Berlin/BärenklauUm von Berlins Innenstadt nach Bärenklau zu gelangen, kommt man besser üppig motorisiert. Wer das 1500-Einwohner-Örtchen im nordwestlichen Speckgürtel von Berlin aus der Innenstadt der Hauptstadt mit den Öffentlichen erreichen will, benötigt je nach Verbindung bis zu zwei Stunden, nachts fast drei Stunden zurück.

Die Infrastruktur – eine einzige Katastrophe: Darüber sind sich die drei SPD-Kandidaten einig, die sich hier dem SPD-Ortsverein Schwante/Oberkrämer vorstellen. Der junge Tischler Finn Kuhne, die Polizistin Ria Cybill Geyer – beide aus Falkensee – sowie die Stadtmarketing-Fachfrau Ariane Fäscher aus Hohen Neuendorf. An diesem milden Mittwochabend sind im Bärenklauer Dorfkrug alle Tische belegt, die Stimmung urig, es duftet nach deftigem Landessen und Bier.

In dem riesigen Nebensaal, eigentlich für Großhochzeiten und Stadtfeste gedacht, trudeln acht Genossen ein. Masken und Tücher werden rasch abgenommen, denn Abstand halten ist hier augenscheinlich kein Problem. Im Vorfeld hagelte es Absagen, berichtet Ortsvereins-Vorsitzende Dana Bosse: Einige hatten sich krank gemeldet, andere weilen noch im Herbst-Urlaub. Doch der Terminplan gestattet keinen Aufschub. Mitte November bestimmt die SPD, wer gegen den CDU-Kandidaten Uwe Feiler antritt. Der Finanzfachwirt hat den Wahlkreis 58 Oberhavel  (Havelland II) für die Union bereits zweimal als Direktkandidat erobert – als zugezogener Ortsfremder. Nun tritt er zum dritten Mal an.

„Feiler hat es verstanden, hier in die Vereine zu gehen und Präsenz zu zeigen“, erklärt Ria Cybill Geyer. Die Sozialdemokraten hätten dabei keine gute Figur gemacht und ihre Kandidaten nach dem Motto aufgestellt: „So, Du musst ran, Pech gehabt.“ So kann es nicht weitergehen, darin sind sich an diesem Abend alle einig. Aber wie sollen Wahlkampf und Bürgerdialog denn ausgerechnet in Coronazeiten funktionieren? Fynn Kuhne will seine Partei stärker in die sozialen Medien bringen, für Ariane Fäscher und Ria Cybill Geyer müssen die Kandidaten zum Anfassen da sein. Mögliche Wähler zuhause besuchen, mit Feuerwehrlern über ihre Nöte sprechen. Aber wie könnte ein Wahlkampf in Zeiten stetig steigender Corona-Zahlen überhaupt organisiert werden? An diesem Punkt wirkt die Runde ratlos.

In dem riesigen Nebensaal, eigentlich für Großhochzeiten und Stadtfeste gedacht, trudeln acht Genossen ein. Masken und Tücher werden rasch abgenommen, denn Abstand halten ist hier augenscheinlich kein Problem. Im Vorfeld hagelte es Absagen, berichtet Ortsvereins-Vorsitzende Dana Bosse: Einige hatten sich krank gemeldet, andere weilen noch im Herbst-Urlaub. Doch der Terminplan gestattet keinen Aufschub. Mitte November bestimmt die SPD, wer gegen den CDU-Kandidaten Uwe Feiler antritt. Der Finanzfachwirt hat den Wahlkreis 58 Oberhavel – Havelland II für die Union bereits zweimal als Direktkandidat erobert – als zugezogener Ortsfremder. Nun tritt er zum dritten Mal an.

vlnr: Ariane Fäscher, Ria Cybill Geyer, Finn Kuhne – jeder von ihnen will für die SPD im Wahlkreis 58 Oberhavel (Havelland II) in den Bundestag ziehen, aber nur einer von ihnen wird kandidieren.

Foto: Studnik

„Feiler hat es verstanden, hier in die Vereine zu gehen und Präsenz zu zeigen“, erklärt Ria Cybill Geyer. Die Sozialdemokraten hätten dabei keine gute Figur gemacht, ihre Kandidaten nach dem Motto aufgestellt: „So, Du musst ran, Pech gehabt.“ So kann es nicht weitergehen, darin sind sich an diesem Abend alle einig. Aber wie sollen Wahlkampf und Bürgerdialog denn ausgerechnet in Coronazeiten funktionieren? Fynn Kuhne will seine Partei stärker in die sozialen Medien bringen, für Ariane Fäscher und Ria Cybill Geyer müssen die Kandidaten zum Anfassen da sein. Mögliche Wähler zuhause besuchen, mit Feuerwehrlern über ihre Nöte sprechen. Aber wie könnte ein Wahlkampf in Zeiten stetig steigender Corona-Zahlen überhaupt organisiert werden? An diesem Punkt wirkt die Runde ratlos.

Gelingt ihr nun, als erste transidente Abgeordnete in den Bundestag einzuziehen, könnten die Genossen Geschichte schreiben. Doch hier im Ortsverein brennen den Anwesenden viele Themen auf den Nägeln. Stichwort: Ärztliche Versorgung. „Ab Freitagmittag ist hier quasi dunkeltot“, formuliert es Ria Cybill. Sie erzählt mir von ihrer Lebensmittelvergiftung, die sie vor einiger Zeit in ihrem Falkenseer Haus erlitt. „Wenn mich meine Lebenspartnerin nicht ins Krankenhaus gefahren hätte, wäre das übel ausgegangen.“

Aber was dagegen unternehmen? Ria Cybill will mehr Anreize für Ärzte, aufs Land zu ziehen. Mediziner aus anderen Ländern sollen offensiv angeworben werden. Dadurch wecke man wiederum auch bei den Einheimischen mehr Verständnis für Fremde, gibt sich die Politikern überzeugt.

Ein Vorschlag, der ein wenig nach traditionell-grünem Multikulti klingt. Tatsächlich hatte Ria Cybill Ende der 70er Jahre als politbewegte Aktivistin in Franken bei der Gründung der bayerischen Grünen mitgemischt. Dann sei sie aber wieder ausgetreten, als die „völlig abgedreht sind.“ Die heutigen Grünen, regt sich Ria Cybill auf, betrieben gar „dieselbe Politik wie die AfD: „Da sind’s eben nicht die Migranten, da sind’s die Autofahrenden.“ Sollte sie tatsächlich einmal für die SPD im Bundestag sitzen, wird das eine mögliche rot-grüne Zusammenarbeit nicht befördern.

Weder mit der AfD noch der CDU will jemand an diesem Abend koalieren – außer Fynn Kuhne, der die Große Koalition nicht kategorisch verdammen möchte. Breite Entgeisterung bei den übrigen Genossen.

In diesem Moment bringt die polnische Pächterin dampfende Piroggi und frischgezapftes Bier in den Sitzungssaal, während Ortsvereins-Vorsitzender Dino Preiskowski die drei Kandidaten mit bohrenden Fragen piesackt.

Ria Cybill kann an dem Abend damit punkten, dass sie das Reizthema innere Sicherheit aus eigener Anschauung kennt – und beide Seiten des Problems benennt: Struktureller Rassismus innerhalb der Polizei müsse selbstverständlich untersucht werden. Aber auch Angriffe gegen Sicherheitskräfte, wie sie in Berlin an der Tagesordnung sind, prangert die Polizistin an.

Am Ende des Abends bleibt unklar, wer hier das Rennen gemacht hat: Der junge Finn Kuhne (23) hat offensichtlich politisches Talent – eckt aber immer wieder mit streitbaren Positionen an. Er beklagt aus seinem Berufsalltag, dass HauptschülerInnen als Auszubildende zu geringe Qualifikationen mitbringen – und erntet umgehend Widerspruch einer Mutter, die von den frustrierenden Erfahrungen ihrer behinderten Tochter beim Einstieg ins Berufsleben berichtet.

Diese Flanke greift die politerfahrene Ariane Fäscher instinktsicher auf: Sie erzählt, wie sie selbst als übergewichtiges Kind immer wieder ausgegrenzt wurde – und gibt sich als Vorkämpferin der Chancengleichheit für alle. „Du wirst gebraucht und geliebt, wie Du bist.“ Mit ihrer eigenen Lebensgeschichte hätte Ria Cybill dieses Thema ebenso für sich entscheiden können, aber dieser Punkt ging wohl gerade an Ariane.

Ihre Chancen, das Kandidatenrennen für sich zu entscheiden, beurteilt Ria Cybill ganz realistisch: „Ich würde mir nicht verzeihen, wenn ich es nicht probiert hätte.“ Und wer auch immer es von den drei so unterschiedlichen Bewerbern schafft, sie werden den Wahlkampf nur gemeinsam als Team bestreiten können. Ria Cybill nennt es die zwei großen Prüfungen ihres Lebens: „Ich bin Polizistin – und ich bin Sozialdemokratin.“