seine Medikamente möglicherweise nicht mehr einnehme. Die Polizei war im Vorfeld informiert worden, zur Unterstützung bei der Vollstreckung eines richterlich erlassenen Unterbringungsbeschlusses, heißt es im Polizeibericht.

Was dann geschah, ist noch nicht abschließend geklärt. Sicher ist, dass Mutombo nicht mehr atmete. Nach der Reanimation wird Mutombo zunächst ins Vivantes Klinikum in Spandau gebracht, dann in die Universitätsklinik Charité und am 20. September auf die Neurostation verlegt. Er fällt ins Koma. Sein Bruder berichtet, die Ärzte hätten ihn erst am 21. September informiert und noch bevor er Mutombo zu Gesicht bekommen habe mit der Frage konfrontiert, ob sie die Geräte abschalten dürften. Am 6. Oktober stirbt Kupa Ilunga Medard Mutombo.

Ein Schwarzer allein mit sechzehn Polizisten

Daraufhin wendet sich Mansamba an ReachOut, eine Beratungsstelle für Opfer von Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus. Von dem gesetzlichen Betreuer hat Mansamba erfahren, wie der Polizeieinsatz abgelaufen sein soll: Mutombo geriet in Panik, als er seine Tür öffnete und die Polizeibeamten sah. Im Gerangel konnte der Betreuer beobachten, dass ein Polizist auf dem Hals von Mutombo kniete, er zog einen Vergleich zu George Floyd.

Mutombo habe Blut gespuckt, einer der Beamten wischte ihm das Blut mit einer Decke aus dem Gesicht. „Es gelang ihnen nicht, einen alten, kranken und dünnen Mann in eine Klinik zu bringen“, sagt Mansamba. Deshalb forderten sie Verstärkung an, beschreibt Mansamba weiter. Nachdem dreizehn weitere Polizisten eintrafen, schlossen sie die Tür des Zimmers. Laut dem Betreuer mit den Worten: „Wir wollen keine Touristen hier!“ Niemand wisse, was in diesem Raum geschah.  

Die Polizei schreibt im Bericht, dass Mutombo sich mit Tritten, Schlägen und Bissversuchen gegen die Mitnahme gewehrt habe und ihm Handfesseln angelegt wurden. Er sei daraufhin im Beisein seines Betreuers und des Rettungsdienstes „kollabiert“ und eine Reanimation wurde durchgeführt.

Mutombo wurde vom Betreuer des Heims wie ein Kind wahrgenommen, erzählt sein Bruder, er sei nicht aggressiv gewesen. Er hat seinen Bruder einmal in der Woche besucht, beim Einkaufen habe er beispielsweise Hilfe gebraucht. Gegenwehr bei einer Festnahme, bei der mehrere Beamte auf dem Rücken knien, sei legitim, sagt Bislap Basu von ReachOut. „Weil er das Gefühl hat, es geht um sein leben.“

„Warum bin ich erst eine Woche nach dem Vorfall informiert worden?“, fragt Mansamba. „Warum wurde erst ab dem 20. September polizeilich ermittelt?“, fragt Mansambas Anwältin. „Warum war die Polizei überhaupt vor Ort?“, fragt Parto Tavangar, Bildungsreferentin von ReachOut

Die Polizei tötet psychisch kranken Menschen

„Die Beamten sind vorsorglich über die Betreuungsbehörde oder seinen gesetzlichen Betreuer informiert worden“, sagt Jeffrey Loehrke vom Sozialdienst des Heims. Mutombo wusste nicht Bescheid, dass Polizisten kommen würden und er in eine Klinik gebracht werden sollte, erklärt der Betreuer weiter. „Seine psychische Verfassung und kognitiven Fähigkeiten hätten das aber gar nicht zugelassen“, so Loehrke. Loehrke will sich zum weiteren Verlauf der Geschehnisse wegen des laufenden Verfahrens nicht äußern.

ReachOut hat eine Dokumentation rassistischer Polizeigewalt für Berlin von 2013 bis 2021 ausgelegt. Es sei für sie immer wieder ein „Skandal“, dass die Polizei dazugerufen wird, wenn Menschen in eine Klinik gebracht werden sollen. Laut einer Recherche des Senders rbb seien psychisch kranke Menschen besonders oft von tödlicher Polizeigewalt betroffen. Die beteiligten Beamten würden häufig freigesprochen. „In drei Monaten wird die Staatsanwaltschaft sagen, die Polizisten sind unschuldig, der Mann war aggressiv, deswegen stellen wir den Fall ein“, sagt Biplab Basu von ReachOut. 

ReachOut geht von einem rassistischen Tatmotiv und einem Mord aus, auch aufgrund der Dokumentation rassistischer Polizeigewalt in der Vergangenheit. Ob das in diesem Fall zutrifft, müsse geklärt werden. Mutombo Mansamba zeigt sich trotz seiner Betroffenheit versöhnlicher: „Die Polizei ist unser aller Polizei und da, um zu helfen. Die Polizei als Ganze soll nicht als rassistisch abgestempelt werden“, er wirkt ganz ruhig, als er Fragen nach Rassismus und Vertrauen der Polizei gegenüber beantwortet. Mansamba lässt sich nicht aus dem Konzept bringen. „Pannen können passieren, aber die Leute, die dafür verantwortlich sind, müssen bestraft werden“, sagt er.

ReachOut fordert die sofortige Suspendierung aller beteiligten Polizeibeamten. Außerdem erwartet die Organisation eine Stellungnahme von Polizei und Politik, in der sie zumindest ihr Bedauern ausdrücken. Eine Obduktion fand am Freitag statt, der Bericht liegt noch nicht vor.