Pöbeleien, Prügeleien, Messerstechereien: Häufig ist der Alexanderplatz wegen schwerer Gewaltvorfälle in den Schlagzeilen. Sigrid Brandt ist Kontaktbereichsbeamtin, der Alex ist ihr Revier.

Sie sind ja stattlich ausgerüstet. Was tragen Sie eigentlich alles an Ihrem Gürtel mit sich herum?

Dienstwaffe, Mehrzweckstock, Schlüsselbund, Handfesseln, Taschenlampe, falls es einen Kellereinbruch gibt, das Reizstoffsprühgerät...

... also Pfefferspray.

Wir haben im Funkwagen noch ein großes Sprühgerät, aber wenn man das einsetzt, dann sind auch wir betroffen, das überlegt man sich zwei Mal...

Wie oft benutzen Sie Ihre Pistole?

Ganz selten.

Wie oft genau?

Ich bin seit 29 Jahren Polizistin, auf jemanden geschossen habe ich noch nie. Meine Waffe habe ich nur zwei Mal auf jemanden gerichtet. Sie ist für mich ein Mittel zur Eigensicherung. Einmal hatte ich einen Dieb überrascht, der kam mit einem Baseballschläger bedrohlich auf mich zu. Das zweite Mal ging es um einen Apothekeneinbruch, als einer eine kaputte Flasche in der Hand hatte. Dem habe ich klar gesagt: Du bleibst jetzt stehen, und das hat der zum Glück gemacht.

Und wenn er es nicht gemacht hätte?

Dann hätte ich geschossen. Aber die beste Waffe ist immer noch das gesprochene Wort.

Und damit können Sie sich auf dem Alexanderplatz durchsetzen?

Es kommt immer darauf an, wie man auf die Leute zugeht. Erstmal muss man die Stimmung herausfinden, sind die angespannt oder locker drauf, was wollen die. Viele sagen, ich wäre eine Quatschtante, aber ich erreiche mit Reden fast immer was ich möchte.

Warum sind Sie überhaupt Polizistin geworden?

Ich hab ja mal Gärtnerin gelernt. Anfang der 80er-Jahre hat die Berliner Polizei angefangen, Frauen im Polizeidienst einzustellen, davor mussten die Putzfrauen bei Durchsuchungen von Frauen helfen. Ich habe 1984 bei der Berliner Polizei angefangen, zusammen mit 40 Frauen. Ich wollte schon immer Polizistin werden, weil mein Großvater Polizist war.

Haben Sie sich für den Alexanderplatz beworben?

Das hat sich eher so ergeben. Eigentlich wollte ich zur Hundestaffel, ich habe selbst einen Hund, einen Schäferhund-Husky-Mix. Aber die wollten mich nicht. Und am Alex wurde vor zwei Jahren gerade eine Kontaktbereichsbeamtin gesucht. Weil ich gerne mit Menschen zu tun habe, passte das für mich gut.

Das hört sich so an, als ob es Ihnen in Ihrem Revier gefällt.

Ja. Dort sind so viele unterschiedliche Menschen unterwegs. Die meisten Gespräche führe ich übrigens mit Touristen. Die fragen mich nach Sehenswürdigkeiten, und ich erkläre ihnen den Weg.

Und wie reden Sie mit denen?

Englisch natürlich.

Eine Polizistin als Stadtführerin! Sollten Sie nicht vielmehr für Sicherheit sorgen? Am Alexanderplatz passieren schwere Gewalttaten. Vor einem Jahr wurde dort der 20-jährige Jonny K. zu Tode geprügelt. Vor einem halben Jahr schlugen zwei Frauen eine 17-Jährige am Neptunbrunnen krankenhausreif. Im Juli wurde ein Schwarzafrikaner fast umgebracht...

Das sind drei schlimme Taten in einem Jahr. Und das bedauere ich auch sehr. Aber bedenken Sie, dass dort jeden Tag 300.000 Menschen unterwegs sind. Der Alexanderplatz ist nicht gefährlicher als andere Plätze, da wette ich eins gegen eine halbe Million. Aber wenn in der Nähe vom Alex etwas passiert, heißt es gleich, wie schlimm es dort ist.

Wie viele Messerstechereien gab es heute in einem „ganz normalen Dienst“?

Keine. Wir hatten heute drei Taschendiebstähle, zwei Beleidigungen, ein paar Schwarzfahrer. Wenn es zu einer Gewalttat kommt, dann meist aus dem Nichts heraus, das ist das Problem. Der Alex ist bekannt und gut zu erreichen, dort treffen sich ganz unterschiedliche Gruppen und gucken, wie weit kann man gehen. Entweder, andere gehen nicht drauf ein, oder sie machen mit und es geht richtig rund. Das kann von jetzt auf gleich passieren.

Welche Gruppen treffen sich dort?

Da verabreden sich Jugendliche aus dem Umland, um Zoff zu machen. Andere treffen sich nach Feierabend am Neptunbrunnen, um ihr Bierchen zu trinken. Im Mittelbereich sind die Kubaner, gepflegte Leute, die sitzen einfach nur da, weil sie es dort schön finden. Dann unsere Punks ...

... die jungen Leute mit den Hunden, die an jeder Ecke schnorren?

Ja. Die kommen aus Friedrichshain oder Pankow, die gehen abends nach Hause. Zu einigen habe ich Kontakt, aber die wollen das meist nicht, die werden dann von den anderen ausgegrenzt. Früher waren es so 25, jetzt sind es vielleicht acht am Tag. Die sind inzwischen häufiger im Treptower Park, weil sie dort mehr ihre Ruhe haben. Dann gibt es noch die Berber ...

... also die Wohnungslosen ...

...für die der Alex das Wohnzimmer ist. Das waren teilweise bis zu 50 Leute, vor allem Polen und Russen, aber es sind weniger geworden. Ein paar von denen sind im Gefängnis, weil sie gewalttätig wurden. Die hatten angefangen, Leute zu provozieren und wir haben sie öfter kontrolliert. Andere sollen zu anderen Bahnhöfen abgewandert sein, weil sie dort nicht so oft von der Polizei kontrolliert werden wie am Alex.

Es gibt auch viele ältere Obdachlose am Alex.

Die sitzen meistens vor der Marienkirche. Frühmorgens sind die noch alle in Ordnung, da kann man mit ihnen reden. Probleme gibt es mit zunehmendem Alkoholkonsum, am Abend liegen sie oft betrunken irgendwo herum.

Und niemand tut etwas dagegen ...

Und alle Leute gehen an ihnen vorbei und schauen nicht mal nach, ob einer Hilfe braucht. Klar, die riechen zum Teil sehr streng. Aber wo hat ein Wohnungsloser die Möglichkeit, sich mal zu waschen? Nur im Brunnen, und das machen die dann auch. Demnächst bekommen wir eine Toilette für sie, da bin ich schon froh. Ich hätte auch gern eine Dusche, aber die wird dem Bezirk wahrscheinlich zu teuer sein.

Warum dürfen die überhaupt am Alex bleiben? Sie sind die Staatsmacht, Sie könnten eingreifen.

Die einzige Möglichkeit ist ein Platzverweis, wenn die rechtlichen Voraussetzungen vorliegen. Also: Wenn jemand stetig stört oder Straftaten begeht. Kommt das vor, sprechen wir auch einen Platzverweis aus. Aber sie kommen dem oftmals nicht nach. Oder sie steigen in die U-Bahn, werden erwischt wegen Erschleichen von Leistungen, weil sie kein Ticket haben, kriegen dann einen Haftbefehl, weil sie die Strafe nicht zahlen können. Dann sind sie einen Monat im Gefängnis und danach wieder da. Das macht keinen Sinn.

Also lassen Sie die Betrunkenen einfach dort liegen?

Nein, ich mache das nicht. Wenn jemand am Boden liegt, frage ich erstmal, ob alles in Ordnung ist. Merke ich, dass er stark alkoholisiert ist und nicht mehr allein laufen kann, nehmen wir ihn mit zur Gefangenensammelstelle, dort ist auch ein Arzt, dort kann er ausnüchtern. Und ist jemand so betrunken, dass die Gefahr eines Kollapses besteht oder eines epileptischen Anfalls, holen wir den Rettungsdienst.

Wie oft passiert das?

Den Rettungsdienst habe ich dieses Jahr drei oder vier Mal geholt.

Und wenn sie fit sind, kommen sie wieder.

Wo sollen sie denn sonst hin, wo ist denn Platz für diese Menschen? Wir können sie verjagen, aber was würde das bringen? Sie brauchen einen Ort. Wie viele Leute erfrieren im Winter in Berlin? Es gibt viel zu wenig Übernachtungsmöglichkeiten. Gerade die älteren Wohnungslosen fallen immer durchs Raster, weil sie niemand will.

Wie könnte man diesen Menschen denn helfen?

Sie müssen eine Möglichkeit haben, irgendwo unterzukommen. Die Kids werden ja auch betreut, die kriegen drei Mal in der Woche warmes Essen, um sie kümmern sich viele Organisationen, um die Alten nicht. Die leben oft allein. Viele ernähren sich teilweise von Katzenfutter, dazu Kartoffeln, das ist das Billigste...

Erzählen sie Ihnen das?

Ja, weil ich mich mit den Leuten unterhalte. Was meinen Sie, wie viele deutsche Rentner nebenher auf dem Alex Flaschen sammeln? Früher waren es vielleicht 3 oder 4, mittlerweile sind es an die 40!

Am Neptunbrunnen wurde im Sommer ein Mann erschossen. Von einem Ihrer Kollegen. Hätten Sie auch geschossen?

Ja, ich würde auch schießen, wenn mein Leben in Gefahr wäre.

Der Mann wurde in die Brust getroffen. Kann ein Polizist, wenn er sich verteidigen muss, nicht auch auf die Beine zielen?

Es war Notwehr. In einer ruhigen Situation kann ich einen gezielten Schuss in die Beine oder Arme abgeben. Wenn man aber angespannt ist, dann hat man oft einen Tunnelblick und nimmt kaum noch etwas um sich herum wahr.

Haben Sie manchmal Angst?

Nein, wenn man Angst hat, kann man nicht arbeiten, das hemmt. Durch meine Art kann ich viele Aggressionen auffangen. Ich gehe offen und ehrlich auf die Leute zu, spreche mit ihnen, nehme sie ernst und gucke ihnen in die Augen.

Und damit erreichen Sie etwas?

Ja, in kleinen Schritten.

Zum Beispiel?

Die Leute reden mit mir, ich trinke mit ihnen auch mal einen Kaffee, und wenn ich ihnen sage, räumt hier mal auf, dann machen die das. Oder nehmen Sie die Mützenverkäufer, das sind liebe, nette Menschen und ganz arme Schlucker. Die kommen zum Teil aus Pakistan. Einer von ihnen macht seit einem halben Jahr einen Sprachkurs und unterhält sich immer auf Deutsch mit mir. Die dürften ihren Bauchladen eigentlich nicht abstellen und müssen den die ganze Zeit tragen. Das können sie natürlich nicht. Deshalb ist einer in einer Woche gleich drei Mal vom Ordnungsamt erwischt worden. Das kostet jedes Mal eine Menge Geld. Ich hab ihn gefragt, wie er das bezahlt. Er sagt, dann gibt es nichts zu essen.

Und dann tolerieren Sie, wenn der Bauchladen abgestellt wird?

Nein. Ich habe ihnen gesagt, wenn ich komme, dann müssen sie den Bauchladen immer tragen. Und das klappt.

Wo drücken Sie denn ein Auge zu?

Bei den Straßenmusikern. Die dürfen ohne Genehmigung eigentlich nur eine halbe Stunde und ohne Verstärker spielen. Wir haben einen, der spielt richtig gut, da sagen wir, okay, leben und leben lassen. Das ist auch das Ziel meiner Kollegen. Sonst wäre dieser Platz ja tot.

Schreiben Sie überhaupt Anzeigen?

Die Parker im verkehrsberuhigten Bereich schreibe ich auf. Die, die mit dem Auto über den Alex fahren, das ist eine Fußgängerzone. Bei Rotlichtsündern bin ich gnadenlos, ich zeige auch Fahrradfahrer an, das kostet 100 Euro. Ich habe genug schwere Unfälle gesehen.

Was wünschen Sie sich für den Alex?

Dass jeder dort seinen Platz hat und nicht vertrieben wird, weil er nicht erwünscht ist. Und dass am Fernsehturm mal ein paar Stauden gepflanzt werden. Dort stehen immer noch die alten Rosen. Aus Kaisers Zeiten, wie ich immer sage. Da kann ruhig mal was Schönes hin.

Das Gespräch führten Sabine Deckwerth und Fred Bombosch.